Nachgedanken zum Berliner Festival Xjazz (8.–10.5.2014)

Kommentar

xjazz hat sich als neues Jazzfestival von und für Berlin präsentiert. Eine Plattform für junge Berliner Bands zu bieten war eines der Anliegen der Festivalmacher. Diesem Anspruch wurde das Festival gleich in zweierlei Hinsicht nicht wirklich gerecht. Zum einen wurde bei xjazz die Berliner Szene nicht angemessen repräsentiert. Zum anderen bot das Festival keine ausreichende finanzielle Basis für die auftretenden Künstler.

line-up aus dem eigenen Label

Schaut man sich an, was die Festivalmacher sonst so treiben, wird schnell klar, wie sich das line-up des Festivals ergeben hat: die Festivalmacher haben vielfach eigene Projekte auf die Bühnen gestellt. Studnitzky, der künstlerische Leiter von xjazz, ist mit einigen Bandprojekten dabei (u.a. KY& Camerata, Seide, bei Letzterem wurde Studnitzky bei xjazz allerdings durch Florian Menzel ersetzt), für andere zeichnet er als Labelchef verantwortlich: bei „Contemplate“, Label und Booking-Agentur, ist Studnitzky einer der Partner. Auch der Ko-Festivalleiter Daniel W. Best tritt entweder selbst auf, als DJ, oder er präsentiert Acts seines Labels „Best Works“.

Natürlich ist es nicht verwerflich – und angesichts der kurzen Vorlaufzeit von drei Monaten für die Organisation des Festivals auch höchst verständlich – dass Studnitzky & Co. ihnen bekannte Musiker fragen, ob sie beim Festival dabei sein wollen. Aber die Auswahl der Künstler aus dem Pool der eigenen Labels gibt dem Festival einen Hauch von Promo- und Verkaufsveranstaltung.

Beide Labels haben einen starken Fokus auf elektronischer Musik. Der starke Fokus auf Elektro führte dazu, dass ein bestimmter Teil der Berliner Szene sehr gut, andere Musiker, die mindestens ebenso aktiv, interessant und auch jung sind, fast völlig unbeachtet geblieben sind. Darf ein Festival, das sich so stark als Plattform für die Berliner Szene präsentiert, viele spannende Formationen zugunsten der auf dem eigenen Label erscheinenden Musiker ignorieren?

Auf der Suche nach der Berliner (Jazz)Szene

Zudem stellt sich die Frage nach dem Niveau des Festivals: Wurde hier wirklich das Beste der Berliner Jazzszene präsentiert? Bei anderen Berliner Jazz-Festivals wie dem Umlaut-Festival, den Kollektivnights oder der Serious Series bekommt man den Eindruck, dass die Berliner Jazzszene noch vieles anderes zu bieten hat.

Nur knapp die Hälfte der bei xjazz auftretenden Künstler sind überhaupt in Berlin ansässig und/oder regelmäßig in der Stadt tätig. Dass xjazz „aus dem Stand heraus“ (Zitat xjazz) Berlins größtes Jazzfestival ist, ist angesichts der Fülle – fast die Hälfte aller auftretenden Künstler – an Elektro-Acts, die eben nicht dasselbe sind wie (Jazz)bands, zu bezweifeln.

Problematisch ist auch die finanzielle Struktur der Plattform, die xjazz sein möchte. Man kann den Festivalmachern nicht allgemein die finanziell prekäre Lage von Jazzmusikern zum Vorwurf machen. Doch scheint in der Planung und Organisation von xjazz vieles wichtiger gewesen zu sein als die angemessene Bezahlung der auftretenden Künstler. Neben Kosten für PR (im fünfstelligen Bereich), Mieten für die Clubs, die teilweise im vierstelligen Bereich lagen, und Reisekosten für auswärtige Künstler waren die Gagen für die Musiker weit weniger feste Größen in der Planung: Alle Konzerte waren door-gigs, die Musiker wurden also zu einem bestimmten Prozentsatz an den Einnahmen aus den Eintrittsgeldern bezahlt. Die auftretenden DJs dagegen haben teilweise eine Festgage bekommen. Die Reaktion der xjazz-Macher auf die Frage nach angemessener Bezahlung, die ich hier nicht veröffentlichen darf, lässt darauf schließen, dass sie das höchst brisante Thema nicht ernst genug nehmen. Solche „Plattformen“ gibt es in Berlin aber wirklich genug, nur kann kaum ein Musiker davon leben.

Zuletzt nur noch eine kleine Bemerkung zum Jazzbegriff von xjazz, über den schon verschiedentlich geredet wurde: Eine Neuausrichtung von Jazzfestivals zu propagieren ohne sich über den dabei verwendeten Jazzbegriff Gedanken zu machen, ist problematisch. Das Programm von xjazz wird dadurch – noch zusätzlich zu den großen Anteilen, die die labeleigenen Bands haben – etwas beliebig.

Und damit, zusammen mit der die bestehenden Verhältnisse zementierenden finanziellen Basis, ist die Eignung von xjazz als „Plattform“ für (Berliner) Jazzmusiker – zumindest in der jetzigen Form – nicht gegeben.

Über Bettina Bohle 51 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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