Keine Stilgrenzen mehr – Ein Abend beim XJazz-Festival

Eindrücke eines Abends beim XJazz-Festival in Berlin-Kreuzberg.

Noch frisch mit den Worten des künstlerischen Leiter Sebastian Studnitzky im Kopf (siehe Interview) begab ich mich auf den Weg zum ersten Konzert. Zugegeben: es war das erste Mal, dass ich den ‚Privatclub‘ betrete. Wo sonst eher Rock- und Pop-Bands gastieren gibt’s nun Jazz zu hören. Das Inventar des Clubs ist im Retrolook gehalten: Couchsitzecken, 50iger Jahre Beistelltische, eher dekorative als funktionale Beleuchtung und das Ganze umrahmt von ein 70er Jahre Tapete.

Es ist noch früh am Abend und vielleicht ist deshalb der ohnehin kleine Konzertraum mit geschätzten 30 Besuchern nur halb gefüllt. Als erstes Konzert des Festivals eröffnet der in Berlin lebende Pianist Christoph Adams mit seinem Quartett. Adams begnügt sich aber nicht nur mit dem Klavierspiel, sondern er singt auch noch zu seinen Eigenkompositionen. Die Musik ist stark an der Tradition des Jazz orientiert, mit starkem stilistischen Einschlag der 40iger Jahr. Aber erfrischend anders kommt nicht nur sein Gesang in deutscher Sprache daher. Er sang auch seine Meinung über Aktuelles von Bankenlobbiesten bis hin zur EU-Politik – und das mit viel Wortwitz.

Keine 10 Minuten Fußweg geht’s weiter in den nahegelegenen BiNu-Club. Sofort fällt mir ein besonderer Vorteil des XJazz-Festivals auf: die Locations liegen nicht nur alle in Kreuzberg, sondern eben auch alle sehr nah beieinander. Die sonst gestressten Festivalhopper konnten also ganz entspannt bleiben.

Foto: cdn1.diginights.com
U-BHF Schlesisches Tor

Angekommen am ‚BiNu‘-Club begegnete mir eine lange Schlange vor dem Club. Sie ließ auf den Bekanntheitsgrad des bevorstehenden Acts schließen. Emilíana Torrini gastierte an diesem Donnerstagabend nun direkt unter dem Bahnhof der überirdisch gelegenen U-Bahn-Station Schlesisches Tor der Linie 1. Kurz vor Konzertbeginn ist die zweitgrößte Location der insgesamt 6 Locations des Festivals voll. Das Publikum wird ungeduldig, der Konzertbeginn verzögert sich. Als ich auf den etwas gestressten Bassisten stoße, der sich gerade durch die Menschenmenge quetschen muss, wird mir klar worauf wir warten – oder besser auf wen wir eigentlich warten. Schließlich habe ich den Bassisten gerade noch bei Christoph Adams im ‚Privatclub‘ spielen sehen. Ich erinnere mich erneut an das Interview mit Sebastian Studnitzky. Er betonte, dass sich viele der Musiker untereinander kennen und integraler Bestandteil der berliner Jazzszene sind. Ein weiteres konzeptionelles Merkmal des XJazz-Festivals: Vernetzung. Es sollte mir noch häufiger passieren, dass ich immer wieder mal den einen oder anderen Musiker wieder treffe.

