R. Bratfisch: „Jazz in Berlin“ – Eine kleine Pionierarbeit

Unter den mittlerweile zahlreichen Publikationen, die sich mit Jazz befassen, reiht sich nun endlich ein 500 Seiten starkes Buch von Rainer Bratfisch mit dem Titel Jazz in Berlin ein. Man darf getrost „endlich“ sagen, schließlich hat sich die Bundeshauptstadt nicht nur in der Kulturszene allgemein, sondern auch in der Jazzszene in den letzten Jahren besonders gemausert. Vergleiche hin oder her mit New York oder London, die Berliner Jazzszene ist äußerst vital, vielfältig und hat ein hohes Niveau an Musikern zu bieten. Über alles dies erfährt nun der neugierige Leser in Form von Anekdoten, Geschichten und Fakten. Ein wesentlicher Unterschied zu manch anderen historiographischen Werken aber ist, dass die Geschichten und Anekdoten oft aus erster Hand stammen, welche dem Leser einen authentischen, unmittelbaren Eindruck verschaffen. Rainer Bratfisch begnügt sich auch nicht mit nur einer historischen Aufarbeitung über den Werdegang des Jazz und seinen Frühformen in Berlin, sondern ihm ist es auch gelungen die aktuelle Jazzszene Berlins mit aufzugreifen.

Gitarrist Coco Schumann (NICOLAI)
Gitarrist Coco Schumann (NICOLAI)

In der Tat beginnt seine berliner Geschichte des Jazz bei Kaisers Zeiten,  leitet dann in die Goldenen Zwanziger über, bearbeitet den Jazz zu Zeiten des „Dritten Reichs“ um letztlich beim Flöz, A-Trane und Co. zu landen. Dabei fällt angenehm auf, dass der engagierte  Leser durchaus von Anfang bis zum Schluss durchlesen könnte, aber das Buch durch seine Überschriften genauso gut zum Querlesen einlädt. Die Grobstruktur wird durch die chronologische Anordnung vorgegeben, aber von da an kann der Leser seine Reise  z.B. bei den Comedian Harmonists beginnen, um zum Total Music Meeting weiterzublättern, um dann später etwas  zu Coco Schumanns ‚Umwegen zurück zum Jazz‘ zu erfahren. Schließlich liest man etwas über die aktuelle Ausbildungssituation in Berlin – ‚Es muss nicht immer Berklee sein‘. Das Auge kann sich durch die zahlreichen  Bilder und Illustrationen vom Lesen etwas entspannen – hier sind so einige kleine „Schmuckstücke“ der historischen Fotografie wiederzufinden.

Insgesamt handelt es sich bei Jazz in Berlin um eine kleine Pionierarbeit. Der musiksoziologische Ansatz, gepaart mit Geschichten von und über Menschen, die den Jazz in Berlin mitgeprägt haben, als auch die Porträts sorgen für ein abwechslungsreiches und spannendes Lesen. Ein in der Form vergleichbares Werk in Deutschland  ist mir bis dato nicht bekannt.

Sicherlich ist die Geschichte die Rainer Bratfisch uns vorlegt keine Vollständige,  aber man spürt deutlich, dass er sich bemüht hat, möglichst alle Facetten des berliner Jazzlebens zu erfassen. In seinem Vorwort erfährt man etwas zu den Motivationen und seinen abwägenden Entscheidungen :

Es kann keine umfassende Geschichte des Jazz in Berlin geben, es wird immer eine Vielzahl von Geschichten sein. Einige dieser Geschichten werden hier erzählt. […] Dieses Buch bietet Orientierungs- und Verständnishilfen, sich in einer Szene zurechtzufinden, die immer widersprüchlich, selten überschaubar und niemals langweilig ist. Es ist auch ein riesengroßes Dankeschön an alle, die seit Jahrzehnten dafür sorgen, dass sich die Jazzszene in Berlin immer weiter entwickelt, qualitativ und quantitativ. Dieses Buch sei daher auch allen gewidmet, die ich aus Platzgründen nicht nennen konnte.

Mit seinem derzeitigen Kaufpreis von 129 € gehört dieses Buch nicht nur in ein Bücherregal einer Universitätsbibliothek, sondern wird auch dem „privaten“ Leser mit unterschiedlicher Vorbildung lange Freude bereiten.

Lesen Sie im Januar 2014 eine ausführlichere Besprechung des Buches!

Über den Autor

Rainer Bratfisch schreibt seit 1968 für Tageszeitungen und Fachzeitschriften über populäre Musik, unter anderem für »Melodie und Rhythmus«, »JazzPodium« und diverse Sammelbände. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Seit 1972 ist Bratfisch Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Jazzforschung in Graz. Die Berliner Jazzszene kennt er seit 1965.

Buchcover: Jazz in BerlinJazz in Berlin
472 Seiten, 22 x 29,6 cm
500 Abbildungen
gebunden, im Schuber
inklusive Poster im DIN A3-Format
ISBN 978-3-89479-802-4

Zum NICOLAI Verlag …

Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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