„Eine besondere Ehre“ – Gebhard Ullmann beim Jazzfest Berlin

Foto: Herbert Weisrock

Die „Berlin Suite“ beim Jazzfest 2013 – ein Interview mit Gebhard Ullmann.

Gebhard Ullmann, Saxophonist und Klarinettist, ist schon drei Mal zuvor mit verschiedenen Formationen beim Jazzfest aufgetreten. Dieses Jahr war er mit einem sowohl musikalisch wie auch personell stark auf Berlin bezogenen Projekt eingeladen, der „Berlin Suite“. Acht Musiker standen am 31. Oktober im Rahmen des Jazzfestes 2013 in der Akademie der Künste auf der Bühne. Gebhard Ullmann selbst war am Tenorsaxophon und an der Bassklarinette zu hören, dazu kamen die Sängerin Almut Kühne, Gerhard Gschlössl an Posaune und Sousaphon, der Gitarrist Kalle Kalima, der Pianist Achim Kaufmann, Chris Dahlgren am Kontrabass und Oliver Steidle am Schlagzeug. Ergänzt wurden das Septett durch Antonis Anissegos, zuständig für live-Elektronik und Sounddesign.

Zum Projekt „Berlin Suite“

JAZZAffine.com: Die „Berlin Suite“ scheint mir Avantgarde-Musik und gleichzeitig sehr zugänglich.

Gebhard Ullmann: Das war die Idee. Die Stücke, die Melodien und eine Sängerin dabei, dazu die verschiedenen Klangfarben, mit den verschiedenen Instrumenten, mit den sehr verschiedenen Stilistiken der Musiker.

Wie würdest Du die „Berlin Suite“ musikalisch einordnen?

Es ist im Grunde eine Symphonie oder ein Hörfilm. Da kann jeder seinen ganz persönlichen Zugang und seine ganz persönlichen Assoziationen dazu entwickeln. So wie ich die Sachen auch mit ganz persönlichen Erfahrungen im Kopf geschrieben habe.

Wie lange gibt es die „Berlin Suite“ als Projekt schon?

Eigentlich waren die Stücke ursprünglich für eine größere Besetzung gedacht. Dann hat die große Besetzung nicht stattgefunden und ich habe mit kleineren Besetzungen angefangen das auszuprobieren. Ich mache immer Arrangements für die entsprechenden Besetzungen. Das ist wie wenn ein klassischer Komponist für großes Orchester schreibt und dann noch einen Klavierauszug macht, weil er genau weiß, dass es nicht so häufig passieren wird, dass das große Orchester spielt.

Wie funktioniert die musikalische Zusammenarbeit im Projekt?

Ich bin der Kopf. Ich habe alles geschrieben, ich habe mir die Musik ausgedacht, ich habe alle zusammengerufen, auch nach einer bestimmten Idee: Musiker, die ich kenne, mit denen ich schon gespielt habe, Musiker aus Berlin, mit verschiedenen kulturellen Backgrounds, mit verschiedenem musikalischen Background. Musiker, bei denen man sich vorstellen kann, die könnten zusammenspielen, das könnte interessant werden. Das hat auch sehr gut funktioniert, es herrscht eine super Stimmung in der Band.

Gibt es konkrete Pläne, die „Berlin Suite“ aufzunehmen?

Mit acht Leuten Musik aufzunehmen, kann ich mir momentan nicht leisten. Das steht und fällt mit den Festivals, ob die uns einladen. Mit den Einnahmen könnte man wenigsten einen Teil der Aufnahmen finanzieren.

© Dietmar Liste
© Dietmar Liste

Kontrapunkt und Samples vom Markt am Maybachufer

Könntest Du die Rolle von Antonis Anissegos (Sounddesign) in der „Berlin Suite“ etwas beschreiben?

Für mich ist das, was Antonis macht, eigentlich einer der interessantesten Punkte an der Suite.  Ihm steht eine Art Klangbibliothek zur Verfügung und Antonis improvisiert mit diesen Klängen. Dabei ist das ein kontinuierlicher Prozess, denn Antonis hat bestimmte Dinge fürs Jazzfest entwickelt, die sich auch noch weiterentwickeln werden. Irgendwann wollen wir die Suite aufnehmen und bis dahin wird sich das Sounddesign noch weiter entwickeln. Außerdem improvisiert Antonis ja mit den Klängen, d.h. alles wird jedes Mal ein bisschen anders sein. Das ist gewollt und das ist Jazz.

So hat Antonis eine ganz eigene Funktion. Die anderen haben ausnotierte Stimmen zu spielen. Antonis ist eine Art Kontrapunkt in der Musik. Er hat natürlich auch die Noten, aber im Grunde ist er – in bestimmten Grenzen – frei wie er agieren und reagieren möchte.

