KollektivNights IX im Naherholung Sternchen

Das auf Kollektivmitglied Wanja Slavin zurückgehende Verdikt der Berliner taz – “wider den schmierigen Fahrstuhlsound“ – beschreibt nur einen Aspekt der vielfältigen Erkundungen von Jazzmusik, die nun schon zum neunten Mal bei den „KollektivNights“ unternommen werden. 2007 gegründet, laden die sieben Kollektiv-Musiker jeweils verschiedene eigene Bands ein, so das seit einigen Jahren etablierte Format, an drei Abenden drei Bands zu Gehör bringen.
Viele Berliner Jazzrecken finden sich im Publikum, aber auch Nicht-Musiker sind gekommen in diesen für Ortsunkundige kaum zu findenden Beton-Flachbau in der Nähe des Alexanderplatz‘ – mit schrammeligem DDR-Charme, großem Hirsch-Mosaik an der Wand und einem Kronleuchter an der Decke, bei dem nicht alle Glühbirnen funktionieren. Dieses In-die-Zeit-Gekommene des Raums, in dem der Klang umfallender Bierflaschen zum Mobiliar dazuzugehören scheint, wird durch die Experimentierlust der Musiker mit neuem Leben gefüllt.

Montag, 27. Januar

Los Padres de Emilio & Gäste

Laura Robles perc, eb
Johannes Lauer tb, p
Phil Donkin b
Christian Weidner sax

Eröffnet werden die KollektivNights von den Padres de Emilio – Emilio lässt im Nebenraum auch immer mal wieder von sich hören, während seine Eltern präzise mit ihren beiden Gästen Christian Weidner (Saxophon) und Phil Donkin (E-Bass) peruanische Rhythmen verarbeiten; daraus entstehen Stücke mit so bizarren Titeln wie „Töte mich“ oder „Tanz der Teufel“.

©Lena Ganssmann
©Lena Ganssmann

Die unendlichen Rhythmen sind nach Belieben höchst kraftvoll oder meditativ. Robles bedient den E-Bass oder ihre Rhythmusinstrumente; Donkin, der hier nicht wie üblich am Kontrabass, sondern am E-Bass tätig wird, steuert mit Weidner sparsame Melodielinien bei. Es gibt aber auch Momente, in denen alle vier Musiker perkussiv tätig sind, auf der Vielfalt der Instrumente, die da geboten wird, von Congas und Bongos über Cachon und Rhythmusbox hin zu so Exotischem wie einem Eselsgebiss.

Schmolling/Slavin
Marc Schmolling p
Wanja Slavin sax

Zwei Kollektivmitglieder – Wanja Slavin (sax) und Marc Schmolling (p) – treffen sich beim zweiten Konzert des Abends zu einem Duo. Die beiden kennen sich, wie Schmolling erzählt, schon seit 2002 aus München, wo sie sich gegenseitig bei Konzerten hörten. Schmolling dazu: „Uns war klar, daß wir unbedingt mal zu zweit spielen wollen, also verabredeten wir uns zum jammen. Daraus wurde aber, noch bevor wir die erste Probe ausmachten, schnell der Wunsch, Konzerte zu geben. Dafür brauchten wir aber Aufnahmen, um sich zu bewerben. Schließlich gingen wir zum Spielen einfach gleich ins Studio und veröffentlichten eine CD, obwohl wir uns ja eigentlich kaum kannten.“ Schmolling nennt dieses Album „eine schöne Momentaufnahme dieser ersten Zeit mit Wanja“. Diese Momentaufnahme sei aber immer noch charakteristisch für ihr Zusammenspiel, bei dem sie, trotz musikalischer Unterschiede, auf „eine eigenartige Weise zueinander“ finden. Für die KollektivNights hat Schmolling ein Programm mit vielen neuen Stücken zusammengestellt. Die Stücke sind kleine Miniaturen, die fast klassisch-schön und gleichzeitig abgeklärt-cool dahinströmen. Schmolling erklärt: „Es sind ganz bewusst sehr melodische, lyrische Stücke, eher wie Charakterstücke oder Lieder ohne Worte, mit genug Freiraum für Improvisation und Dialog, aber dennoch sehr kompakt gehalten und klar strukturiert.“ In dieser Lyrizität, aber bisweilen auch sehr aktiv und zupackend, entwickeln Slavin und Schmolling eine große Kraft.

