Der Schlagzeuger Peter Gall

Der Schlagzeuger Peter Gall, der aus Bad Aibling stammt, hat in Berlin sein Diplom gemacht bevor er in den Jahren 2009–11 an der Manhattan School of Music in New York seinen Master machte. Seit Sommer 2011 lebt Peter Gall wieder in Berlin. Ein Interview.

„Ich bin Musiker geworden, um zu spielen und nicht, um in New York zu leben“

Die Anfänge: Jazz und bayerische Volksmusik

Bettina Bohle: Wie kamst Du zum Jazz?

Peter Gall: „Durch meine Familie. Mein Vater hat früher Rock’n Roll gespielt. Ende der 1980er hat er angefangen, in einer Big Band zu singen, Sinatra-Stücke, und hat dann irgendwann auch das Management der Band übernommen. Zeitgleich hat mein acht Jahre älterer Bruder angefangen in einer Schulband Jazz zu spielen. Das fand ich ganz toll. Ich habe damals klassisches Klavier gespielt – damit habe ich angefangen. Als mein Bruder mit seiner Band die ersten Gigs gespielt hat, war ich aber total auf den Drummer fixiert. Schlagzeug hat mich immer schon am meisten gepackt, und tut’s immer noch, wenn es groovt und lebendig ist.“

Bohle: Du hast von Anfang an nur Jazz gespielt?

Gall: „Ich habe angefangen Jazz zu hören als ich zehn Jahre alt war. Die Chick Corea Electric Band war eigentlich der Grund, dass ich Lust hatte Jazz zu spielen. Mein Bruder hat mich immer mit CDs versorgt – Oscar Peterson, McCoy Tyner und die „Kind Of Blue“ und ich habe einfach alles sofort gemocht.

Ich habe aber nicht immer nur Jazz gemacht. Man findet nicht so leicht gleichaltrige Kinder die das auch wollen. Deswegen haben wir in meiner ersten Band – die Besetzung war Schlagzeug, Akkordeon und Trompete – bayerische Volksmusik gespielt. Wir sind mit dieser Band bei Festen wie Geburtstagsfeiern von 70-jährigen aufgetreten. Das waren meine ersten Auftritte. Mein Bruder hat damals immer wieder Kaffeehaus-Gigs in der Region gespielt, auch da durfte ich immer wieder einsteigen.

Mit 15 bin ich Schlagzeuger der Aiblinger Big Band geworden, das habe ich fünf Jahre lang gemacht. Obwohl das eine Amateur-Big Band ist, war sie auf einem guten Niveau. Die Band hatte ein Repertoire von etwa 200 Stücken. Durch das Spielen in der Big Band habe ich viel gelernt damals: Repertoire, Noten lesen, außerdem was es bedeutet dienlich und unterstützend zu spielen und in einer großen Band Verantwortung zu übernehmen.“

Musik liegt in der Familie

 Bohle: Nach der Schule war Dir klar, dass Du das studieren willst?

Gall: „Das war mir schon viel früher klar. Ich wollte es so machen wie mein Bruder. Als ich angefangen habe Musik zu machen, hatte er sich gerade entschlossen, Musik zu studieren und das beruflich zu machen. Aus der Schulband meines Bruders sind alle professionelle Musiker geworden oder haben zumindest Musik studiert, einer ist sogar ein Rockstar (Gitarrist bei Franz Ferdinand). Das war für mich völlig natürlich, das auch zu wollen.

Mit 15 bin ich ins Landesjugendjazzorchester Bayern eingetreten. Dort habe ich endlich gleichaltrige Musiker kennengelernt, die ebenfalls für die Sache gebrannt haben und ich hatte meine ersten ambitionierten Bands. Als ich nach Berlin gegangen bin, war ich dann für zwei oder drei Jahre im BuJazzO [Bundesjugendjazzorchester, Anm. d. Red.].“

Berlin? Von Bad Aibling und München vor allem erst einmal weit weg

Bohle: Warum bist du fürs Studium nach Berlin gegangen?

Gall: „Das war die einzige Schule, an der ich eine Aufnahmeprüfung gemacht habe.“

Bohle: Das heißt Du wolltest unbedingt nach Berlin.

Gall: „Nein. Ich bin nur ziemlich spontan nach dem Abitur ausgemustert worden und die einzige Schule, an der ich mich noch kurzfristig bewerben konnte, war die UdK.“

Bohle: Du bist also nicht wegen der Berliner Jazzszene hierher gekommen.