Kaum ist der Bassist samt Notenständer auf der Bühne, betritt nun endlich Emilíana Torrini die Bühne. Das Publikum jubelte und der isländischen Sängerin steht die Vorfreude gemischt mit etwas Nervosität ins Gesicht geschrieben. Sie freue sich ganz besonders an diesem Abend singen zu dürfen, denn schließlich sei es etwas Einmaliges ihre sonst poppig anmutenden Songs nun in dieser Besetzung beim Xjazz-Festival spielen zu dürfen. Sebastian Studnitzky hatte in seiner Anmoderation bereits deutlich gemacht, dass sich die Besetzung eigens für dieses Konzert zusammengefunden hatte und intensive Proben vorrangegangen waren. Ich entdecke Studnitzky nun auch als Musiker am Klavier und mit Trompete auf der Bühne. Torrinis Songs sind leicht melancholisch, kraftvoll und tragen ein gewisse nordische Gelassenheit in sich. Die Harfen- und Gitarrenklänge sorgen einstweilen für verträumte Momente, Bass und Schlagzeug sorgen für das Fundament, während Claudio Puntin mit Klarinette, diversem Kleinzeugs und zahlreichen elektronischen Effekten das Ganze ein wenig als Experiment klingen lässt. Zweifelsohne überzeugten die Stimme, die Musiker und Arrangements vom ersten Ton an. Allerdings passte dieses Konzert nicht mehr so wirklich in mein scheinbar unüberwindbares Raster „Jazzfestival“ rein. Erste grundsätzliche Fragen über etwaige Genregrenzen, Tabus und Namensetiketten stellten sich mir und ich resümierte erneut mein Gespräch mit Studnitzky.

Es geht uns vor allem darum, den neuen Geist in der Musikszene darzustellen. Es gibt keine Stilgrenzen mehr.

Es zog mich weiter in den FluxBau. Das direkt an der Spree liegende Gebäude diente während der Festivaltage als offizieller „Hang-Out“ für Künstler und Organisatoren. Im Untergeschoß warteten nun geschätzte 50 Besucher auf das Trio Schmetterling. Der in New York lebende Gitarrist Keisuke Matsuno studierte unter anderem bei Frank Möbus in Weimar, ist gebürtiger Japaner und hat auch lange in Berlin gelebt. Er versteht sich als Weltenbummler. Das Trio mit dem Schlagzeuger Jan Roth und Alexander Binder am Bass, kontrastierte erneut mit den vorangegangen Acts. Das Trio vereinte Indierock, mit Pop, Elektronik und Improvisation. Allerlei technische Geräte wurden zum Nebeninstrumentarium emporgehoben, egal ob Looper, Moog- Synthie oder sonstige Elektronika. Die Musik erreichte das Ohr als durchaus wohliger Klangfluss, mal wilder, mal ruhiger, verzerrt dissonant. Die Musik sollte am Besten von jedem selber gehört werden. Auch hier überzeugte die Darbietung durch Authentizität.

Am Ende des Abends komme ich zu dem Schluss, dass Fragen des Genres und der Legitimität besonders beim XJazz-Festival müßig sind. Alle Acts, auch die der folgenden Tage, überzeugten durch ihre jeweils eigene Art und Weise Genres, Stile, die zahlreichen Möglichkeiten des musikalischen Ausdrucks auszuloten und in einer eigenen Ästhetik zu vereinen. Es empfiehlt sich den Begriff Jazz hierbei vielmehr als Spielhaltung zu verstehen, in der natürlich auch die Improvisation ihren Stellenwert hat – aber sich eben nicht darauf reduzieren läßt.

Die Organisatoren hatten sich zum Ziel gesetzt eine Bandbreite an Musik zu präsentieren, die auch einen starken Bezug zu Berlin haben sollte und ein breites Publikum zu erreichen. Dies ist Ihnen gelungen und dem Besucher wurde einiges geboten. Letztlich sollte zur Absicht des Festivals mit Studnitzkys Worten alles  gesagt sein: “Es geht uns vor allem darum, den neuen Geist in der Musikszene darzustellen. Es gibt keine Stilgrenzen mehr. Man schätzt sich und hat Spass zusammen. Darum stellen wir Künstler vor, die frische innovative und genreübergreifende Musik machen. Sowohl mit der Künstlerauswahl, als auch mit den Spielorten wollen wir neues interessiertes Publikum anziehen, dass Lust auf spannende Acts hat.” (Quelle:xjazzfestival.wordpress.de)

Das Festival hat vom 8.05. – 10.05.2014 stattgefunden. Die zweite Auflage des Festivals wird vom 7.05. – 10.05.2015 stattfinden.  Zur Website

Titelfoto: XJazz

Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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