Reich durch Jazz

Rudi Mahall cl
Gerhard Gschlößl tb
Johannes Fink vc
Jan Roder b
Michael Griener dr

„Reich durch Jazz“ – ein spöttisch-ironischer Bandname, der auch einem Stück den Namen gibt (oder war es umgekehrt?). Daneben gibt es Stücke, die sich von „ O.T.“ (ohne Titel) zu „O.K.“ gewandelt haben. Es ist ein wuseliges, swingendes Gebilde aus fünf eigenständig agierenden Musikern, die offensichtlich viel Spaß am gemeinsamen Musizieren haben. Besonders Johannes Fink ist dabei höchst aktiv, er zupft und streicht sein Cello, komponiert und arrangiert. Energetisch geht der erste Abend der KollektivNights zu Ende.

Dienstag, 28. Januar

Schapitzki
Felix Wahnschaffe sax
Marc Schmolling p
Matthias Pichler b
Moritz Baumgärtner dr

Den zweiten Abend eröffnet „Schapitzki“ mit Kollektivmitglied Felix Wahnschaffe am Saxophon, Kollektiv-Mitglied Marc Schmolling am Klavier sowie mit den beiden viel beschäftigten Jungjazzern Matthias Pichler am Bass und Moritz Baumgärtner am Schlagzeug. Ihren ersten Auftritt hatte die Band in der Szenekneipe „Nachtschwärmer bei Ernst“.
Zwei Stücke bringen sie an diesem Abend zu Gehör, das erste „komplett frei“, wie Wahnschaffe berichtet. Viel Zeit zum Proben hätte es nicht gegeben. Aber, so Wahnschaffe: „Das brauch man auch nicht, wenn man eh frei spielt. Da hilft nur spielen.“ Und das „nur spielen“ hat seine Wirkung. Die spezifische Qualität von Musik, nämlich das gemeinsame Durchleben eines Moments, sowohl von den Musikern her wie auch gemeinsam mit dem Publikum, wird hier immer wieder erlebbar. Das zweite Stück, „When you wish upon a Star“, kommt aus einer ganz anderen musikalischen Ecke, nämlich aus Walt Disneys „Pinocchio“. Wahnschaffe fand vor allem den  Kontrast der beiden Stücke interessant. Dieses „Element der Überraschung“ werde er auch  künftig beibehalten.

Futur II
Ronny Graupe git
Ludwig Hornung p
Johannes Lauer tb

Ronny Graupe, Gitarre, überzeugte schon mehrfach mit kleinen, sehr intimen Kombos bei den KollektivNights. Beim zweiten Konzert des zweiten Festivalabends hat er sich seinen Kollektiv-Kollegen Johannes Lauer an der Posaune und Ludwig Hornung am Klavier für seine musikalischen Erforschungen dazugeholt. Diese Kombination erlaubt einen sehr offenen, sehr leisen Klang, der das Fragmentarische der Stücke gut hörbar macht. Die Nähe vom Blasinstrument zum menschlichen Atem wird in Johannes Lauers Spiel hörbar, er bewegt sich immer wieder an der Grenze zwischen Ton und Nicht-Ton, geht dann auf seiner Posaune in die Mehrstimmigkeit. Auch wenn diese Erkundungen nicht revolutionär sind, sind sie doch immer wieder hörens- und erfahrenswert.
Auch Graupe geht bewusst bestimmte Möglichkeiten seines Instruments auf den Grund, wenn er sich der Harmonie verweigert und fast volkstümlich klingende Melodien spielt. Die Melodie-Elemente der Stücke – einfaches, glockenähnliches Hin- und Herpendeln zwischen zwei Tönen, das von allen Instrumenten nacheinander aufgenommen wird oder das Spielen ein und derselben Linie in den verschiedenen Farben der Instrumente – geht in eine ähnliche Richtung des Erkundens basaler musikalischer Strukturen.

Philm
Philipp Gropper sax
Elias Stemeseder p
Andreas Lang b
Oli Steidle dr

Rhythmische Blöcke, chromatische Staplungen – Philipp Gropper fährt zum Abschluss des zweiten Abends einiges auf mit seinen Mitmusikern, dem Bassisten Andreas Lang, der am nächsten Abend noch einmal auftritt, sowie dem Schlagzeuger Oliver Steidle. Zu ihnen stößt als neuer Pianist der Band Elias Stemeseder, der jedoch abgebrüht alle Klangexperimente der Band mitmacht und bisweilen sogar durch seine Klaviersoli anführt. War die Erkundung bei Ronny Graupe noch filigran und fein, wird durch die monumentale, bisweilen bewusst monotone Klangkulisse von „Philm“ jede noch so melodie-ähnliche Linie zum Ereignis. Andreas Langs Basslinien wirken hier wohltuend konturierend. Philipp Gropper ist ein fantastischer Saxophonist, der vor keinerlei Klangexperimenten, auch vor solchen, die an Tinnitus erinnern, zurückschreckt. „Philm“ – gewagt und gewonnen!

