A l’arme! Festival – Ein inspirierender Abend

FM Einheit (c) Peter Gannushkin

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Berlin, 10. August 2013 – Mir war es vergönnt den letzten der drei Konzertabende des A l’arme! Festivals mitzuerleben. Es ist ein etwas frischer Sommerabend, kurz nach 19Uhr und es haben sich schon zahlreiche Zuhörer zum ersten Konzert des Abends im Saal des Radialsystem V eingefunden.

Fred van Hove – Solo

Der Abend wird von Fred van Hove, solo am Klavier, eröffnet. Der belgische Improvisator, Jahrgang 1937, betritt nach einer kurzen Einführung van Hoves durch Louis Rastig die Bühne, ohne eine Ansage, ohne kurze Begrüßung. Wer den Pianisten kennt weiß mit wem er bereits in der Vergangenheit gespielt hat – Brötzmann, H. Bauer, Kowald usw. – und wird wissen was ihn die nächsten 30 Minuten zu erwarten hat. Er packt sein Stoffbeutelchen mit allerlei Utensilien aus, setzt sich an den Flügel und das erste Clustergewusel kommt zum Erklingen. Nach dem die erste Warmspielphase mit Clustern, chromatischen Linien über alle Register vorbei ist, beginnen erste Interessante Entwicklungen in seinem Spiel. Er drückt mit faszinierender Fingerfertigkeit die Tasten des tiefen Registers, eine schwere Klangwolke türmt sich im Saal auf. Ich stelle mir in dem Moment eine Armee aufgebrachter, dicker Hummeln vor. Dann, plötzlich Registerwechsel, bringt er ganz weiche Klänge zum Vorscheinen. Hin und wieder plätschert es wie in einem Bach aus Tönen vor sich hin. An einigen Stellen sogar meint man etwas Bekanntes wieder zuerkennen, eine Art russisches, frei improvisiertes Klavierkonzert. Man bekommt das Gefühl, als wolle sich durch das wilde, chaotisch anmutende Tondickicht, eine Harmonie, etwas Konsonantes durchkämpfen. Immer wieder sind einzelne Fragmente zu hören, die sich vom Gewusel deutlich unterscheiden. Fred van Hove gewährt Ihnen aber an diesem Abend nicht, sich durchzusetzen. Auch hat man mittlerweile erfahren, dass er wenigstens einen Satz Kugeln in seinem Beutelchen aufbewahrte, die er gerne mal über die Klaviersaiten herumschupste.

Letztlich schafft van Hove es nahezu 25 Minuten ohne Unterlass zu spielen, sichtlich erschöpft, mit musikalischen Höhen und Tiefen.

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Nächster Programmpunkt – FM Einheit & Massimo Pupillo

FM Einheit and Massimo Pupillo (c) Peter Gannushkin_PresseOrtwechsel in die Halle des Radialsystems. Beim Betreten der Halle wird die Neugierde sofort geweckt: überdimensionierte Metallfedern hängen von der Hallendecke hinunter, eine große, aufgebockte Metallplatte bedeckt mit weißem Kies, Hammer, Bohrer, ein Laptop und Verstärkertürme entdeckt man auf der Bühne. Die Künstler betreten das Szenario, Frank Strauß alias FM Einheit beginnt im Kies auf der Metallplatte herumzuwühlen. Durch die Mikrofone erklingt ein kratzendes Rauschen. Sein musikalischer Kumpane Massimo Pupillo bringt erste leise Geräusche am E-Bass hervor. Der E-Bass liegt dabei noch auf dem Boden und es entstehen seltsame Eigenresonanzen. Den beiden Künstler ist das feine Gespür für mannigfaltige Klangerzeugung sofort anzumerken. In kürzester Zeit zieht mich das Treiben auf der Bühne in seinen Bann: ein Geräusch, ein Klang nach dem anderen macht mich immer Neugieriger. Was kommt als nächstes? Auch die restlichen Zuhörer wirken sehr aufmerksam lauschend. Die Künstler spielen sich in Ekstase, die Erde bebt(!) vor tieffrequenten Geräuschen, FM Einheit kreiert mit zwei Metallstäben auf der Metallplatte samt Kies einen Rhythmus. Der Fluss aus Klängen bekommt an Fahrt. Scheinbar treibt die Ekstase nun FM Einheit dazu mit einem Gummihammer mit zelebrierendem Genuss auf die Metallplatte einzuhauen, währenddessen Pupillo seine Bass-Saiten und die Tonabnehmer mit der Bohrmaschine traktiert. Ich komme aus dem Stauen nicht mehr heraus, was für eine wahrhaftige KlangGEWALT diese zwei Menschen gerade hervorbringen. Nach knapp 15 Minuten endet die erste Performance mit einem lauten Schlag: „Guten Abend“, ist von dem in Atem geratenen Frank Strauß zu vernehmen, nach dieser Performance mit banaler Wirkung. Das Publikum jubelt vor Begeisterung. Ein kurzer Klick am Laptop und eine Videosequenz mitsamt Audiotrack werden abgespielt. Endlich widmet Frank Strauß sich den Metallfedern: mit verschiedensten Gegenständen, aber auch mit Händen und Fingern – die Dynamik und Klangfarbe dieses Gegenstandes ist faszinierend. Der E-Bass erzeugt eine tiefe Feedbackschleife, wieder bebt die Erde, meine Fluchtinstinkte melden sich. FM Einheit greift nun zum Hammer und zerschlägt nun im Rhythmus des minimal Electro-Loop und mit vollem Körpereinsatz Klinkersteine – wohlbemerkt auf der Metallplatte.