Gall: „Nicht unbedingt. Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, was in Berlin so los ist. Es ist mir auch schwer gefallen den Münchener Raum zu verlassen. Da hatte ich schon während der Abi-Zeit viel zu spielen. In Berlin war ich dann erst mal Student und einer von vielen, die Szene war größer und auch unübersichtlicher. Außerdem war das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage unausgewogen.“

New York – ein Kindheitstraum

 Bohle: Wie kam es, dass du nach New York gegangen bist?

Gall: „Das war immer schon ein Kindheitstraum.“

Bohle: Das hatte nichts mit Jazz zu tun?

Gall: „Doch. Ich bin da schon wegen der Musik hingegangen. Dass man als Jazzmusiker in New York gewesen sein muss, bekommt man ja von der Außenwelt an sich herangetragen. Ich würde nicht sagen, dass das unbedingt stimmt. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, nicht dort gewesen zu sein.“

HipHop und Jazz

„Als Zwölfjähriger habe ich sehr viel Hip Hop gehört, das kam aus New York. ‚Public Enemy‘ war meine Lieblingsband damals, ich hab mir alle Platten gekauft. Als ich 15 war habe ich die Biographien von Charlie Parker und Miles Davis gelesen. Da spielte die Stadt und deren Spirit auch eine entscheidende Rolle. Mein Bruder hat in Boston studiert. Wir haben ihn in den USA besucht und sind dann auch nach New York gefahren, das hat mich total geflasht. Ich wollte also immer nach New York, aber für mich war es auch ein wenig unrealistisch, dass das was wird.“

Das DAAD-Stipendium als Weg nach New York

Gall: „Konsequent angepackt habe ich das nur, weil Florian [Höfner, Anm. d. Red.] einer meiner engsten musikalischen Partner und ein anderer Freund unbedingt nach NY wollten. Ich habe dann einfach alles mitgemacht. Ich wollte unbedingt dahin, aber wenn die beiden, vor allem Florian, das nicht so zielstrebig verfolgt hätten, wäre ich wohl nicht so ehrgeizig gewesen.

Bei mir hat es erst im zweiten Anlauf geklappt. Es war eigentlich gut, dass ich ein Jahr später weggegangen bin, denn in dieser Zeit hatte ich dann richtig viel zu tun und war mit meinen Bands viel auf Tour. Ich habe mir gedacht: New York rennt nicht weg und ich genieße einfach die Zeit. Und ich habe mich zum ersten Mal wirklich als Musiker gefühlt.“

„Die Musiker spielen um ihr Leben.“

Bohle: Wie war denn dein Eindruck von New York nach all der Vorerwartung?

Gall: „Die Energie vor allem, die ist wirklich so atemberaubend wie alle immer sagen. Es herrscht ein ganz anderes Tempo und die ‚Attitude‘ ist eine andere, im normalen Leben wie in der Musik. Man hat sehr oft das Gefühl, die Musiker spielen um ihr Leben. Die Studenten an den Schulen – oder deren Eltern – zahlen bis zu 30.000 Dollar im Jahr, damit sie diese Ausbildung bekommen. Die gehen mit einer ganz anderen Einstellung da ran als wir, die die Ausbildung an den Hochschulen umsonst bekommen.“

Bohle: Das DAAD-Stipendium deckt aber nicht alle Kosten, ist das richtig?

Gall: „Das kommt darauf an, auf welche Schule man geht. Ich war auf einer teuren Schule. Im ersten Jahr hat das Stipendium nicht ganz gereicht, da habe ich etwas daraufgelegt. Im zweiten Jahr habe ich zusätzlich zum DAAD noch von der Schule ein Stipendium bekommen, damit waren dann alle Kosten abgedeckt.“

In New York viel dazugelernt

Gall: „Im zweiten Jahr war auch in der Schule nicht mehr so viel Stress. Im ersten Jahr war schon sehr viel zu tun. Es gab an der Manhattan School sehr viele Hausaufgaben, das war schon ungewohnt. Ich hatte drei Theoriekurse und man musste für jeden Kurs sehr viel schreiben und komponieren. Dadurch hab ich aber sehr viel dazugelernt, vor allem weil das als Schlagzeuger ja nicht Alltag ist.“

Das Studium war sehr arbeitsintensiv und zeitaufwendig, aber auch sehr lehrreich. Da ich in der Big Band der Schule gespielt hab, gab es regelmäßig Konzerte mit Solisten wie Dave Liebman, Joe Lovano oder Randy Brecker.“

„Typische NY-Gigs für fast kein Geld“

Gall: „Über die Kontakte meiner Mitstudenten habe ich dann auch schnell außerhalb der Uni gespielt; typische NY-Gigs für fast kein Geld oder ein Bier, aber mit guten Bands und inspirierenden Musikern. Durch die viele Musik, die überall an jeder Ecke passiert, die Masse an Musikern, die vor und nach der eigenen Band im selben Laden zu den gleichen widrigen Bedingungen spielen, musizieren die Musiker einfach total ‚im Moment‘ und geben immer alles, denn etwas anderes bleibt einem eh nicht übrig.“