Die Klänge, die Antonis Anissegos benutzt, erkennt man bisweilen als  z.B. Feuerwehrsirenen oder es wird gesagt, dass es sich um Klänge vom Markt am Maybachufer handelt. Ich fand aber gerade interessant, dass die Klänge über das rein Abbildende hinausgingen.

Darüber haben wir intensiv diskutiert. Antonis wollte es noch ein bisschen abstrahierter machen. Ich habe gesagt: ‚dann erkennt das keiner mehr‘. Es muss eine Balance haben. Ich glaube, das hat jetzt ganz gut funktioniert. Wenn wir das aufnehmen, werden wir an dieser Balance noch mal arbeiten.

Auftritt zu später Stunde: Die „Berlin Suite“ beim Jazzfest

Wie ist das, beim Jazzfest zu spielen, was bedeutet Dir das?

Das Jazzfest ist eine Ehre, wie jedes große Festival. Aber in der eigenen Stadt ist es naturgemäß eine besondere Ehre.

Was ist bei so einem Festival anders als an anderen Konzerten?

So ein Festival gibt einem die Möglichkeit, etwas zu machen, was sonst finanziell nicht geht, z.B. mit einem achtköpfigen Projekt aufzutreten. Außerdem nehmen das viele Leute wahr. Auch wenn sie gar nicht beim Konzert waren, auch wenn sie gar nicht wissen, um was es ging, auch wenn sie gar nicht wissen, wer da mitgespielt hat – sie nehmen es einfach wahr.

Ich fand es etwas schade, dass der Saal in der Akademie der Künste nur halb gefüllt war.

Zwei Drittel gefüllt (lacht). Es waren mehr Leute da, als ich gedacht hatte. Man unterschätzt das. Einerseits. Andererseits: Es wäre natürlich schön, wenn das noch mehr Leute erreicht hätte. Es gibt bestimmte Leute, die spielen auf der Hauptbühne, die spielen überall auf der Hauptbühne. Die kann man immer wieder hören und die hat man schon einige Male gehört.

Eigentlich wäre es viel interessanter, dem Publikum das zum Festival nach Berlin kommt oder das niemals in einen Club kommen würde, ein solches Projekt zu präsentieren. Als ich seinerzeit mit „Ta Lam“ gespielt habe, 1998, da haben wir im großen Saal gespielt. Anschließend waren alle happy und haben sich über die Reaktion des Publikums gewundert: ‚Wie toll die reagiert haben!‘ Da sollte man daraus lernen, finde ich! Das Publikum ist hier weiter als die Veranstalter. Wenn den Menschen etwas Neues vorgesetzt wird und das ist gut gemacht, dann merken sie das. Da geht es auch gar nicht ums Verstehen, bauchmäßig merken die Besucher: hier passiert etwas. Und darum geht’s, auf einem Konzert, auf einem Festival, im Jazz.

Andererseits verstehe ich natürlich, wenn in der Akademie der Künste Konzerte um 23:30 Uhr als Schiene laufen; irgendeiner muss da spielen. Und diesmal hat es uns erwischt . Es ist nun ein Festival von ein paar Tagen Dauer, sie wollen viel präsentieren und das ist organisatorisch natürlich schwer zu machen. Man ist als Zuhörer dann auch irgendwann abgefüllt und fährt nicht mehr zur Akademie der Künste, wo man ein Taxi hin- und zurücknehmen muss. Es wäre natürlich schön, wenn Leute, die um 11 Uhr aus dem Hauptkonzert kommen, die sagen, sie wollen noch mehr Musik hören, gleich nebenan hingehen könnten. Dann wäre es sicher auch voll gewesen.

Wie war denn eigentlich der Auftritt für euch?

Wir hatten am Anfang gewisse Anlaufschwierigkeiten, auch konzentrationsmäßig, wegen der Uhrzeit. Dann wurde es locker. Ich war erstaunt, dass zu Beginn eine gute Portion Nervosität in der Band herrschte, was zeigt, wie besonders ein Konzert beim Jazzfest für Musiker aus Berlin ist.

Der Saal wirkte etwas schwierig.

Auf der Bühne wirkte das so, dass man gedacht hat: die klatschen ja gar nicht. Bei näherer  Betrachtung war das nicht so: ich habe gesehen, die klatschen ja alle, habe es aber nicht gehört. Es ist ein trockener Saal – das ist andererseits für den Sound sehr gut.

Hast Du sonst noch etwas gehört auf dem Jazzfest?

Nein. Es ging gleich in der nächsten Woche nach Russland. Und bevor ich ein eigenes Konzert spiele, höre ich mir in der Regel nichts an, nur hinterher, das ist meine Festivalpolitik. Aber ich fand das Programm richtig super, es waren eine ganze Reihe von Sachen dabei, die mich wirklich interessiert hätten.

Das Interview führte Bettina Bohle.

Über Bettina Bohle 49 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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