Gelungener Auftakt mit Christian Scott beim Jazzfest Berlin 2013

© Ali Ghandschi

Die Formation um den Trompeter Christian Scott gab am 13. Oktober das Eröffnungskonzert im nahezu vollbesetzten großen Saal des Festspielhauses und gehört zu den Newcomern des Jazzfestes Berlin 2013.

Manch einer im Publikum wurde vielleicht von der für europäische Maßstäbe ungewohnten Konzertästhetik überrascht, schließlich versteht Scott seine Musik als „Stretch Music“ die nicht nur die Verarbeitung diverser Stile des Jazz impliziert, sondern seine Musik entsteht auch immer aus einer politisch- und sozialkritischen Motivation heraus. Dies war an diesem Konzertabend deutlich zu spüren.

Jamsession?

Mit der besonderen coolness amerikanischer Jazzmusiker betrat die Formation die Bühne und ohne Umschweife ging es gleich richtig zur Sache. Keine leisen, behutsamen Töne sondern laut, energetisch und schnell ertönte die Musik. Der Sound erinnerte beim ersten Titel ein wenig an eine ECM-Ästhetik mit weiten Landschaften vor dem inneren Auge, aber mit deutlich mehr Ecken, wilder, farbenreicher und vor allem mit Blueseinschlag. Es wurde auch schnell klar, dass auf der Bühne ein deutlich anderer Wind wehte, als man teilweise sonst von europäischen Formationen gewohnt ist. Schließlich sind Scotts Kompositionen im formalen Aufbau einfach gehalten, aber den Improvisationen kam deutlich mehr Raum und ein gesonderter Stellenwert zu: fast jeder Musiker kam also regelmäßig zum Zuge. Das Ganze wirkte beim ersten Zuhören wie eine Jamsession bei der vieles auf Zuruf geschah, sicherlich auf hohem Niveau. Die Improvisationen des Trompeters Christian Scott gestalteten sich im Laufe des Abends stets abwechslungsreich und man spürte keinerlei Hemmungen das harmonische Gebäude, weder den Charakter der Komposition zu verlassen, um sich ganz auf den Moment seiner Inspiration einzulassen. So entwickelten sich die Stücke in verschiedenste Richtungen, der interaktive Raum unter den Musikern entfaltete sich großartig. Also doch keine Jamsession.

Auch Scotts Mitmusiker,  der 22 jährige Saxofonist und Juilliard-Student Braxton Cook, die Berkleeabsolventen Matthew Stevens an  der Gitarre und der Pianist Lawrence Fields bewiesen ihr technisches und musikalisches Können. Der Bassist Kris Fun kam erst bei der Zugabe „Blue Monk“  zu seinem Solo, dafür räumte er mit Ideenreichtum nicht nur beim Publikum sondern auch bei seinen Musikerkollegen ordentlich ab. Der 23 jährige Schlagzeuger hielt den Laden gut zusammen, ließ sich ab und zu vom Trompeter anfeuern, schnitt aber mit seinen solistischen Einlagen im Vergleich nur mit „gut“ ab. Als ein erstes Stilmerkmal des Schlagzeuger fiel der teilweise oft unvermittelte Wechsel des Grundimpulses auf. Besonders bei den Uptempo-Stücken, wechselte er gerne zu langen, halben Grundschlägen, sodass die Musik in Ihrer Wirkung für einen Moment fast zum stehen kommt.

Abwechslungsreich

Der Abend entpuppte sich weiterhin auch hinsichtlich des Repertoires als abwechslungsreich. Gefolgt von zwei Eigenkompositionen, betrat ein spontaner Gast die Bühne: Richard Howell am Sopransaxofon. Es erklang der Jazzsound der späten 50er Jahre á la Miles Davis Quintett. Scott moderierte den Gast im Vorfeld mit dem Verweis an, dass es ihm sehr wichtig sei auch die verschiedenen Generationen auf der Bühne zu versammeln. Die Musiker spielten die Uptempo-Swing Nummer im respektvollen Bewusstsein für die Jazztradition und bewiesen Stilsicherheit. Ganz selbstverständlich knüpfte Scott daraufhin eine selbstkomponierte Jazzsoul-Nummer an, angeführt durch die wundervolle Stimme seiner Ehefrau Isadora Mendez-Scott – mancher Jazzpurist würde bei einem derartigen Stilmix womöglich die Nase rümpfen.

Es war aber genau das, was das Konzert von Christian Scott so interessant gemacht hat. Man bekam den andersartigen Zugang der Musiker zur Musik, ihr anderes Selbstverständnis zur Musik zu spüren. Scott, der sich als redseliger Bandleader erwies, machte am Ende des Sets auch deutlich wie er mit seiner Musik Verweise auf politische oder soziale Kontexte umsetzt. Die Eigenkomposition Ku Klux Police Department verarbeitet eine persönlich erlebte, rassistische und existenzbedrohliche Demütigung US-amerikanischer Polizisten. Düstere, schräge und laute Passagen in der Musik lassen erahnen wie Scotts Gefühlswelt nach diesem Trauma ausgesehen haben muss.

Als Zugabe zeigte sich Scott ganz publikumsnah und ließ es entscheiden: Blues oder ein moderner, wilder Titel. Das Publikum stimmte mit lautem Beifall für den Blues.

Foto: © Ali Ghandschi

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Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager

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