Andromeda Mega Express Orchestra

Ein kleiner Kosmos

Seit seiner Gründung 2006 ist das Andromeda Mega Express Orchestra (AMEO) von einem musikalischen Projekt zu einem 18-köpfigen Ensembles herangewachsen, welches sich in vielerlei Hinsicht von orchestral angelegten Formationen unterscheidet. Bereits eine stilistische Zuordnung der Musik ist kaum möglich, auch die Besetzung ist unkonventionell. Die Kompositionen des Saxofonisten Daniel Glatzel, changieren teilweise zwischen Jazz – vielleicht ließe sich auch eher einfach von improvisierter Musik sprechen – und Klängen aus der Neuen Musik. Das musikalische Ergebnis ist zumeist explosiv, facettenreich, assoziativ, orchestral, überraschend, faszinierend. Mittlerweile hat das Ensemble so einige Bühnen renommierter Jazzfestivals und Konzerthäuser bespielt und hat derzeit drei Alben vorzuweisen. Im Juli 2013 wird sich das Ensemble in verschiedenen Konstellationen erstmalig in Berlin auf einem selbstorganisierten Festival, den Kosmostagen, präsentieren.

JAZZAffine.com ist für ein Telefoninterview mit Daniel Glatzel, dem Initiator und kompositorischen Kopf des AMEO verabredet. Ich erwische den Musiker im Auto auf dem Weg nach Holland für ein Konzert. Die Stimmung im Auto ist ausgelassen.

JAZZAffine.com: Wie darf man sich die Gründung eines solchen Ensembles vorstellen?

Daniel Glatzel: Es hat damit begonnen, dass da vier, fünf Freunde aus verschiedensten Musikrichtungen gerne mal zusammen was machen wollten. Allerdings war es für die Konstellation aus drei Geigen, einem Saxofon und eine Akustikgitarre etwas schwierig Musik zu finden. Also habe ich angefangen für diese Besetzung Musik zu schreiben. Nach und nach habe ich die Besetzung dann immer weiter vergrößert. Das erschien mir sinnvoller. Wir trommelten dann lauter Leute zusammen, teils auch aus der Musikhochschule an der wir damals ja auch noch studierten. Letztlich waren es dann anfänglich 16 Musiker und ich hatte für eine halbe Stunde Musik fertig geschrieben. Bereits die ersten Proben haben allen sehr großen Spaß gemacht.

So hat sich das Schritt für Schritt weiterentwickelt und mittlerweile sind wir 18 Musiker. Zu Beginn hatte ich nie wirklich die Absicht eine so große Band zu leiten und zu organisieren. Auch die Art von Musik, also quasi so etwas wie ne „Bigband“, war eigentlich auch nicht so mein Ding.

Mir wurde dann aber auch schnell klar, dass in der Besetzung viel Potential und viel Energie steckt. Letztlich musste jemand anfangen das Ganze zu koordinieren und in diese Rolle bin ich dann hinein gewachsen. Von der Anfangszeit sind auch noch 12 Leute dabei ohne deren Hingabe und Freundschaft ich auch wahrscheinlich schon längst aufgehört hätte.

Du hast gesagt, dass du die Besetzung vergrößert hast weil dir das sinnvoller erschien. Wie ist das gemeint?

Vor allem war und ist es wichtig eine gute Balance zwischen den Instrumenten zu finden. So sind z.B. Schlagzeug und Saxofon im Vergleich zur akustischen Gitarre ziemlich laute Instrumente. Die Relationen mussten stimmen, deswegen haben wir das gleich etwas orchestraler angelegt.

Sicherlich kann man für alle Besetzungen Musik schreiben, damals hielten wir das aber für nicht so möglich.

Wie seid ihr als Band organisiert? Die meisten Kompositionen sind ja von Dir. Können sich die anderen Musiker auch mit einbringen?

Ja, die meisten Stücke sind von mir, aber ab und zu bringt jemand anderes aus der Band was mit. Manchmal spielen wir auch Stücke von anderen Komponisten, je nachdem welche Ideen wir gerade verfolgen. Neulich haben wir sogar zu viert ein Stück zusammen geschrieben.

