A l’arme Festival – Volle Kraft voraus!

Berlin, 8. August 2013 – Am zweiten der drei Abende von „a l’arme“ im Radialsystem V tritt Peter Brötzmann, bereits bei der ersten Ausgabe des Festivals dabei, mit voller Mannschaft und voller Kraft voraus auf. Auf Schildern wird vor der Lautstärke gewarnt und ein Gehörschutz empfohlen. Mit Recht: kaum auf der Bühne legt das „Peter Brötzmann UK Trio“ mit Brötzmann, abwechselnd am Saxophon und der Klarinette wild fiepend, trötend und schnaubend, John Stuarts am Bass und Steve Noble am Schlagzeug gewaltig los. Man spürt die Bassvibrationen bis in die hintersten Reihen des Auditoriums. Unterstützt werden die drei von special guest Jason Adasiewicz am Vibraphon. Im Alter bietet Adasiewicz, dem seine unbändige Spielfreude anzusehen ist, einen Gegenpol zu den alten Recken des Trios, musikalisch fügt er sich nahtlos ein. John Stuarts knarzt mit seinem Bass, im Duo mit Noble an den Drums entwickeln sich interessante Strukturen des Agierens und Reagierens. Der Auftritt dauert eine Stunde und so lange dauert auch die Darbietung der vier Musiker – ein lautstarker parforce-Ritt durchs frei improvisierte Spiel, ein an- und abschwellender Klangkörper, der sich wandelt und verändert und sich doch, in all seinen Variationen, immer wieder gleicht. Zwischen den einzelnen Konzerten sorgt der künstlerische Leiter Louis Rastig für Heiterkeit beim Publikum mit seinen Bögen von Johann Sebastian Bach über Friedrich Nietzsche und Nina Simone zu den Musikern des Abends. In den Pausen promeniert, speist und trinkt das Publikum  am Spreeufer des Radialsystem V bei malerischem Sonnenuntergang.

Clayton Thomas and Chris Corsano (c) Peter Gannushkin_PresseDie Multifunktionalität der Halle und des Saals des Radialsystems sind einerseits, in ihrem industriellen Stil, kongenial zur aufgeführten Musik mit ihren schroffen und extremen Erforschungen von Klängen und der Verweigerung von Melodien im einfachen Sinn. Das funktioniert für die ohnehin verstärkte Combo von Brötzmann, obwohl auch hier die Musiker auf der großen Bühne etwas vereinzelt wirken. Bei dem Duo „Thomas – Corsano“ ist der Raum weniger passend. Clayton Thomas am Kontrabass, Chris Corsano am Schlagwerk, nach Rastigs Ansage, Musiker der vierten oder fünften Generation frei improvisierter Musik gehen in feiner, nachdenklicher Manier den Klängen ihrer Instrumente nach. Die  Intimität des Duos und die konzentrierte Erforschung nicht nur von Klängen, sondern auch vom Wechselspiel mit Stille und Pausen, verhallt bisweilen in den Weiten des Raums.
Während im Radialsystem die Avantgarde ausstellt, hallen vom anderen Spreeufer Technoklänge und vom vorbeifahrenden Ausflugdampfer Unterhaltungsmusik – Klänge überall. Und genau in diesem Wust aus Klängen versuchen die auftretenden Musiker sich, experimentieren mit ihren Instrumenten, mit Klangmöglichkeiten, Spielmöglichkeiten und dem Zusammenspiel mit den anderen Musikern.
So nutzt Vibraphonist Adasiewicz die Klanghölzer seines Instruments auch als perkussives Element, Clayton Thomas fädelt Autoschilder und Eisenstangen zwischen die Saiten seines Basses. Corsano bearbeitet seine drums und erzeugt streicherähnliche Töne – es entwickelt sich ein überraschendes klangliches Zusammenspiel mit dem Bass.
Mats Gustafsson and Thurston Moore (c) Peter Gannushkin_PresseDem Publikum gefällt’s – wippende Köpfe und Füße legen Zeugnis davon ab. Nur beim Duo Gustafffsohn – Moore, die Elektrogitarre, Saxophon und electrics in diversen Spielarten und von leise bis fast unerträglich laut vorführen, verlassen einzelne die immer noch gut gefüllte Halle. Aber das mag auch an der fortgeschrittenen Stunde liegen, Mitternacht naht.
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Fotos: © Peter Gannushkin
Über Bettina Bohle 51 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene

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