Berliner Geschichten – Das Ben Kraef-Trio im A-trane

© Lena Ganssmann

Am vergangenen Sonntag stellte der Berliner Saxophonist Ben Kraef im gut gefüllten A-trane sein neues Album vor, das nach einem Stück von Monk „Think Of One“ betitelt ist.

Es ist eine Berliner Angelegenheit, dieser Abend. Auch wenn alle auf der Bühne stehenden Musiker weit herumgekommen sind: inzwischen leben sie alle in Berlin. Aufgenommen wurde das Album in New York, mit den Musikern John Patitucci und Albert Tootie Heath; dem Schlagzeuger ist auch ein Stück auf der Platte gewidmet („T for Three“). Im A-trane spielt Kraef mit zwei anderen Musikern; dem in der Berliner Szene und anderswo höchst umtriebigen Schlagzeuger Tobias Backhaus sowie dem kürzlich aus New York nach Berlin zugezogenen Bassisten Phil Donkin.

Das Album erscheint auf Shoebill Music, dem Berliner Independent-Label des Gitarristen Johannes Haage. Man kauft eine Vinylplatte mit zwei Stücken und erhält den 24-Bit-download-Code für sieben weitere Stücke – eine interessante Kombinationen von modernen Vertrieb und der guten alten Schallplatte, die wieder höchst en vogue ist.

I’m Old Fashioned

Ben Kraef mag es im besten Sinne gediegen. Er ist zum einen selbst eine Erscheinung, die was hermacht: an diesem Abend im A-Trane dokumentieren vier Fotografen das Geschehen auf der Bühne. Zum anderen schätzt Kraef handwerklich gut gemachten Jazz, der die Improvisation hoch hält. Seine Platte enthält  nur „first takes“. Es wurden also nicht, wie sonst üblich, die Stücke mehrfach nacheinander aufgenommen und dann aus diesen verschiedenen takes die besten ausgewählt und zusammengefügt. Die Platte vermittelt vielmehr ein ebenso direktes Musikerlebnis, wie wenn man die Musiker live improvisieren hören würde.

© Lena Ganssmann
© Lena Ganssmann

Ben Kraef, Tobias Backhaus und Phil Donkin stellen das Titelstück und eine Reihe weitere Songs aus dem Album vor, darunter eine Reihe von Standards, wie Gershwins „I Loves You, Porgy“. Es ist den dreien anzuhören, dass sie gut aufeinander eingespielt sind. Kraef ist ein Teamplayer, er zeigt seine solistischen Stärken und bläst wunderschöne und sehr swingende Linien in sein Saxophon, lässt aber auch seinen Mitmusikern großen Raum. In fast jedem Stück gibt es ein Bass-Solo und auch das Schlagzeug kommt nicht zu kurz, wenn sich Backhaus und Donkin Duelle auf ihren Instrumenten liefern oder gemeinsame Zwiegespräche halten. Kraef verfolgt, wenn er nicht selbst spielt, das musikalische Geschehen aufmerksam, spricht den Rhythmus mit und freut sich sichtlich über seine beiden Mitmusiker.
Kraef hat den etwas dreckigen Sound des Saxophons ebenso drauf wie Linien, die fast klassisch anmuten. Backhaus spielt variabel, mal sehr kernig, mal flirrend, er wabert den Klang seiner Becken mit den Händen und straft alle Lügen, die denken, dass Schlagzeug „nur“ ein Rhythmusinstrument sei. Donkin ist ein Bassist, der äußert gut begleitet, aufmerksam, flexibel und interessant, mit komplexen Rhythmen und Linien, und dabei aber nicht ablenkt vom Geschehen, das er begleitet. Aber er kann auch genau so gut solistisch, wie er an diesem Abend häufiger unter Beweis stellt.

Das Publikum ist von Anfang an von Musikern und Musik eingenommen, klatscht laut zwischen den Soli und gibt auch mal bewundernde Rufe von sich, wenn einer der drei sich besonders gut geschlagen hat.

Am Schluss des Konzerts wird eine Zugabe verlangt, die temporäre Abwesenheit des Bassisten wird von Kraef durch ein ausgedehntes Solo überspielt, irgendwann stimmt Backhaus ein. Schließlich gesellt sich auch Phil Donkin zu den beiden und schafft es mit einer solchen Ruhe und Präzision, seinen Verstärker wieder anzuschalten und musikalisch stimmig einzusetzen, dass ihm ein Lacher und ein warmer Beifall sicher sind.

Insgesamt ein höchst runder Abend: eine moderne Veröffentlichungsweise, drei handwerklich untadlige Musiker und ein atmosphärisches Konzert voller live-Momente im Zusammenspiel, die den Jazz so großartig machen.

Fotos: Lena Ganssmann

Über Bettina Bohle 47 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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