Natürlich ist es schwierig jede Entscheidung demokratisch zu fällen, sonst wären wir eher ein Parlament anstatt eine Band. Wir versuchen aber schon so viele Fragen wie möglich gemeinsam zu klären. Ich versuche dann auch zu gucken, was der gemeinsame Nenner der Band ist und danach treffe ich die Entscheidungen.

Stöbert man ein wenig in den Online-Medien, so fiel ab und zu, wenn auch selten, der Begriff „Bigband“ oder „Jazzorchester“. Weder in eurem Namen noch sonst in euren Texten findet man derartige Begriffe. Wolltet ihr euch davon bewusst distanzieren?

Nun unsere Musik kann einfach keinem bestimmten Genre zugeordnet werden. Bereits bei der Besetzung handelt es sich um eine sehr ungewöhnliche Konstellation von Instrumenten, die in der Art selten vorkommt. Außerdem besteht die Band aus ganz unterschiedlichen Musikern. Also manche spielen sonst nur Jazz, andere nur Neue Musik oder Klassik. So sind alle Musiker Spezialisten auf verschiedensten Gebieten. Ich finde genau das ist das Besondere an der Band. Damit entziehen sich aber sowohl Komposition als auch Besetzung einer klaren Zuordnung.

Wie seid ihr auf euren Namen gekommen? Der ist ja doch ganz schön lang.

Der Name ist auch ironisch gemeint. Ein bisschen durch den Zeitgeist geprägt, dass alles auf eine Art immer groß und spektakulär sein muss. Wir haben mit dem Namen also deutlich übertrieben und ich finde es gut, dass er nicht in einige Layout-Formate passt.

Du hast den „Zeitgeist“ angesprochen. Würdest du über deine Musik auch behaupten, dass sie den jetzigen Zeitgeist widerspiegelt oder kommentiert?

Mit Sicherheit ist die Musik immer eine Art Spiegel gesellschaftlicher Dinge, weil man ja auch gar nicht ausschließen kann was man davon in sich so aufnimmt. Allerdings ist das auch von Stück zu Stück sehr verschieden. Es gibt zum Beispiel ein paar Stücke, bei denen ganz bewusst bestimmte Genres zitiert werden. Aber solche äußerlichen Wechsel dürfen nicht an der Oberfläche hängen bleiben. Es geht immer darum, auf eine bestimmte Energie hinzuweisen, die sich in alles entwickeln oder verwandeln kann. Das ist auch das Besondere an der Band, das man hier durch die Verschiedenheit so drastisch formulieren kann.

Gegründet habt ihr euch ja 2006. Hattest du erwartet, dass sich das Projekt über diesen Zeitraum von knapp 6 Jahren so entwickelt?

Nein, so genau konnte ich mir das natürlich nicht vorstellen. Ich hatte aber auf jeden Fall das Gefühl, dass es etwas Langfristiges werden könnte. Ich hab einfach gespürt, dass da viel drin steckt. Letztlich ging es dann darum das Potential auszuschöpfen.

Es ist aber immer noch ein Entwicklungsprozess. Ich hatte gedacht, dass es schneller von selbst laufen würde. Es ist immer noch ein enormer Aufwand, vor allem organisatorisch. Aber ich habe auch immer wieder das Gefühl, dass sich vieles unerwartetes ergibt und wir einen guten Schutzengel haben.

Mittlerweile habt ihr allerhand Erfolge vorzuweisen; habt Alben aufgenommen und wart auf renommierten Festivals zu hören. Bist du rückblickend zufrieden mit der Entwicklung?

Ja, das was bisher passiert ist, ist sicherlich toll. Wir haben die Möglichkeit erhalten mit so einer großen Truppe mehrfach ins Ausland zu reisen. Dafür sind wir sehr dankbar. Vor allem steht aber die Musik im Vordergrund. Es geht letztlich darum, dass wir musikalisch wachsen können. Dafür brauchen wir einfach Gelegenheiten zu spielen.

Mir ist aufgefallen, dass ihr vergleichsweise oft im Stattbad Wedding gespielt habt. Das Stattbad versteht sich als internationaler und interdisziplinärer Ort für zeitgenössische Kunst, Musik und Kultur und auch als ehemaliges Schwimmbad sicherlich ein Ort für ungewöhnliche Veranstaltungen. Wie kam es dazu, dass ihr an einem solchem Ort Konzerte gegeben habt und ja auch eure Kosmostage am 5. & 6. Juli dort sein werden?

