KlangZeit-Festival Münster 2014

Im Rahmen des seit 2000 in Münster (Westf.) stattfindenden KlangZeit-Festivals wird jährlich zeitgenössische Musik in all ihren Facetten präsentiert. Unter dem Thema „Krieg und Frieden“ lag vom 19. Januar bis 2. Februar 2014 der diesjährige regionale Schwerpunkt auf dem östlichen Mittelmeer-Raum – von Kairo bis Istanbul. Aus dem vielfältigen Programm, in dem neben der klassischen Neuen Musik auch Medienkunst und andere Bereiche vertreten waren, stachen besonders drei Konzerte im Grenzbereich zum Jazz, der elektronischen Musik, collageartigen Geräuschimprovisationen und Weltmusik heraus.

Sidare & Wanabni – Dienstag, 21. Januar 2014

Wanabni traten als erste Band des Abends im Kleinen Haus vom Theater Münster auf. Die Stimme und das Spiel auf der arabischen Kurzhalslaute Oud/Ud der palästinensischen Sängerin Kamilya Jubran traf auf Liveelektronik und weiche Trompetenklänge des Schweizer Jazzmusikers Werner Hasler. Teils stand die Stimme mit orientalischen Harmonien im Vordergrund, teils dominierten abstrakte Klangwände, in denen manchmal die Stimme mit Effekten bearbeitet wurde und zwischen den Lautsprechern wanderte. Die jahrelange Zusammenarbeit der beiden ausgezeichneten Musiker zeigte sich in deren souveräner und gelassenener Bühnenpräsenz. Das Stück „Ghareebah“ beispielsweise entstand als erste Kooperation aus monatelangen Experimenten  und repräsentiert die ungewöhnliche Verschmelzung kantiger Elektronik mit weichem Saitenklang. Zwischen den Stücken erklärte Jubran den Text der arabischen Gesänge und Gedichte, deren Vertonung in ungewohnt krummer Rhytmik dennoch einen fließenden Groove erzeugte. Ohne die Worte verstehen zu müssen, vermittelten die beiden Musiker äußerst eindrucksvoll die Gefühle hinter der Sprache. Die Leinwand mit ruhig wechselnder Beleuchtung ließ die Zuschauer auch nach dem Auftritt in einer meditativ entspannten Stimmung zurück.

Nach einer kurzen Pause eröffnete das nächste Duo die zweite Konzerthälfte mit einem stilistischen Sprung in die Vergangenheit. Statt Elektronik boten Sidare Bearbeitungen jahrhundertealter irakischer Melodien, Texte und Rhythmen. Bassem Hawar, der mit entspanntem Lächeln spielte, stellte sein außergewöhnliches Instrument Djoze (arab. „Nuss“) vor. Eine traditionelle ägyptische Geige aus Kokosnusskörper, der mit Fischhaut bespannt wird.  Saad Thamir, der verschiedenes Schlagwerk bediente und hervorragend dazu sang, kommentierte dies prompt mit freundlicher Ironie:

„Dann ist es doch eher eine Mahlzeit als ein Musikinstrument.“

Wie die Musik Geschichten erzählt, so holte Thamir gelegentlich weit aus, um die Stücke zu erklären. Dadurch entstand eine heimisch-gemütliche Atmosphäre. Man konnte nicht nur Musik, sondern eine künstlerische Kritik auf eine Gesellschaft erleben, die ihre musikalischen Wurzeln derzeit leider zu wenig pflegt. So berichtet Thamir über die Mutter, die ihren Sohn bittet, aus der Ferne zum klagenden Onkel zurückzukehren. In der Musik offenbarten Sidare die Sehnsucht der Mutter selbst. An anderer Stelle appellieren die Musiker daran, „nicht nur in gedanklichen Wänden sitzen zu bleiben“. Die strikte Geschlechtertrennung in ihrem Heimatland schreibt Männern und Frauen jeweils bestimmte Melodien zu. Doch Thamir singt selbstbewusst mit wunderbarer Stimme eines der Frauenlieder und rettet damit die Musik vor kultureller Einengung. Die oftmals treibende Rhythmik verlangt eigentlich nach einem bewegungsfreundlicheren Zuschauerambiente, doch musste man in der gemütlichen Bestuhlung mit Kniewippen vorliebnehmen. Ein überschaubares, aber begeistertes Publikum forderte daraufhin zwei Zugaben. Das Schlussstück, so berichtet Thamir, entstand vor vielen Jahren live als Improvisation, als die beiden eine Zugabe liefern mussten, ihr Repertoire aber bereits aufgebraucht hatten. In der heutigen großartigen Performance lieferten beide nochmals im rasanten Tempo einen großartigen Schluss.

