Eindrücke zum XJazz-Festival 2014

Mein Auftakt für’s XJazz-Festival begann im Fluxbau, wo man stilvoll auf der Terrasse an der Spree sitzt, Oberbaumbrücke auf der einen, Fernsehturm auf der anderen Seite. Gegenüber haben sich die Leuchtbanner von Konzernzentralen und Welten von Autos und anderem breit gemacht. Der Fluxbau, die Dependance des Radiosenders FluxFM, der auch als Medienpartnervon XJazz fungierte, ist Heimat für Partys, Konzerte und beim XJazz-Festival waren hier so verschiedene Bands wie Eric Schäfers „Kondensat“, das „Melt Trio“ und Dejan Terzics „Melanoia“ zu hören. Beim Trio Schmetterling, das dort auch auftrat, konnte man sich auch einen Gig bei einem Rock- oder Metal-Festival vorstellen. Es war das Stück mit dem populärsten Namen – „Gassenhauer“ – vom Trio Schmetterling, das mit seiner Mischung aus schweren E-Gitarren-Riffs und freejazz-Anklängen am gewagtesten war. Der Mann hinterm Mischpult des Fluxbau schien jedenfalls mit dieser Musik besser vertraut als mit bspw. der des mit dem für die Location so passenden Quartett namens „Fluxtett“. Der Kontrabass war etwas übersteuert und drängte sich, zusammen mit dem Schlagzeug, im Gesamtklang sehr in den Vordergrund. Immerhin der Türsteher im Fluxbau war zufrieden:

„So einen entspannten Abend hatte ich seit Jahren nicht.

Aber vielleicht war es auch die Technik, die für die fast akustische Musik mancher Jazzmusiker nur mäßig geeignet schien. Jedenfalls wurde mir im „Monarch“ erzählt, jenem Club mit den großen Fenstern, die auf den U-Bahnhof Kottbusser Tor blicken, dass das Sound-Equipment eher für DJs als für live-Musik geeignet ist. Auch hier wummerte es mächtig, das bekam noch nicht mal der auf Mitwippen und Tanzen angelegten Blechblas-Kaskaden der Band „Threefall“ gut.

Im Privatclub musste man in einer längeren Reihe anstehen – wann hat man das schon mal bei einem Jazzevent? Hier traten am Freitag Abend „Micatone“ auf, deren Sängerin Lisa Bassenge sicher einer der großen Anziehungspunkte war. Die soulige Musik macht gute Stimmung, der Club war gut gefüllt.

Ein paar junge Frauen neben mir, die nach eigenen Angaben sonst eher nicht zu Jazzkonzerten gehen, erzählten begeistert von Dominik Horwitz‘ Lesung. Ein italienischer Wissenschaftler, der für eine Konferenz im Fraunhofer Institut angereist war, freute sich, dass er zufällig zu so einem tollen Jazzevent in der Stadt zugegen war. Als Besucher des Village Vanguards und des Ronnie Scott’s ist er auch vom Festival sehr angetan.

Ein Highlight für mich war das mitternächtliche Konzert „Poèmes de la nuit“ von Kathrin Pechlof (Harfe) und Christian Weidner (Saxophon) in der Emmaus-Kirche, bei dem Musik von Monteverdi über Debussy bis hin zu James Blake erklang. Vor einem recht überschaubaren Zuhörerkreis – die Kirche war so bestuhlt, dass die Musiker inmitten des Publikumskreises auftraten – brachten die beiden Musiker, die schon häufig miteinander gearbeitet haben, ruhige, raumgreifende Melodien zu Gehör. Der Kirchenraum, der sehr schlicht gehalten ist und vor allem durch helle Holztäfelung auffällt, wurde bis an die Spitze bespielt, wenn auch vor allem durch die leise Intensität des Zusammenspiels der beiden. Weidner selbst beschwor diese intensive Atmosphäre dadurch, dass er vor dem Konzert darum bat, nicht zwischen den Stücken zu klatschen. Ob Gott nun alles sieht oder nicht: hier in der guten Akustik der Kirche hörte man zumindest alles, jedes Rascheln, jedes Stuhlrücken.

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Foto: Xjazz

Über Bettina Bohle 151 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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