Schlaflos in Dänemark – „Clockstopper“

Schlaflosigkeit kann Menschen zu kreativem Ausleben ermuntern. Der Musiker und Komponist Kenneth Dahl Knudsen nutzte diese innere Unruhe auf seinem Album Clockstopper zur instrumentalen Inspiration. Durch den Blick der existenziellen Angst des Verlustes und der Ohnmacht vor dem Wesen der Zeit an sich appelliert er an das Innehalten:

„Enjoy all that we have for a while.“

Im insgesamt harmonisch und rhythmisch für Jazzhörer leicht greifbaren Album untermauern Momente wie die gezielte Überleitung vom Saxophon- (Jaleel Shaw) zum Gitarrensolo (Gilad Hekselman) im Eröffnungstrack Hadeans Arrival den Eindruck geplanter Komposition. Trotzdem bleibt oft ein angenehm improvisatorischer Beigeschmack. Stücke wie Glimpse und Sheeps & Raptors leben durch grooveorientierte Finesse. Während das erstgenannte Stück zum Cool Jazz tendiert, spielen sich in letzterem die tiefen Piano- und Basslagen als Schafe im Offbeat gegen die melodiösen Raubvögel der Bläser. Besonders Tomasz Dabrowskis Trompetenspiel sticht hier hervor. In Beautiful Behaviour wird sogar ein 7/8-Takt zu weich pulsierender Musik.

Die saubere Klangproduktion im New Yorker Skyline Studio macht den Kontrabass auch gegen die sechs Mitmusiker  in seinen Nuancen hörbar. Wer jedoch ein reines Soloalbum tiefer Klänge erwartet, wird eher enttäuscht, denn seinem Instrument gönnt der studierte und mehrfach ausgezeichnete Interpret und Komponist nur gelegentlich eigene Momente. In Couchophobia trägt er z. B. solistisch in eine nächtliche Atmosphäre, in der Bass und Piano rhythmisch spielerisch gut arrangierte Passagen gegen ausgefallene Akzente mit dem Schlagzeug von Johnathan Blake setzen. Ansonsten bleibt er verwoben in ein Geflecht jazztypischer Arrangements, in denen mehr die innere Unruhe, als die Suche nach Stille dominieren.

Im Kontrast zu diesen einrahmenden expressiveren Stücken wirkt Tucked In in seiner vom fast schon minimalistischen Piano Søren Møllers getragenen Atmosphäre besonders charmant. Wenn hier der Minimalismus eines Philip Glass durch die Jazzbrille erklingt, scheint Zeit tatsächlich keine Rolle mehr zu spielen. In der zweiten Albumhälfte wird In our night schließlich zum Ruhezentrum des Albums, wenn Knudsen zweieinhalb Minuten vollkommen alleine teils geräuschhaft gekonnt die Saiten zupft.

Clockstopper richtet sich an Jazzhörer, die musikalisch weder überfordert noch hintergründig beschallt werden möchten. Irgendwo in der Mitte zwischen pausierender Ruhe und kopfblockierter Nachdenklichkeit tragen einen die Kompositionen mit.

Knudsen_Clockstopper

Veröffentlicht 2012

Label: Longlife Records / LLR1204, Spielzeit 50:34 min.

Erhältlich bei www.kennethdahlknudsen.com

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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