Shoebill Music

Das in Berlin ansässige Independent-Label Shoebill Music hat es sich zur Aufgabe gemacht eine Alternative für Jazzmusiker anzubieten, die Ihre Musik mit größtmöglicher Selbstbestimmung veröffentlichen möchten. Das Label hat dabei eine Nische für sich gefunden, die für eine ganz besondere Qualität steht. Diese Qualität zeichnet sich nicht nur durch die Auswahl der Bands und durch die enge Zusammenarbeit auf  Augenhöhe aus. Das Label bedient den Markt konsequent mit Vinylveröffentlichungen. Das lange als „oldfashioned“ abgestempelte Medium erlebt einen langsamen, aber stetig wachsenden Aufschwung und zielt besonders auf audiophile Musikfreunde ab. Die Vinylplatte gepaart mit künstlerischer Expertise setzt bei Shoebill Music einen neuen Akzent in der Labellandschaft. Die Expertise begründet sich im Profil des Inhabers Johannes Haage. Er ist aktiver Musiker und als Gitarrist in der Jazzszene bekannt. In Ergänzung mit einem Business-Studium vereint er nun zwei Perspektiven – die eines Künstlers und eines Kaufmannes. Ich habe mich mit Johannes Haage in seiner Schöneberger Wohnung getroffen, um mehr über die Entstehungsgeschichte und über das Konzept zu erfahren.

Das Comeback der Vinyl

JazzAffine.com: Wie bist du auf die Idee gekommen Shoebill Music ins Leben zu rufen?

Johannes Haage: Shoebill Music gibt es eigentlich schon seit 2006,  damals gegründet u.a. von Christian Lillinger, Philipp Gropper und mir. Schon damals war die Labellandschaft etwas merkwürdig und wir wollten die Sache gerne selber in die Hand nehmen und unsere Aufnahmen in voller künstlerischer und sonstiger Kontrolle so veröffentlichen, wie wir uns es vorstellten. Das erste Album von Hyperactive Kid wurde dann unter Shoebill Music veröffentlicht (hyperactive kid sb06001). Danach ist das Ganze aber leider wegen differierender Interessen sowie in Ermangelung an Zeit und klarer Führung wieder eingeschlafen, was natürlich schade war, nachdem da so viel Energie in die Labelgründung investiert worden ist.

Im Jahr 2008 hatte ich selber gerade Aufnahmen mit dem Slowtrio gemacht (nevermore, sb09002). Daraufhin dachte ich mir, dass ich das Album gerne bei Shoebill Music veröffentlichen will, denn wir hatten ein sehr eigenes Konzept für das Album, auch was das Design betraf – so wurde zum Beispiel ein eigenes Cover(-Format) entwickelt, das völlig unbedruckt war und nur durch Lasertechnik beschrieben wurde. Das hätte man so mit einem herkömmlichen Label nicht umsetzen können. Mit dem Einverständnis der Anderen des  Gründungsteams, habe ich ab dann Shoebill Music alleine weiter geführt. Ich habe auch damit begonnen, das Ganze in organisatorischer Hinsicht auf ein anderes Level zu heben – zum Beispiel ist Shoebill Music mittlerweile eine eingetragene Marke und wird im Handelsregister geführt usw. Als wir dann das Album 2009 unter Shoebill Music veröffentlicht haben, war das ein gutes Gefühl, auch weil die losen Enden nach der Gründungsphase zusammengeführt und die Marke weitergeführt werden konnte.

„Wie würde ein unabhängiges Label aussehen wie ich es gerne sehen wollen würde?“

Nachdem dann die Arbeit für Shoebill Music leider aus verschiedenen Gründen erneut eingeschlafen war, habe ich vor gut einem Jahr wieder angefangen mir Gedanken über die ganze Labelsache zu machen, auch weil ich mittlerweile neben meiner Arbeit als Musiker noch ein MBA Studium (Master of Business Administration, a.d.R.) begonnen hatte. Das Studium bot mir dann auch Anlass das Ganze genau zu durchdenken: Wie würde ein unabhängiges Label aussehen, wie ich es gerne sehen wollen würde? Was ist Musikern wirklich wichtig, wenn Sie eine Aufnahme veröffentlichen wollen? Woran liegt es, dass viele Musiker oft unzufrieden mit der Arbeit der kleinen Labels sind und wie könnte eine echte Alternative aussehen?  Was kann man der Beliebigkeit und Entwertung von Musik durch Digitalisierung und Streamingdienste entgegenstellen? Entsteht da nicht ein Bedarf an neuen, wertigeren Premiumprodukten? Also habe ich dann im Zuge meines Studiums einen Businessplan für ein solches Musiklabel erstellt. Zur selben Zeit hatte ich zufällig auch wieder Kontakt zu einem guten Freund aus Kindergartenzeiten, der in Hamburg seit über zehn Jahren ein Vinylpresswerk betreibt. All das  hat letztlich zu dem heutigen Konzept von Shoebill Music geführt.