Am Ende dieser beeindruckenden, teilweise martialischen Performance ist das Publikum vollends begeistert, die Künstler sind beglückt und verschwitzt. Die Metallplatte ist Reif zum Recyceln.

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Ein Quartett und ein Sextett

Während sich bisher Solo- oder Duo-Performances präsentiert haben, widmet sich der Festivalabend nun den größeren Formationen. Das Quartett, welches sich auf Initiative des Pianisten und künstlerischen Leiters des Festivals Louis Rastig formiert hat, lässt während seines Konzertes deutlich die Verwurzelung des Ensembles im Freejazz spüren.  Keinesfalls aber in dogmatischer Weise. Stets im musikalischen Fluss interagierten die Musiker mit musikalischer Intelligenz. Noch gerade wilde Linien und Quäkendes von Conny Bauer (Posaune) und Peter Evans (Trompete), führt das Klavier eine kontrastierende, vereinzelt sogar konsonante Figur ein. Die Stimmung im Ensemble ändert sich, der Schlagzeuger Paal Nilseen-Love nimmt Zurückhaltung ein und es entsteht wieder etwas Neues.

Die Musiker spielen mit viel Energie und jeder Einzelne trägt deutlich erkennbar mit seiner Individualität zum Klangkonglomerat bei. Nach knapp 30 Minuten endet das Konzert und ich ergreife die Gelegenheit die Räumlichkeiten zu verlassen, um mir das nächste Ensemble anzuhören. Dieses hatte bereits parallel zum Quartett ein erstes Konzert gespielt.

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Studies for player piano

Bevor das Ignaz Schick Electroacoustic Ensemble Töne von sich gab, bekomme ich noch zwei Werke für Klavier von Conlon Nancarrow (1912-1997) zu hören: die Kompositionen Nr. 21 und Nr. 37 aus der Werkreihe Studies for player piano. Bereits der eigentümliche Name der Kompositionsreihe verweist auf den Umstand, dass diese Musik nicht von Menschenhand gespielt wird. Nancarrows Klavierstücke sind von einer derartigen polyphonen Komplexität, dass sie nur mithilfe eines Apparates gespielt werden können, das player piano oder auf deutsch pianola. Ich hatte also das Glück genau so einen Apparat beobachten zu dürfen. Bedient wurde er vom  Neue Musik-Komponisten Wolfgang Heisig. Die ungewöhnliche Auffassung Nancarrows von Mehrstimmigkeit brachte eine interessante Klangwelt hervor. Eine Klangwelt aus zahlreichen Einzelstimmen, die sich in eigenen Tempi und Verläufen unabhängig von den anderen Stimmen bewegten, aber bei lediglich erstmaligem Hören kaum bis gar nicht differenziert wahrzunehmen waren. Dafür aber entstanden spannende Klänge wie man sie von einem Klavier nur selten präsentiert bekommt.

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Ignaz Schick Electroacoustic Ensemble

Gleich im Anschluss an das knapp zehn minütige Klavierkonzert versammelte sich das Ignaz Schick Electroacoustic Ensemble auf der Bühne. Bereits die Instrumentierung war für mich ungewohnt. Diverse Mischpulte, Lautsprecherboxen, viele Kabel und mittendrin ein Schlagzeug, welches im Vergleich zum restlichen Aufbau plötzlich konventionell wirkte. Die elektronische Fraktion setzte sich aus Toshimaru Nakamura (no-input mixing), der Italienerin und Wahlberlinerin Marta Zapparoli mit ‚manipulated tapes‘ und ‚field recordings‘ und Werner Dafeldecker an den ‚electronics‘ zusammen. Das Ensemble kompletierte sich mit Ignaz Schick an diversen Holzblasinstrumenten, mit Matthias Ller an der Posaune und Paul Lovens am Schlagzeug .

