Monika Roscher Bigband – Unkonventionell überraschend

Nach einem ereignisreichen Jahr für die junge Monika Roscher Bigband konnte das Ensemble nun auch beim Berliner Jazzfest 2013 im Haus der Berliner Festspiele unter Beweis stellen wie Bigband klingen kann. Vor knapp über einem Jahr kam die erste CD beim Label ENJA heraus und schon folgten kurze Zeit darauf zahlreiche Konzerte, von Clubkonzerten bis hin zu weiteren renommierten Festivals. Die Fachpresse lobte die Unkonventionalität und Frische Ihrer Musik, daher ist es nicht überraschend, dass das Ensemble als Newcomer der deutschen Szene auch zum Jazzfest Berlin geladen wurde.

Schrill

Monika RoscherDie Gitarristin und Bandleaderin Monika Roscher betrat die Bühne in einem leuchtend gelben Kleid, umhüllt von einem mönchartigen schwarzen Kapuzenumhang und das Ganze gepaart mit schwarzen Wildwestern-Stiefeln. Scheinbar noch nicht genug, trug sie zudem eine Maske, die das Gesicht zur Hälfte bedeckte. Das Konzert wurde mit dem Titel Failure in Wonderland des gleichnamigen Albums eröffnet und beginnt mit Ihrer mit Vocoder-Effekt belegten Stimme. Bereits etwas ungewöhnlich.  Wer bis dahin die Musik noch nicht kannte, wird nun erahnt haben, dass es sich bei der Monika Roscher Bigband nicht um gewohnte Bigband-Musik handelt. Es ist lediglich das Format, welches Roschers Kompositionen zum Erklingen bringt – Kompositionen, die aus allen möglichen Genres schöpfen: Dubstep-Beats gepaart mit wilden freejazzigen Improvisationen, Rockriffs mit einem mächtigen Bläsersatz, schräge und schrille Töne, wie man sie vielleicht von Neuer Musik her kennt. Es ist vermutlich ihr freigeistiger Umgang mit Musik, der bisher für die große öffentliche Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Musikalische Erzählungen

Monika Roscher ist eine Geschichtenerzählerin. So verarbeitet sie Ihre Kindheitserinnerungen in der Kompositionen Schnee aus Venedig – der genauere Sinn außer etwaiger literarischer Anspielungen bleibt dem Publikum verborgen – oder Sie erzählt einleitend zum Titel Irrlicht ihre Geschichte dazu: es handelt von einem Reiter der um in die Stadt zu gelangen, dabei einen Wald durchqueren muss. Er sieht jenes Irrlicht, welches er als Stadtlicht zu sehen glaubt und verirrt sich nun dank des Irrlichtes. Zu guter Letzt erscheint nun auch noch ein Gorilla in jenem Wald, um alles „kurz und klein zu schlagen“. Das Publikum lacht herzlich: „Das ist halt so, Gorillas gehören in den Wald“, so Roscher zum Publikum. Ihre Musik erklingt tatsächlich wie eine musikalische Erzählung, mit verschiedenen Handlungssträngen, Höhepunkten und unerwarteten Wendungen. Sie scheut sich aber auch nicht eine Ballade im Singer/Songwriter-Stil auf der Bühne des Jazzfestes zu präsentieren. Der Titel Futur 3 ist einfach gehalten, setzt die Bläser begleitend ein. Das Publikum zeigte sich begeistert.

Das Publikum

Die Atmosphäre im Publikum besteht aus einer Mischung von leichter Irritation, Überraschung und schließlich Begeisterung. Die Irritation mag verständlich zu sein, da Roschers Musik eben nicht den üblichen Erwartungen an Jazz entspricht, sondern sie gestaltet ihre Musik unkonventionell.  Auch die Inszenierung Ihrer selbst war für einen Konzertsaal eher ungewohnt. Nicht nur  Ihre ungewöhnliche Kostümierung und Kleidung sorgten für Unterhaltung, sie gestikulierte mit Armen, als würde sie gerade im Geiste fliegen, wanderte auf der Bühne umher als würde Sie als Medium zwischen Ihrer Musik und den Musikern fungieren. Als sie gegen Ende des Konzertes bei einem Klavierfeature die Gelegenheit nutzte kurz die Bühnen zu verlassen, um dann in Ihrem neuen Outfit mit Lila-Abendkleid zu erscheinen, war das Getuschel im Publikum deutlich zu hören.

Persönlichkeit

All diese ungewohnten Qualitäten von Monika Roschers Inszenierung und Musik wirkten aber nicht aufgesetzt oder künstlich. Sie sind als Komplettpaket Ihres künstlerischen Selbstverständnisses und Ausdruckes zu verstehen. Wie vielleicht bei manchen Popkünstlern täuschte Ihre unterhaltsame Inszenierung nicht darüber hinweg, dass das gesamte Ensemble mit guten, jungen Musikern besetzt wurde und die Musik eben Ausdruck einer sich entwickelnden künstlerischen Persönlichkeit war. Wer die Aufnahmen des Debütalbums Failure in Wonderland kennt, wird auch festgestellt haben, dass Roschers Kompositionen ganz selbstverständlich kein starres Gebilde sind, sondern sich im Prozess befinden: Parts wurden teilweise signifikant geändert und Neue hinzugefügt. Zudem war an diesem Abend deutlich zu spüren, dass die Band im Laufe des Jahres deutlich an Reife gewonnen hat.

Aus einem resümierenden U-Bahn-Gespräch einiger Konzertbesucher im Anschluss des Abends war die Frage zu hören, ob denn die Monika Roscher Bigband stilistisch bei einem Jazzfest gut aufgehoben sei: den Skeptikern sei gesagt, dass so manch andere Musik als Jazz anerkannt wird, die den puristischen Ansprüchen nicht gerecht werden würde. Zudem beinhaltet Roschers Musik ohne Zweifel ein wichtiges Element des Jazz weiterhin bei: die Improvisation als freier, individueller Ausdruck.

Rundum ein schönes Konzerterlebnis mit allerhand Überraschungen.

Fotos: © Ali Ghandschi / Berliner Festspiele

Konzert am 3.11.2013 im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen des Jazzfestes Berlin 2013

Line-Up

Monika Roscher, Gitarre, Gesang
Felix Jechlinger, Andreas Unterreiner, Matthias Lindermayr, Johannes Schneider, Trompeten
Ralf Bauer, Roman Sladek, Max Weber, Jakob Grimm, Posaunen
Julian Schunter, alto sax
Jasmin Gundermann, Michael Schreiber, tenor sax
Jan Kiesewetter, alto & soprano sax
Heiko Giering, baritone sax, bass clarinet
Leonhard Kuhn, el. sounds, PC
Josef Ressle, piano
Ferdinand Roscher, bass
Silvan Strauß, drums

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Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager

4 Kommentare zu Monika Roscher Bigband – Unkonventionell überraschend

  1. Die Steigerung ist bemerkenswert. Bravo an Monika und Ferdinand und der Band.

    • Lieber Leser, Liebe leserin! Vielen Dank für den netten Kommentar, das ermutigt und bereitet Freude. Grüße, die Redaktion!

      • Es ist nur so komisch, dass ich bis heute brauchte, das Blog zu entdecken. Ich finde das Prinzip gut, die Haltung gut, den Plan gut. Ich muss auf Sie einmal zukommen.

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