Das ein Musiker zusätzlich noch ein Business-Studium absolviert, ist nicht gerade üblich. Jazzmusiker neigen ja eher nicht dazu sich mit geschäftlichen Dingen auseinanderzusetzen.

Ja, vielleicht habe ich gerade deswegen das Studium angefangen (lacht).

Also wolltest du diese Defizite ausgleichen.

Ja, genau.

Aber als Musiker bist du weiterhin aktiv?

Ja, ich bin natürlich nach wie vor in erster Linie Musiker. Zugegeben, es ist schon ein Balanceakt zwischen vielen verschiedenen Dingen – Spielen, Üben, eigenen Bands, Familie, und noch ganz anderen Projekten….  also ich bin schon gut am Arbeiten! Aber es ist ein Stück weit auch so, dass ich mit dem Label gerne der Szene etwas geben will, und ich das gleichzeitig mit meinem Musikerdasein verbinden kann. Ich nehme die Arbeit also gerne auf mich.

„Transparenz und Zusammenarbeit“

Da du ja eingangs betont hattest, dass du dir vor allem ein Label aufbauen wolltest, wie du es dir selber als Musiker wünschst    frage ich mich, an welchen Punkten sich dein Label von anderen unterscheidet.

Auf jeden Fall unterscheiden wir uns in der Transparenz und Zusammenarbeit mit dem Musiker. Ich bringe Verständnis für den Musiker mit, gewähre ihm eine hohe künstlerische Freiheit und viel Fairness bei der Veröffentlichung. Deshalb arbeite ich auch nur mit den Künstlern zusammen, hinter denen (und deren Aufnahmen) ich zu 100% stehe und die ich meist auch persönlich gut kenne. Das Geschäftsmodell zielt zudem nicht auf große Profite und daher besitzt Shoebill Music auch mehr Freiheiten.

Inwiefern arbeitest du bei Shoebill transparent?

Oft weiß man nicht, wo das Geld, welches man einem Label XY im Zusammenhang mit einem Release gibt, genau landet. Bei Shoebill Music weiß man immer ganz genau wohin das Geld fließt, nämlich in die tatsächlichen Kosten, die bei einer Albumveröffentlichung entstehen. Im Normalfall zahlt der Künstler oder Produzent bei Shoebill Music die Produktion der Vinylplatten, GEMA, Steuern. Ich selber verdiene erstmal an meiner Arbeit nichts, natürlich auch etwas in Abhängigkeit wie stark ich in die Veröffentlichung mit involviert bin. Aber das bespreche ich dann immer individuell mit dem Musiker ab.

Die Künstler kriegen dafür als Gegenwert Ihrer Investition genau den Anteil der Platten, die sie brauchen, um durch deren Verkauf ihr Geld wieder einzuspielen. Ihre Platten können die Künstler verkaufen wo sie wollen –im eigenen online Shop, bei Konzerten, wo auch immer. An Verkäufen über das Anfangskontingent hinaus und bei allen Verkäufen von Shoebill Music direkt sind das Label und der Künstler bzw. Produzent grundsätzlich zu gleichen Teilen beteiligt. Ursprünglich wollte ich nur online verkaufen. Aber mittlerweile bin ich dabei auch mit ausgewählten Plattenläden zusammenzuarbeiten weil es manchen Künstlern wichtig ist, dass ihre Platte auch dort zu bekommen ist – ausserdem entsteht dort gerade wieder eine interessante Szene.

Gestaltet sich das als schwierig, eine Zusammenarbeit mit einem Plattenladen hinzubekommen?

Nein, eigentlich nicht.

Verfolgst du ein bestimmtes Marketingkonzept?

Bei Shoebill Music wird kein Geld in Printwerbung gesteckt, auch einfach weil das Budget nicht da ist. Aber selbst wenn das Budget da wäre, glaube ich, würde ich trotzdem keine Printwerbung in den bekannten Magazinen machen. Ich halte das für wenig effektiv im Sinne von Kosten und Nutzen und ich frage mich auch, ob ich über diesem Wege meine Zielgruppe erreichen würde. Je nach Absprache überlegen wir uns zusammen mit dem Künstler, ob es eine Onlinemarketingstrategie geben soll. Natürlich ist es auch wichtig, dass die Künstler selber bei der Veröffentlichung stark involviert sind.

Wie viel Alben hast du bis heute veröffentlicht?

Vier, abgesehen von den beiden CD Produktionen 2006 und 2009. Genauer gesagt sind seit Anfang 2013 zwei LPs (Ronny Graupe´s SPOOM, „as they are“ sb13003, und Janis Görlich´s Bummelzug Explosion „in der Ferne“ sb13005) sowie eine 7 inch Single rausgekommen („Think of One“ von Ben Kraef  sb13004). Die neue LP „Sex gegen Essen“ der Band  KUU! (sb13006) kommt Anfang März zur Tour.