Die Performance begann mit schwer zu lokalisierenden Geräuschen: Töne, Knacken, Rauschen, ein Knarzen. Das Schlagzeug beginnt Töne von sich zu geben, ein Saxophoneinsatz. Es entsteht ein Fluss an Geräuschen, man spürt eine Interaktion unter den Musikern die eine gewisse Dynamik im Ensemble entstehen lässt. Es fiel mir allerdings schwer dem Geschehen zu folgen, vielleicht auch mich auf die Klanglandschaft einzulassen. Hier und da entsteht für mich interessantes, aber so richtig zusammenpassen wollten die einzelnen Soundbeiträge in meinen Ohren nicht.

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Zu Gast aus Japan

Mittlerweile ist es 23.30 und ich freue mich das letzte Konzert in der bestuhlten Halle genießen zu können. Mit großer Spannung wurden die drei japanischen Musiker erwartet, die Halle war mit geschätzten 300 Zuhörern voll besetzt.

Louis Rastig betritt noch einmal die Bühne, auch etwas erschöpft aber sichtlich gelöster als zu Beginn des Abends. Als „fullminanten Abschluß dieses Festivals“ lädt er die Musiker auf die Bühne ein: Michiyo Yagi an der 21 saitigen Koto und 17 saitigen Bass-Koto, Akira Sakata am Saxofon und der „Schootingstar“ des japanischen Fusionschlagzeuges Tamaya Honda.

Yagi, Sakata and Honda (c) Peter Gannushkin_PresseDas Trio beginnt bereits mit viel Spielenergie und tonalem Einsatz. Die Musiker waren aber weitaus in der Lage, das Geschehen deutlich zu intensivieren. Der Saxofonist spielte nicht abreißende Linien in kreischenden Höhen, ein Schlagzeug-Hurrikan und mittendrin das nicht geringer wütende Koto. Die erste Performance dauerte ca. zehn Minuten, nahezu ohne dynamische und spielerische Abwechslung. Es war folglich nach eine solchen intensiven ersten Aufführung sehr angenehm, das die nächste Improvisation mit leisen Tönen und dem zart-rauchenden Gesang Yagis begann. Ein bewusster und damit genialer Konzerteinstieg? Michiyo Yagi begleitete Ihren Gesang an der Koto mit gezupften Tönen und bewegte sich zwischen klarer Tonalität und freien tonalen Räumen. Ich genoss ein sanftes Wechselbad von harmonischer und spannungsreicher Atmosphäre. Der Schlagzeuger begann mit seinen Besen auf der Snare zu wischen, hier und da brillante Klänge seiner Becken, der Saxofonist gesellte sich allmählich dazu. Es entstand eine Musik die sich in einer spannenden Dramaturgie zu intensiver, freudvoller, zuweilen melancholischer Stimmung, bis hin zur Ekstase entwickelte.

Als Festivalabschluss war das Trio aus Japan mit Sicherheit eine gute Wahl.

Ein inspirierender Festivalabend

Wer befürchtete seine Ohren nach einem solchen Abend mit der kontinuierlichen Beschallung zu überfordern, der konnte gelassen bleiben. Das Radialsystem V bot genug Plätze an, an denen man nahezu ungestört von den Konzerten seinen Hunger und Durst mit leckeren Gerichten und einem kühlen Bier bei vernünftigen Preisen stillen oder einfach nur entspannen konnte. Ein wichtiger und von den Organisatoren gut gelöster Aspekt.

Insgesamt durfte ich in den knapp 5 Stunden ein interessantes Spektrum an Musiken und Performances erleben, welche meine Ohren von jenem teilweise zwanghaftem Bedürfnis nach Konsonanz und Harmonie rein gewaschen hatte. Mir wurde eine Welt dargeboten, die mir zwar nicht unbekannt war, in der ich jedoch so allerhand neue Orte kennenlernen durfte und mir einen Abend voller Inspiration verschafft hat. Die Absicht des Festivals ein breites Spektrum der „Avantgarde-Bewegung“ zu präsentieren, wie auf der Website zu lesen ist, gelang. Fraglich bleibt für mich aber, ob überhaupt die Notwendigkeit besteht im Rahmen des Festivals „neue Perspektiven auf den zeitgenössischen Jazz-Begriff“  einzunehmen. Vielmehr würde es genügen, denke ich, sich gänzlich von einem „Jazz-Begriff“ zu lösen und sich auf einen Terminus zu verständigen, der den wesentlichen ästhetischen Kern des Festivals trifft: die Improvisation und die vielfältigen Möglichkeiten künstlerischer Artikulation.

Kurz um: Mit Sicherheit wird jeder Besucher des Festivals unterschiedliche Vorlieben entwickelt haben, allerdings ist auf dem L‘ arme! Festival Langeweile garantiert ausgeschlossen. Ein Besuch im nächsten Jahr wird dringend empfohlen!

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Fotos: © Peter Gannushkin

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Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager

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