Freiräume im Bekannten suchen – „New Eyes on Baroque“

Eine besondere Stilmischung präsentiert die schwedische Sopranistin Jeanette Köhn mit ihrem akustischen Ensemble auf New Eyes on Baroque: Bekannte Werke von J.S. Bach, H. Purcell und G.F. Händel werden mit kleiner Jazzbesetzung und –improvisation neu bearbeitet. Heraus kommt ein gelungenes und keinesfalls aufgesetzt wirkendes Album.

Es ist zwar durch den Jazz geprägt, aber dennoch in den Arrangements von Johan Norberg in erster Linie Barockmusik. Der ruhige und über das gesamte Album gleichmäßig bleibende Duktus eignet sich bestens für winterliche Abende. Die getragenen Improvisationen und der zarte Gesang laden zum bewussten Zuhören ein, können aber auch einen Leseabend hintergründig ergänzen. In Stücken wie Music For A While und With Drooping Wings wird die Sängerin mehrstimmig durch den Schwedischen Rundfunkchor ergänzt. In ersterem Stück erklingt die Zeile „Till the snakes drop from her head“ durch den lautmalerischen Stimmwechsel durchaus als amüsante Passage, ohne lächerlich zu wirken.

Auf ein Schlagzeug bzw. auf Perkussion wurde komplett verzichtet. Dies erleichtert die Stilgenese und lässt den Instrumentalisten genug Platz zum Entfalten ihrer musikalischen Ideen. In Bachpolska etwa dialogisiert Nils Landgren an der Posaune mit Jonas Knutssons Sopransaxofon. Selbst die altbekannte und leider gerade zur Weihnachtszeit vielfach überhörte Air wird durch ein geschmeidiges Kontrabassintro von Eva Kruse im neuen Gewand präsentiert. In When I Am Laid aus Purcells Oper Dido and Aeneas kommt das Instrument durch eine kleine Improvisation zur Untermalung der klagenden Arie nochmals prägnant zur Geltung.

Das Ensemble hätte sich mit Blick auf die sehr dezent eingesetzte Jazzharmonik und ausbleibende markante Höhepunkte ruhig noch mehr Klangexperimente wagen dürfen. Die atmosphärischen Klänge des Vor- und Nachspiels von In deine Hände stellen dabei einen der gelungensten Momente dar. Der Respekt vor den Kompositionen scheint leider manchmal die moderne Perspektive gebremst zu haben.

Attila Kornel

Foto: © Thron Ullberg

VÖ. Deutschland: 25.10.2013Cover

  1. Jesu bleibet meine Freude (J.S. Bach) 4:32
  2. Quia in respexit (J.S. Bach) 6:31
  3. Music For A While (H. Purcell) 3:14
  4. Gia Nel seno (G.F. Händel) 4:40
  5. Ode To Queen Anne (G.F. Händel) 3:19
  6. Air (Bass Solo Intro) (J.S. Bach) 1:49
  7. Air On A G-string (J.S. Bach) 3:24
  8. Wachet auf (J.S. Bach) 3:47
  9. Bist du bei mir (J.S. Bach) 4:47
  10. Bachpolska (J.S. Bach/ E. Sahlström) 2:33
  11. In deine Hände (J.S. Bach) 4:18
  12. When I Am Laid (H. Purcell) 3:55
  13. With Drooping Wings (H. Purcell) 2:24
  14. Lascia chio pianga (G.F. Händel) 5:37
  15. Ach Herr lass dein lieb Englein (J.S. Bach) 3:24

Besetzung

Jeanette Köhn / soprano
Swedish Radio Choir conducted by Gustaf Sjökvist
Nils Landgren / trombone
Johan Norberg / guitar
Jonas Knutsson / baritone & soprano sax
Eva Kruse / acoustic bass

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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