Mittwoch, 29. Januar

Lynx
Antonis Anissegos – p
Kalle Kalima – git
Daniel Schröteler – dr
Samuel Rohrer – dr

Am dritten Abend lässt die Disziplin etwas nach, das erste Konzert beginnt erst gegen neun Uhr, das letzte erst gegen 23 Uhr. Der Saal ist jedoch bis zum Schluss gut gefüllt, im Eingangsbereich hinter den Stuhlreihen werden Stehplätze mit Bühnensicht zur Mangelware.
Antonis Anissegos, der beim Jazzfest Berlin im Herbst 2013 noch seine Künste an den Electronics zum Besten gab, tritt hier in seiner ureigenen Kompetenz als Pianist auf. Mitgebracht hat er zwei Schlagzeuger, die sich mächtig ins Zeug legen, Daniel Schröteler und Samuel Rohrer. Zum Quartett ergänzt wird die Besetzung durch den an diesem Abend in zwei Kombos präsenten Kalle Kalima, der seine Wandlungsfähigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Die Grundstimmung von „Lynx“ ist düster, verhalten, fast wirkt die Kombo weit entfernt. Doch dann dringen dumpfe rhythmische Schläge durch, welche das filigranene Spiel  von Anissegos und Kalima erden. So entsteht ein Klang, der an Maschinen oder Roboter erinnert, statisch und verhalten-monumental und dabei immer wieder Freiraum lässt für melodische Ping-Pong-Spiele zwischen Klavier und Gitarre. Wippende Köpfe und Knie bei den Zuhörern lassen darauf schließen, dass der dunkle Groove von der Bühne direkt ankommt.

Slavin/Gille Quartet

Wanja Slavin – sax
Sebastian Gille – sax
Andreas Lang – b
Ivars Arutyunyan – dr

Es sind die zwei Saxophone, die den sound der Band „Gille/Slavin Quartet“ im vorletzten Konzert des Festivals charakterisieren. Ergänzt werden sie durch den Bassisten Andreas Lang sowie den Schlagzeuger Ivars Arutyunyan – allesamt angekündigt von Lang, der in einem vor dem Auftritt erfolgten Versuch diesen Namen am besten aussprechen konnte. Jeder der Musiker bekommt in dieser Kombination die Möglichkeit sich solistisch hervorzutun und sie tun es mit Bravour. Besonders das Zusammenspiel von Gille und Slavin ist interessant. Die Tongebung der beiden ist sehr verschieden, Gilles Ton ist häufig absichtlich fahl und brüchig, Slavin dagegen spielt viel direkter. Dennoch kennzeichnet die Inbrunst des Spiels beide Saxophonisten; sie gehen in intensiver Weise aufeinander ein, nehmen ihre melodischen Fragmente voneinander auf und spinnen sie weiter. Die leicht ablenkende Lichtshow – grüne und rote Spots auf den Musikern, hin und wieder völlige Dunkelheit – war die Schuld des defektes Lichtpults. In Erinnerung bleibt die musikalische Leistung, auch die von der Rhythmusgruppe, die den Melodieinstrumenten an Intensität in nichts nachsteht und die durch wiederholten Zwischenapplaus auch vom Publikum honoriert wird.

Kuu !
Jelena Kuljic – voc
Frank Möbus – git
Kalle Kalima – git
Christian Lillinger – dr

Die Sängerin Jelena Kuljic ist eine Nummer für sich. Sie allein bringt schon eine gewaltige Wucht und Schrägheit auf die Bühne ohne dabei gekünstelt zu wirken. Dann hat sie noch drei Mannen dabei – erneut Kalle Kalima, diesmal mit Verstärkung an der Gitarre durch Frank Möbus sowie Christian Lillinger am Schlagzeug –, die sie kongenial darin unterstützen, den ganz eigenen „Kuu!“-sound zu produzieren.
Obwohl das offizielle record release-Konzert erst später stattfindet, zeigt Kuljic mehrfach stolz die LP „Sex gegen Essen“ herum, die sie gerade selbst erst in die Hände bekommen hat. Die Band spielt das Titelstück und viele weitere Stücke vom neuen Album, dem ersten der Band, das auf dem Berliner Independent Label Shoebill Records erschienen ist.
Auf deutsch oder englisch, mal derb und laut, mal leise und verhalten –

© Jazzkollektiv Berlin
© Jazzkollektiv Berlin

„Kuu!“ bilden einen quicklebenden Abschluss für die drei intensiven Abende mit neun höchst unterschiedlichen Bands bei den KollektivNights IX.

Man darf schon gespannt sein auf die nächste, zehnte Ausgabe des Festivals im August 2014, dann an anderem Ort – das Naherholung Sternchen wechselt zum großen Bedauern vieler den Besitzer, die weitere Nutzung ist unklar.

Über Bettina Bohle 40 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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