Geir Lysne – Kreise von Norwegen zum Dschungelbuch

Auf seinem neuen Album New Circle präsentiert der norwegische Komponist, Multiinstrumentalist und Bigband-Leiter Geir Lysne ein Sextett, das auf weitere acht Gastmusiker trifft. Heraus kommen groovende E-Basslinien, die durch digitale Synthese mit multiethnischen Klangfarben verschmelzen.

Die Schlange aus Rudyard Kiplings „Dschungelbuch“ wird in Kaa is Back In Town musikalisch zum Leben erweckt und schlängelt sich in melodischen Kreisen durch jazzigen Trip Hop. Die tieffrequenten Bassmelodien machen Spass und zeugen von Spielfreude. Spätestens hier ist klar: Diese Musik wäre mit dem prägnanten Rhythmusspiel in jeder Lounge-Bar als bloßer Hintergrund fehl am Platz.

Die ausgezeichnete Sängerin Huong Thanh verzaubert in A Million Stars mit ihrem vietnamesischen Gesang, während in Armana Na Nunga afrikanische Phrasen folgen. In den vokalen Stücken setzt der Komponist zahlreiche Sprachen ein und löst dadurch gezielt Grenzen der Sprachmelodik auf. Mit weltweitem Gesang wird ebenso experimentiert wie mit Instrumentalfarben. Die Produktion besticht hier dadurch, dass die große Instrumentenvielfalt gezielt abgemischt wurde und z.B. eine Akustikgitarre mit allen Nuancen gegen Perkussion und elektronische Sounds bestehen kann.

22 setzt in der Mitte eine auffällige Zäsur in ein ansonsten fröhlich-wildes Album. Gerade das reduzierte Geschehen zu kalten Klängen fällt auf. Allein vom Hören wird sich schwerlich die hintergründige Bedeutung erschließen. Tatsächlich verarbeitet Lysne hier das Attentat in Norwegen vom 22. Juli 2011 in einer musikalischen Meditation.

Die elektroakustische Feinarbeit von Reidar Skar ist durchweg souverän eingesetzt und ergänzt die Kompositionen geschickt. Wenn in Tracks wie Sakn eine ruhige Flöte mit asiatischem Timbre auf tiefe dezente Perkussion trifft, scheint wenig Konkretes zu passieren. Gerade dadurch entsteht aber ein spezieller Ambient-Klang, der einer versteckten Komposition folgt. Die durch Klangsynthese gewonnenen Farben wirken zwar zeitgemäß, doch auf den Stand der Möglichkeiten elektronischer Musik betrachtet keinesfalls innovativ. Beim Hörerlebnis dürfte dies aber höchstens Freunden des Genre auffallen.

Das Album erzählt insgesamt verschiedene Geschichten, die den Geschmack diverser Kontinente mit sich tragen. Entdecker werden hier auf außergewöhnliche Kombinationen stoßen, wobei sich die feinen Details erst bei gebührender Lautstärke der heimischen Anlage offenbaren. Zeitweise erinnert die Musik entfernt an Künstler wie den Australier James Morrison oder Trilok Gurtu aus Indien, wobei es nie nach reiner Kopie klingt.

 

 

Attila Kornel

 

 

Titelfoto: ©Hans Arne Vedlog


VÖ. Deutschland: 25.10.2013

Lysne_Circle

  1. Please Welcome! ( Lysne, Geir) 08:22
  2. Sakn ( Lysne, Geir) 06:46
  3. Kaa Is Back In Town ( Lysne, Geir / Skår, Reidar) 08:05
  4. A Million Stars ( Lysne, Geir / Thanh, Huong) 11:40
  5. 22 ( Lysne, Geir) 05:15
  6. Amana Na Nunga ( Lysne, Geir) 08:11
  7. Alwilly ( Lysne, Geir / Cissoko, Solo) 06:24

Besetzung

Geir Lysne / saxophones, flutes, jews harp, voice, keys, ballaphone, kalimba, programming, perc.
Reidar Skår / keys, programming
Eckhard Baur / trumpet, flugelhorn, voice
Gjermund Silset / bass
Olav Torget / electric guitars, acoustic guitar
Knut Aalefjær / drums, percussion

Gäste:
Nguyên Lê / electric guitar (04), Helge Sunde / trombone (01, 04 & 06), Huong Thanh / vocals (04), Solo Cissoko / vocals, kora (07), Audun Erlien / bass (03), Peter Baden / percussion, electronics (01 & 04), Helge Norbakken / percussion (02 & 07), Renate Alsing / marimba (07)

Aufnahmedetails

Produziert von Reidar Skår and Geir Lysne
Aufgenommen vom 2011 – 2013 durch Reidar Skår (7 etage studio), Geir Lysne (Brattopp studio),
Nguyên Lê (studio Louxor ) und Peter Baden (Baden studio)
Abgemischt von Reidar Skår. Mastering von Bjørn Engelmann im Studio Cutting Room

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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