Ich glaube wir haben dort fünf mal gespielt… Wir mögen Konzertorte, die etwas untypisch sind, aber dafür auch offener uns und der Musik gegenüber. Gerade vor ein paar Jahren gab es in Berlin noch so allerhand interessante Orte, in denen man relativ unkompliziert etwas machen konnte. Fürs Festival ist das Stattbad auch deshalb super geeignet, weil es viele interessante Räume gibt … diverse Swimmingpools, aber auch Keller, Waschkabinen. Und erstaunlicherweise ist die Akustik im Stattbad ganz gut.

Bei dem Festival werdet ihr euch ja in verschiedensten Konstellationen und auch gemeinsam mit anderen Kunstformen präsentieren. Wie kann ich mir das vorstellen?

Die Idee des Festivals ist, dass wir die einzelnen Musiker, die ja eben aus verschiedenen Musikrichtungen kommen, besser und ausführlicher vorstellen können. Daher hatten wir die Idee so ein zweitägiges Festival zu organisieren, bei dem sich mittlerweile durch die vielen verschiedenen Konstellationen ein kleiner Kosmos aufgetan hat. Es gibt diverse Streichtrios, klassische Kammermusikbesetzungen, bis hin zu Improvisationen mit Live-Malerei, Jazz…Monk & Mingus zum Beispiel. Visuell wird das Ganze auch von Soo-Eun Lee witzig ergänzt und unter ein Dach gebracht. Sie agiert als Bühnenbildnerin und Kostümbildnerin und hat einige Künstler eingeladen, Installationen beizutragen.

Gab es die Idee schon lange?

Es ist mir schon öfters mal im Kopf herumgespukt, sodass ich mir dann dachte, wir sollten es einfach mal machen.

Das Stattbad ist mit seinen verschiedenen Räumen und den unterschiedlichen Atmosphären dort ein idealer Ort, um mehr zu machen als eine pure Konzertreihe. Die Kombination aus verschiedenen Formationen unterschiedlicher Genres mit anderen Künsten erschien uns da als ein stimmiges Konzept.

Es wird dadurch vielleicht auch ein anderes Publikum angesprochen. Beim Festival gibt es genügend Gelegenheiten Bekanntes und Unbekanntes kennenzulernen.

Man hat die Wahl sich im Programm Sachen anzuschauen die man gern hat, aber eben auch jede Menge Sachen mit denen man vielleicht normalerweise nicht konfrontiert wird.

Gibt es konkrete Zukunftspläne, irgendeine Vision die du mit dem Ensemble verfolgst?

Ja, wir machen schon Pläne und Projekte, aber ich merke halt auch, dass es schon das Wichtigste ist, sich auf die einfachen Sachen zu konzentrieren. Vor allem, dass es musikalisch stimmt. Vieles ergibt sich dann auch von selber. Wir haben zum Beispiel ein spartenübergreifendes Projekt in 2014 im HAU1 mit der Gruppe „Invisible Playground“, das nennt sich Drohnenmärchen…

Klingt interessant. Was kann ich mir darunter vorstellen?

… ich weiß ehrlich gesagt auch noch nicht so richtig was das sein wird. Eine Mischung aus Konzert und interaktivem Spiel mit Drohnen die herumfliegen (lacht)…ja mal sehen…manchmal weiß man bei neuartigen Entwicklungen halt selber noch nicht so recht was daraus wird. Aber das ist auch gut so, denn bei Zusammenarbeiten will man ja auch überrascht werden und das Gemeinsame entsteht dann im Prozess. Aber wir haben auch weiterhin konkrete Pläne für AMEO. Wir wollen unser Live-Album veröffentlichen und das nächstes Jahr mit einer langen Tour verbinden. Daraus entsteht dann wiederum eine neue Platte mit neuem Material. Es gibt also viel zu tun.

Dann wünschen wir dir und der Band viel Erfolg! Vielen Dank!

Gerne!

Das Interview wurde am 23.06.2013 geführt.

5. & 6. Juli 2013 – KOSMOSTAGE im Stattbad Wedding

Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager

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