Mystery and Magic in Südamerika: Sebastian Schunke

Der Berliner Pianist Sebastian Schunke lässt auf seiner neuen CD Genesis. Mystery and Magic komponierte Polyrhythmik auf Improvisation treffen. Dabei reicht das Feeling von wildem Durcheinander bis zu entspannter Klarheit.

Genesis

Wenn die Griechen bereits von “genistai” sprachen, meinten sie das Geborenwerden als Herkunft, z.B. aus der Erde oder im rein biblischen Sinn. Passend zum kreativen Schöpfungsgedanken schmückt das Albumcover den mit der zweiten Tochter schwangeren Bauch von Schunkes Frau. Der Komponist prüft auf seinem Album der Bildung von Zeit und Raum nach, indem die erste gestreckt und letzterer von Europa bis Südamerika gezogen wird. Dabei treten international bekannte Künstler an seine Seite, um im babylonischen Gegeneinanderreden eine gemeinsame Sprache zu schaffen.

Mystery and Magic

Das Mysterium impliziert die Unmöglichkeit des völligen Verstehens, etwas nicht Erklärbares soll zurückbleiben. Daraus folgt das Entzücken über Nichtrationales, ausgedrückt im lockeren Spiel oder einfach der Verwunderung der gelungenen Stilmetamorphose.

Bereits der Opener Adelante verwebt afro-cubanische Perkussion von Diego Pinera und Pernell Saturniono mit vertrauten Jazzidiomen. Letzterer überzeugte bereits mit Chick Corea und bringt diesen Einfluss hörbar ein. Die treibende Polyrhythmik regt dabei weniger zum Tanzen an, sondern verleiht dem gesamten Album immer wieder eine südamerikanische Note. Trompeter Alex Sipiagin und Posaunist Nils Wogram spielen oft solistisch oder gekonnt im verzwicktem Unisono. Dem Zusammenspiel kommt zugute, dass beide bereits 2012 mit Schunke im Studio gearbeitet haben und den Stil des anderen intuitiv zu kommentieren scheinen.

Ruhige Momente wie im Song for Antje bieten nicht nur Sipiagins Solokünsten Platz. Vielmehr lässt Kontrabassist Hans Glawischnig weich gestrichene Klänge in schöne gezupfte Solopassagen über einer von Klavier und Trompete getragenen Stimmung übergehen. Über die Aufnahmen verteilt bekommt Glawischnig immer wieder die ihm gebührenden Freiräume, wodurch er besonders in Metamorphosis nochmals hervorsticht.

Interlude 20_12 sind zwei gleich betitelte angenehm experimentelle und unerwartete Zwischenstücke, in denen Schunke ohne Begleitung sein Klavier durch ruhige, aber ausdrucksstarke moderne Klänge bewegt. Außerhalb des Albumkontextes könnte fast von seichter Atonalität die Rede sein. Vielleicht soll der Hörer aus der exotischen Odyssee gerissen werden, um sich der rationalen Aspekte bewusst zu werden? Misterioso rundet diese Reise wohlig beschwingt ab. Selbst einzelne Glöckchen reihen sich dabei samt Schellenkranz in die perkussive Untermalung einer von Bass und Klavier getragenen 7/8-Thematik ein.

Das Album ist moderner Latinjazz, ohne sich schablonenhafter Klischees zu bedienen. Letztlich ist es weder tänzerische Unterhaltungsmusik noch unnahbare Avantgarde. In diesem Spannungsfeld liegt womöglich das Mysterium.

genesis_mystery_and_magicErscheinungsdatum: Februar 2014
Produzent: Sebastian Schunke
Label: NWog Records, Zürich, Schweiz

Besetzung:
Sebastian Schunke — Compositions, Piano
Alex Sipiagin — Trumpet, Flugelhorn
Nils Wogram — Trombone
Hans Glawischnig — Bass
Diego Pinera — Drums
Pernell Saturnino — Percussion

www.sebastianschunke.com

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
Translate »