Beruf: Jazzclubbesitzer

Berlin wächst und gedeiht. Es entstehen immer (wieder) neue Konzertorte, auch wenn es leider an Geld mangelt und nicht alle Spielorte von langer Lebensdauer sind. Neben den bekannten und etablierten Jazzclubs in Berlin existieren aber einige, die es bis heute schaffen, Abend für Abend jungen und talentierten Bands eine Bühne zu geben. In Berlin Mitte gehört das WALDO zu jenen Spielorten, der mit viel Engagement seinen Beitrag zur Berliner Jazzszene leistet. JAZZAffine.com hat bereits über einige Konzerte im WALDO berichtet und hat sich nun mit dem Macher Martin Birnbaum auf ein nachmittägliches Interview getroffen.

JAZZAffine.com:

Wie kam es zur Eröffnung des WALDO’s?

Martin Birnbaum:

Ich hatte früher eine kleine Bar namens Birnbaum, gleich um die Ecke. Im Birnbaum gab es schon gelegentlich Konzerte, stieß aber schnell an die räumlichen Grenzen. Also begab ich mich auf die Suche nach größeren Räumlichkeiten. Gleichzeitig wollte eine Freundin von mir eine Konzertreihe Klassiksalon starten. So entstand das WALDO als ein Gemeinschaftsprojekt.

Die ersten Konzerte des Klassiksalons, liefen gut an aber im Laufe der Zeit immer schlechter. Da ergab sich die Frage: „Und was machen wir jetzt?“ Es lag dann irgendwie nahe, mit Jazzkonzerten anzufangen. Zu Beginn waren es nur Sessions, die schnell und gut angenommen worden sind. Vor dem WALDO war hier bereits ´ne Jazzbar drin, sodass sich auch die Session gut herumgesprochen hat.  Später kamen dann die Konzerte dazu.

Ich kam mir schwer vorstellen, dass du dass hauptberuflich machst?

(lacht) Also es ist tatsächlich so, dass das WALDO meine Hauptbeschäftigung ist, auch wenn ich damit kein Geld verdiene. Es war von Anfang an klar, dass die Wirtschaftlichkeit sehr, sehr fragwürdig sein wird. Unsere Geschäftmodell ist daher auch nicht auf reinen Konzerbetrieb ausgelegt, sondern eine Mischung aus Konzert-, Bar- und Veranstaltungsbetrieb ausgelegt. Aber das fand ich auch gerade am Anfang nicht so schlimm, ich habe viele nette Leute durch die Session kennengelernt und auch tolle Musik.

Machst du das allein?

Wir sind zwar eine Gbr., aber das operative Geschäft mache ich vornehmlich alleine. Auch die Entscheidungen treffe ich.

Und wie läuft das, wenn du sagst, dass du damit kein Geld verdienst?

Meistens laufen die Konzerte mit einem Plus minus Null Ergebnis. Ich will natürlich wenigsten nicht noch Geld in den Laden mitbringen müssen. Ich verfolge die Policy, dass die Eintrittsgelder zu 100% bei den Musikern bleiben, wir verdienen das Geld mit der Bar. Zusätzliche Einnahmen kommen durch private bzw. externe Veranstaltungen.

Wie wählst du die Bands aus, die im WALDO spielen?

Es ist eine Mischung aus verschiedenen Kriterien. Es gibt bei uns kein klares Konzept, kein bestimmtes Branding, welches sich dann auch auf die Musikauswahl auswirkt. Erstmal muss mir die Musik natürlich gefallen. Am Anfang haben ich auch häufiger schon etablierte Musiker, ich sag mal die alten Jazzhasen mit dem „klassischen Jazzprogramm“ ins WALDO eingeladen. Aber ich musste feststellen, dass das nicht gut funktioniert hat. Es war teilweise extrem schwierig Publikum zu bekommen. Was deutlich besser funktioniert, sind neue, moderne musikalische Konzepte, die eben auch oft bei den jüngeren Bands zu finden sind. Das scheint das Publikum viel mehr zu reizen und ich denke, dass das auch besser zum Bezirk Mitte passt. Ich versuche also dem Publikum eine neue Qualität zu bieten, Musik also die nicht nur gut, sondern auch neu ist.

Sicherlich ist es auch von Vorteil, wenn ein persönlicher Draht zur Band besteht, obwohl die meisten Anfragen von den mir noch nicht bekannten Bands kommen. Wichtig ist natürlich auch, dass die Band gut vernetzt ist, sodass mit einer gewissen Anzahl an Publikum zu rechnen ist. Dadurch dass die Band 100% des Eintrittsgeldes bekommt, erwarte ich auch, dass die Musiker ihr Konzert im WALDO bewerben. Letztlich ist es auch für die Musiker frustrierend, wenn nur drei Zuhörer kommen.

Gibt es Pläne für die Zukunft?

Im Moment ist es schwierig den Konzertbereich und den Barbereich so voneinander zu trennen, dass beide Welten an Publikum im WALDO ihren Platz finden: die einen die das Konzert hören wollen, die anderen, die bei einem Bier sich unterhalten wollen und mal hin und wieder weghören wollen. Daher will ich den Bereich zur Straße hin öffnen und entsprechend ausbauen. Von dem Ausbau, verspreche ich mir auch mehr Laufpublikum, da wir ja jetzt noch etwas versteckt liegen.

Natürlich wünsche ich mir, dass das WALDO ein Stammpublikum aufbaut, aber das braucht vor allem Zeit. Das WALDO soll auch weiterhin eine Projektionsfläche für neue Konzepte und Bands sein, ohne sich gleich den Druck einer strengen Konzertatmosphäre aussetzen zu müssen. Das WALDO hat aufgrund der Räume diese besondere Unmittelbarkeit. Das Publikum und die Musiker erleben sich quasi tatsächlich hautnah. Diese Besonderheit des WALDO möchte ich weiterhin beibehalten und noch deutlich dem Publikum vermitteln.

Konzertrezension aus dem WALDO: Snooze-On | Matis Cudars-Quartett

Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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