KUU! – Dadaistische Tauschgeschäfte mit Liebe

Foto: Wolfgang Siesing

Die im Interview mit Johannes Haage (Shoebill Music) angekündigte LP Sex gegen Essen der avantgardistischen Formation KUU! bietet moderne Musik mit experimentellem Flair. Ihren Stil bezeichnen sie selbst als „hectic modern noir“ und entsprechend steigt das Titelstück sofort in eine chaotisch anmutende Klangwelt ein, in der krumme Rhythmen auf dissonante Harmonien treffen. Der Band gelingt dabei über das gesamte Album hinweg unerwartet eingängige Musik, die durch weiche Kontraste manchmal den Charakter des Trip Hop à la Massive Attack oder Portishead vermitteln. Die wilden Ausbrüche bilden dabei eher Akzente.

Wenn sich in Dreamfood der markante Gesang von Frontfrau Jelena Kuljić in guturale Geräusche verläuft, treten Assoziationen zu Avantgardelegende Blixa Bargeld auf. Vielleicht zeigt sich hier die gemeinsame Hauptstadt als ästhetischer Schmelztiegel? Kuljić singt mal englisch, mal akzenthaft deutsch, wobei ihre Schauspielseele immer wieder expressiv durchdringt.

Der Verzicht eines Basses zugunsten von zwei Gitarristen funktioniert sehr angenehm durch die melodisch-rhythmische Aufteilung in Songs wie Against Winter. Der Finne Kalle Kalima bringt seine Erfarungen aus zahlreichen Kooperationen auch außerhalb des Jazz mit ein. So arbeitete er u.a. bereits 2002 mit Komponist und Sound Designer Simon Stockhausen zusammen (OPERA.tion Life Nexus Acte VIII). Der zweite Gitarrist Frank Möbus ist neben seiner Produzententätigkeit ebenfalls in diversen Projekten aktiv. Beide zeichnen sich bei KUU! durch hochwertig zurückhaltendes Spiel aus, folgen z.B. in Stasia geschickt dem Gesang. Schlagzeuger Christian Lillinger liefert phasenweise Grooves, ohne sich in rhythmischen Klischees zu verlieren und nimmt sich an den passenden Stellen zurück. Trotz der diversen Nebenprojekte aller Mitglieder wirkt die Band sehr homogen.

Diese Platte erschließt sich erst nach mehrmaligem Hören und erfordert aufmerksame Ohren. Das Progressive zeigt sich darin, dass zwar meist bekannte Harmonien präsentiert, aber ungewohnt und dissonant beißend fortgeführt werden. Letztlich eignet sich die Musik besonders für Hörer, die sich schon immer gefragt haben, wie Frank Zappa als Mitglied von King Crimson in einem Jazzclub klingen würde.

KUU! - CoverJelena Kuljic -vocals
Kalle Kalima -guitar
Frank Möbus -guitar
Christian Lillinger – drums

Erhältlich bei Shoebillmusic.com

 

 

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?

2 Kommentare zu KUU! – Dadaistische Tauschgeschäfte mit Liebe

  1. Die facettenreiche Betrachtung durch Attila Kornel regte mich, mir baldigst diese Scheibe zu besorgen, hoffe, sie entspricht dem Versprochenen!!!???

    • Hallo Herr Nitzsche, ich denke Sie werden nicht enttäuscht werden. Gerne können Sie uns Ihren Höreindruck mittteilen. Viel Spaß mit Kuu!! D.L.

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