„Bereits in der Probe war alles perfekt. So gehen da viele an die Sache ran.“

Gall: „Ich habe auch in einer Popband gespielt, in den typischen Songwriter-Läden in der Lower East Side. Für einen Gig hat da mal Alan Hampton, damals Bassist bei Robert Glasper, ausgeholfen, das war ein Schlüsselerlebnis: er kam zur Probe, es gab keine Noten; er hatte sich zu Hause das ganze Programm auswendig draufgeschafft und bereits in der Probe war alles perfekt. So gehen da viele an die Sache ran. Ich habe in New York vor allem viele Konzerte gehört, aber auch versucht, die Stadt auch außerhalb der Musikerwelt zu entdecken. Ich bin viel herumgelaufen, um die Atmosphäre und die Energie aufzusaugen.“

Rückkehr nach Berlin

Bohle: Wolltest Du danach in New York bleiben?

Gall: „Das wusste ich damals nicht genau. Die Lebenshaltungskosten sind unheimlich hoch in New York, es hat mich ein bisschen abgeschreckt, dort von der Musik leben zu müssen. Das wäre ohne viel Unterrichten an der Musikschule nicht gegangen.

Bohle: Wäre New York nicht langfristig interessanter für dich gewesen?

Gall: „Vielleicht. Ich war 27 zu der Zeit und es hätte sich für mich schlecht angefühlt, nicht auf eigenen Beinen zu stehen. Man kann sich natürlich schon durchbeißen, wenn man bereit ist zu Unterrichten und andere Jobs zu machen, um über die Runden zu kommen. Als Deutscher hat man aber eine Alternative und diese Alternative ist nicht schlecht. Als Amerikaner ist das was anderes. Ich habe viele Musiker kennengelernt, die keine Wahl haben. Die müssen da sein und dort überleben. Das sind die wahren New Yorker.“

„Wenn ich mit Freunden und Kollegen aus New York spreche, dann habe ich manchmal das Gefühl, dass sie denken: ‘das hätte ich eigentlich auch gern’.“

 Bohle: Bereust du es nach Berlin zurückgekommen zu sein?

Gall: „Nein, ich finde Berlin super und es läuft gut. Es hat sich auch viel verändert in den letzten 10 Jahren, die Szene ist internationaler und vielseitiger geworden und hat eine Strahlkraft über die Grenzen Europas hinaus. Sie wächst stetig und es kommen und gehen Leute, diese Fluktuation ist wichtig für eine lebendige Musikszene. Der Lifestyle ist hier sehr relaxed. Die Leute nehmen sich dreimal so viel Zeit für einen Kaffee wie woanders. Und wenn ich mit Freunden und Kollegen aus New York spreche, dann habe ich manchmal das Gefühl, dass sie denken: ‚das hätte ich eigentlich auch gern‘.
New York ist nach wie vor eine unglaublich tolle Stadt mit tollen Einflüssen, in der man viel erleben und lernen kann. Man kann aber auch hier sehr glücklich werden, es gibt zahlreiche Möglichkeiten und viel Inspiration. Es kommt eben auch nicht alles was toll ist aus New York. Die großartigen Rock- und Popbands sind mehrheitlich aus Großbritannien, klassische Musik kommt vor allem aus Europa.“

Bohle: Aber für den Jazz ist New York immer noch am wichtigsten.

Gall: „Da passiert auf jeden Fall am meisten. In New York werden international vielleicht auch immer noch die Maßstäbe für Jazz gesetzt. Allerdings nicht so sehr für die deutsche Szene. Die Szene hier entwickelt sich eigenständig – der Klang ist oft romantisch oder avantgardistisch angehaucht, mit einem Hang zum Dunklen und Dramatischen. Traditioneller Jazz ohne viel Schnick-Schnack genügt oft nicht, um hierzulande mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Der europäische Klang wird aber auch in New York sehr geschätzt, hatte ich den Eindruck. Viele Amerikaner kommen ja mittlerweile auch hierher. Auch weil die Lebensqualität vergleichsweise hoch ist. Für mich ist jedenfalls wichtig, dass ich nie den Bezug zu New York verliere. Die Zeit dort war für mich sehr wichtig. Aber ich bin Musiker geworden, um zu spielen und herumzukommen und nicht, um in New York zu leben.

www.peter-gall.de

Titelfoto von Lena Ganssmann

Die JAZZAffine.com –  Serie NYXperiences. “If I can make it there, I’ll make it anywhere.”

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Über Bettina Bohle 43 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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