Eine nächtliche Mondfahrt – Matīss Čudars Quartet

Der 1991 in Lettland geborene Matīss Čudars könnte, trotz seines jungen Alters, einigen Lesern bereits durch Projekte wie „North by Northeast“ oder seiner Zusammenarbeit mit Charley Rose bekannt sein. Auf seinem Debutalbum Melancholia von 2012 versammelt Čudars befreundete Musiker um sich und präsentiert mit diesen im „Matiss Cudars Quartet“ eine persönliche Mischung aus zeitgenössischem Jazz, Indie-Rock und atmosphärischen Klängen.

Die Kompositionen

Eine ruhig verhallte Gitarre ebnet im Eröffnungstrack eine Klangreise, in der die Hörer auf Einzelheiten achten, sich aber auch einfach mittreiben lassen dürfen. Das ist kein Manko, sondern eine gelungene Mischung aus anspruchsvollen Kompositionen und lockerem Indie-Rock-Gestus. Fast eine Stunde lang reist der Hörer in elf Tracks mal ruhig getragen, mal im treibenden Rhythmus durch eine mondbeschienene Landschaft, die immer wieder Ruhepunkte bietet. Saxophon, Kontrabass und Schlagzeug begleiten zwar oft die Gitarrenkompositionen Matīss Čudars´, bekommen aber auch Klangraum zum Atmen. Die Musik lässt sich Zeit ohne langweilig zu werden.

In Chipmunk Play scheinen drei Backenhörnchen miteinander in verspielten Rhythmusverschiebungen zu spielen. Dabei werden diese komplexen Passagen von hörfreundlicher Leichtigkeit abgelöst. Freunde der tiefen Töne kommen hier in den Genuss von Lennart Heyndels und seinem zeitweise vordergründigen Kontrabass.

Im Track The Dancer ergänzt ein dezenter Delayeffekt die Gitarre an den richtigen Stellen. Der Titel verweist auf einen ruhigen, sinnlichen Tanz, den Saxophonist Toms Rudzinskis mit der Gitarre im Dialog vollführt. Eine Bewegung zweier, mehr um- als miteinander.

Lan setzt eine zweiminütige meditative Zäsur. Surreale Spaltklänge des Saxophons verweben sich mit zartem Flageolett des Kontrabasses. Dieser rhythmusfreie Klangimpressionismus weckt Erinnerungen an skandinavische Avantgardebands. Die sporadischen Töne der Gitarre werden mit Hall in die Weite getragen, um anschließend in Little By Little rein begleitend das Saxophon in den melodiösen Vordergrund treten zu lassen.

Biking Under The Violet Sky steigert sich langsam aber zielgerichtet zum enthusiastischen Höhepunkt des Albums.  Hier wird die angezerrte und gedämpfte Gitarre zum motorisierten Klangimitator in einer nächtlichen Motorradfahrt, die in einem impulsiven Solo wie Santana mit einem Gameboy klingt. Nach einer rhythmischen Klangkaskade, in der Schlagzeuger Niels Engel glänzen kann, finden Gitarre und Saxophon wieder zueinander.

Melancholische Geschichten zum Beobachten

Die Melancholie durchzieht das gesamte Album, nicht nur als versteckter roter Faden in den reduzierten Übergangsstücken , Lan, Cho und Lia der Tracklist. Es sind mehr als nur Pausenfüller, da hier der Charakter für das gesamte Album geprägt wird. Diese leise gehauchten Momente verdienen die Aufmerksamkeit der Hörer. Melancholia erzählt Geschichten, bleibt dabei dezent genug, um den Zuhörer zum Beobachten einzuladen und zwingt sich nicht auf. Ein schlichtes, doch im ruhigen Ausdruck passendes Artwork rundet die CD ab. Ausführliche Informationstexte sucht man vergeblich, so als wollte der gesamte Tonträger den Zuhörer zur Selbstinterpretation einladen.

Gitarrist Čudars nutzt seine halbresonante E-Gitarre geschickt, um sowohl warme Harmonien zu unterlegen als auch melodiöse Akzente zu setzen. Dabei wird das Album keineswegs zur technischen Selbstdarstellung. Alle Musiker beherrschen ihre Instrumente, stellen sich dabei aber nie bloß zur Schau.

Ein Album für Jazzfreunde, die avantgardistische Klangflächen mögen und in später Abendmusik zum Träumen eingeladen werden möchten.

Foto von Dagmar Gerritse / www.matisscudars.com


Matis Cudars

Matiss Cudars – guitar
Toms Rudzinksis – alto saxophone
Lennart Heyndels – double bass
Niels Engel – drums
Sufgenommen am 10./11. März  2012 durch Markus Braun @ Studio Fattoria Musica. Artwork von Anja Meyer.

 www.matisscudars.com/

 


Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?

2 Kommentare zu Eine nächtliche Mondfahrt – Matīss Čudars Quartet

  1. Attila Kornels Artikel lädt durch seine dezente doch sprachbildhafte Darstellung zum Erwerb & Hören der besprochenen CD ein.

    • Lieber Herr Nitzsche, wir freuen uns sehr über diesen netten Kommentar und wünnschen dann ggf. viel Spaß beim Hören der Musik. Die Redaktion

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