Improviser Ensemble – Samstag, 1. Februar 2014

Auf der Bühne des modernen Franz-Hitze-Haus wurde das Ergebnis eines internationalen dreitägigen Workshops präsentiert. Zu hören gab es drei Kollektivimprovisationen von neun im Halbkreis positionierten Musikern. Den für alle Beteiligten unerwarteten musikalischen Verlauf leitete Violinistin Gunda Gottschalk heiter mit folgenden Worten ein:

„Bei Krieg und Frieden sind wir wohl in dieser Besetzung der Frieden.“

Es folgten zwei Sets mit je 30- bzw. 45-minütiger Darbietung, bei der Gottschalk nicht nur atonale Geige spielte, sondern auch gutturale Laute von sich gab. Mazen Kebraj aus Beirut entlockte dabei seiner Trompete mittels Schlauch, Metallscheibe und kleinem Schlägel neuartige Geräusche, die vom Klappenspiel des Bassklarinettisten Yoni Silver ergänzt wurden. Von der aus Cleveland stammenden und seit vielen Jahren in Istanbul lebenden Perkussionistin Amy Salsgiver war besonders das mit einem Bogen bespielte Becken markant, da sie mit diesem schrillen Klang zu den Bewegungen der Geige dialogisierte. Wer vom Münsteraner Gitarristen Erhard Hirt erkennbare Harmonien, Akkorde oder sonstige Melodie erwartete, wurde enttäuscht. Nachdem er zunächst die kopflose E-Gitarre gegen eine Steel-Gitarre eingetauscht hatte, wurde letztere ebenfalls eher perkussiv-geräuschhaft bearbeitet. Die Tuba vom Kölner Carl Ludwig Hübsch erzeugte stellenweise einen bordunartigen Teppich, in den sich das elektronische Sounddesign von Korhan Erel einweben konnte. Diese blieben aber dezent im Hintergrund. Die bestehende Geräuschwand ergänzte Philip Zoubek am linken Bühnenrand mit seinem präparierten Klavier.

Mazen/Kerbai -Improvisier-Ensemble
Foto: Stewart Mostofsky

Dass Ariel Shibolet die letzten Minuten letargisch mit dem Hinterkopf auf eben diesem Klavier ruhte und seinem Tenorsaxophon gurgelnde Geräusche entlockte, versinnbildlicht, wie das Experiment auf der Bühne mehr die Musiker unter sich, als das Publikum ansprach. In diesen Geräuschimprovisationen waren durchaus spannende neue Klänge zu hören, doch fehlte leider jedes melodische oder zumindest strukturelle Zentrum.

Live Ammunition!!, Music for Clapping, String Quartet and Live Electronics – Sonntag, 2. Februar 2014

Das Konzert von Hassan Khan aus Ägypten stellte gleichzeitig den Abschluss des Festivals dar. Im kleinen und damit schnell vollbesetzten Raum der Black Box wurde der Blick auf ein großes Mischpult gelenkt, das mittels zahlreicher Effektgeräte wie Filtern, Prozessoren und virtuellen Synthesizern mit einem Laptop verbunden auf einem Tisch thronte. Über acht um das Publikum verteilte Lautsprecher präsentierte Khan sein Stück „Live Ammuniton!!!“ und erläuterte zuvor sein Konzept: Im Studio hatte er ein Streichquartett von ihm komponierte Passagen einspielen lassen. Außerdem wurden diverse rhythmische Patterns in Anlehnung an „Clapping Music“ von Steve Reich mit Händeklatschen aufgenommen. Beide Elemente wurden im Werk live kombiniert und in einem zuvor festgelegten Zeitrahmen an- und ineinander gefügt. Bis auf ein wiederkehrendes Kontrabassmotiv verfremdeten die Effekte improvisatorisch die Fragmente. Elektronische Klänge ergänzten diesen Klang. Eines der Klatschpatterns wurde beispielsweise zeitversetzt gedoppelt und durch unterschiedliche Lautsprecher wiedergegeben, wodurch eine nicht mehr greifbare Metrik entstand. An zwei Stellen drehte Khan kurzzeitig eine tieffrequenzierte Verzerrung an die Grenze zum penetranten Noise, um sofort als Klangkontrast den jazzigen Kontrabass über leisen atmosphärischen Klängen abzuspielen. Hierin zeigte sich die hörbare Anspielung des Titels auf Krieg, Waffen und Gewalt.

Nach einer knappen Dreiviertelstunde war die Performance vorbei und leider folgte keine Zugabe. Gerade als Abschlusskonzert wäre ein weiterer Programmpunkt durchaus angemessen gewesen. Doch im anschließenden Gespräch mit dem Komponisten bei einem Glas Wein klang das Festival in einer grenzüberschreitenden Friedlichkeit aus.

www.klangzeit-muenster.de

Titelfoto: KlangZeit

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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