Und wie sind deine Verkaufserfahrungen mit dem Produkt „Vinyl“?

Also bisher finden es alle interessant und spannend, auch in Kombination mit dem qualitativ hochwertigen download, der bei uns grundsätzlich beim Kauf der Vinyl dabei ist–die Resonanz ist durchweg sehr positiv. Ein bisschen habe ich das Gefühl, dass die 7-inch besser angenommen wird, vielleicht weil sie etwas handlicher ist. Die geringere Abspieldauer der 7-inch Single im Gegensatz zur LP ist in unserem Fall kein wirklicher Nachteil, weil man trotzdem das komplette Album als digitale Version dazu bekommt. Ein Großteil der Zielgruppe weiß auch die Klangqualität zu schätzen und so deckt Shoebill Music auch ein neu erwachtes Bedürfnis nach guter Tonqualität ab.

Es ist auch so, dass die Veröffentlichungen fast nur über Shoebill bzw. vom Künstler direkt erhältlich sind und der Download grundsätzlich nur in Verbindung mit dem Kauf der Platte erhältlich ist. Es wäre widersinnig die Musik zusätzlich über die bekannten Streamingdienste anzubieten, wenn wir ja bewusst auf besondere Audioqualität setzen. Außerdem weiß der Käufer somit auch, dass genügend Geld direkt zum Künstler fließt und dass Shoebill Music bestimmte Geschäftsmodelle nicht unterstützt.

Zu welchem Preis werden die Platten verkauft?

Die normale Vinyl bekommt man in der Regel für 20,-€, die 7-inch für derzeit 15,-€. Aber immer inklusive eines persönlichen Downloadcodes für die hochauflösenden Audiodateien und Mp3 Versionen. Bei Verlust kann der Käufer sich die Dateien in Verbindung mit seiner E-Mail Adresse immer wieder herunterladen.

Gibt es schon öffentliche Resonanz oder bei der Presse?

Da ich in letzter Zeit viel Pressearbeit geleistet habe, gab es dort bisher auch viel gute Resonanz, allerdings wird sich noch abzeichnen was davon tatsächlich in Artikeln mündet. Ich schicke an ausgewählte Leute regelmäßig Pressemitteilungen, teilweise verschicke ich dann auch Promo-Download-Codes. Aber hierbei habe ich auch die Erfahrung gemacht, dass viele Journalisten weiterhin etwas Physisches haben wollen. Dann schicke ich natürlich auch eine CD. Die Pressearbeit findet aber auch hier mit dem Künstler in gemeinsamer Arbeit statt und ist eben auch von seinem Engagement und Budget abhängig. Ich biete zusätzlich eine besonders intensive Pressearbeit an, die ein bestimmtes Arbeitspensum meinerseits beinhaltet und ich mir dann extra bezahlen lassen muss. Aber auch hier bin ich dem Künstler gegenüber total offen und viele von den Künstlern sind schon lange genug dabei, um zu wissen wie das Geschäft läuft.

Was planst du für die Zukunft?

Wie gesagt bin ich dabei die Zusammenarbeit mit etablierten Plattenläden zu intensivieren. Natürlich habe ich so allerhand Ideen aber im Moment ist es mir wichtig, das Ganze basic , also möglichst übersichtlich zu halten – vor allem steht die Realisierbarkeit im Vordergrund.

Dieses Jahr plane ich auch mal wieder eine eigene Produktion zu machen und auf Shoebill Music zu veröffentlichen, darauf freue ich mich schon sehr. Außerdem bin ich im Gespräch mit ein paar sehr interessanten Künstlern für Releases in 2014- man darf also zu Recht gespannt sein! Natürlich hoffe ich, dass die Anzahl der Veröffentlichungen konstant bleibt, dass Shoebill Music noch bekannter wird und ich der Szene eine gute Alternative zu bestehenden Independent-Labels anbieten kann. Es wird sich auch zeigen, ob ich das in Zukunft weiterhin alleine mache, da schon viel Arbeit anfällt. Letztlich wünsche ich mir, dass sich das Ganze finanziell weiter trägt und sich eine gute Ausgangsbasis entwickelt, dass es weiter wachsen kann. Ich kann mir auch vorstellen, dass sich vielleicht auf internationaler Ebene mit anderen Labels Kooperationen ergeben. Auf jeden Fall brauche ich bald ein größeres Lager (schaut sich in seiner Wohnung um, die in der Tat so einige Kartonstapel in den Ecken aufweist). Ich bin ich gespannt wie sich das in Zukunft entwickeln wird.

www.shoebillmusic.com

Titelfoto: D. Lindenblatt

Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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