50 Jahre Jazzfest Berlin

„Wahnsinn! Wir als so junge Band bei der Jubiläumsausgabe dieses so renommierten Festivals – wir sind gespannt und freuen uns!“ Eva Klesse

Vorwort zum Programm

Das Jazzfest Berlin feiert fünfzigjähriges Jubiläum, blickt nach vorn und zugleich auch zurück auf gut einhundert Jahre Jazzgeschichte. „Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz.“ Dieser Satz von Jean Cocteau, einem der vielseitigsten Künstler des 20. Jahrhunderts, formuliert eine Herausforderung an den Jazz, seine Lebenskraft auch und erst recht in Zeiten digitalen Umbruchs zu beweisen.

Zu den zentralen Themen des diesjährigen Festivaljahrgangs zählt die Kontinuität des Jazz im Wechselspiel von Tradition und Avantgarde. Unmittelbar damit verbunden geht es um Jazz und die Dimension der Freiheit – musikalisch, historisch und aktuell.

Jubiläen und Gedenktage wirken wie Erinnerungspunkte, von denen aus Linien in die Gegenwart und in die Zukunft gezogen werden können. Das Vorwort für das erste Jazzfest, die damaligen Berliner Jazztage, schrieb 1964 kein Geringerer als Martin Luther King, Jr. Er betonte die Bedeutung des Jazz im Ringen um Freiheit und Gleichheit als Musik der Ermutigung: „This is triumphant music.“ Das Jazzfest Berlin 2014 knüpft musikalisch und thematisch an die Visionen des Bürgerrechtlers an – bereits im Vorfeld mit einer Multi-Media-Aufführung von Denys Baptistes „Now Is the Time – Let Freedom Ring!“ bei „Ein Tag für … Martin Luther King, Jr.“. Speziell für das Jazzfest Berlin entsteht das Projekt „Tribute: MLK Berlin ’64“ des New Yorker Klanginnovators Elliott Sharp. Auch die WDR Big Band bringt ein
Programm auf die Bühne, das für das Festival entwickelt wurde und hier seine Premiere erlebt: „Freedom Songs“ mit dem Sänger Kurt Elling. Ein Konzert in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche schlägt den Bogen
von der Black Church zu europäischem Besinnen.

„Dem Jazzfest Berlin fühle ich mich in der Tat verbunden, nicht nur weil ich seit 1966 oft genug bei dieser Veranstaltung mit verschiedenen Projekten aufgetreten bin, sondern auch meinen ersten großen „Durchbruch“ mit der Aufführung meiner Komposition „Globe Unity“ bei den (damals noch) Berliner Jazztagen hatte, womit auch die Karriere des Globe Unity Orchestra begann. Mit dem Globe Unity Orchestra haben wir beim Jazzfest mehrere Jubiläumskonzerte gegeben. „Männerulk in der Philharmonie“ hieß es damals in der Boulevardpresse 1966 und „Der Kick der alten Recken“ im Tagesspiegel 2006 (aktuelles Gesamtalter der Ensemblemitglieder ca 700 Jahre!). 2016 wird das Globe Unity Ochestra den runden Geburtstag feiern – 50 Jahre Bestehen. Am schönsten mit einem Kozert beim Berliner Jazzfest.“
Alexander von Schlippenbach

Zu den Ereignissen, die unabdingbar mit der Dimension der Freiheit verbunden sind, zählt der Fall der Mauer vor 25 Jahren. Das Werk „Die Engel – Vier Kurzopern“ von Jochen Berg und Ulrich Gumpert entstand noch vor dem Untergang des erstarrten Systems im Osten, nahm dessen Ende in Gestalt kühner Metaphern vorweg und diskutierte zugleich weltgeschichtliche Fragen, die über den Tag hinausreichen. Das Jazzfest Berlin feiert „Die Engel“ mit ihrer Wiederentdeckung. Joachim-Ernst Berendt, der das Fundament für dieses Festival legte und ihm mit enormer Weit- und Weltsicht zu internationaler Bedeutung verhalf, wusste um die Kraft des Bewahrens und die des Erneuerns. Mit Alexander von Schlippenbachs „Globe Unity“ präsentierte er 1966 eine Band, die Grenzen einriss und den Vorhang für etwas Neues öffnete. 2014 nun erweisen Alexander von Schlippenbach und Aki Takase mit einem von ihnen geleiteten Ensemble einem großen Vorgänger ihre Reverenz: dem vor fünfzig Jahren tragisch jung in Berlin verstorbenen Eric Dolphy. Auch die Berliner Altsaxofonistin und Bassklarinettistin Silke Eberhard lässt sich von dessen Musik an den Schnittstellen von Tradition, Moderne und Avantgarde inspirieren. Sie realisiert zum Festival eine Komposition, die Eric Dolphy unvollendet hinterließ, die „Love Suite“.

Jazz, Musik im Hier und Jetzt, war immer beides: Klang der Erinnerung und Zukunftsmusik. Auf unterschiedliche Weise spiegelt sich das eine im anderen – so, wenn Francesco Bearzatti mit „Monk’n’Roll“
Themen von Thelonious Monk zum Rocken bringt, und so auch, wenn Jason Moran mit Reminiszenzen an Fats Waller zur „Dance Party“ auffordert – eine Europa-Premiere. Kunstanspruch und Entertainment gerieten im Jazz nie zueinander in Widerspruch, auch wenn mal der eine, mal der andere Aspekt stärker in den Vordergrund rückte. Mostly Other People Do the Killing greifen mit „Red Hot“ auf den frühen Jazz zurück und zelebrieren auf vergnügliche Weise dessen Explosivkraft.

Ein ganzes Jahrhundert des Jazz liefert den Stoff für dieses Festival. Dazu gehört Benny Golson, einer der letzten Veteranen des Hard Bop, ebenso wie die freie Improvisationsszene, die sich in der Akademie der Künste entfaltet. Dazu gehören auch junge Experimentatorinnen, Soundexzesse und Neuentdeckungen, Bands wie das klangsensible Quartett um die Schlagzeugerin Eva Klesse ebenso wie die Flammen schlagende Kraft des großformatigen Fire! Orchestra. „Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz.“ Allen, die zum Gelingen dieses Festivals beitragen, sei herzlich gedankt: insbesondere den ARDRundfunkanstalten und Deutschlandradio, der Akademie der Künste und der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein spezieller Dank geht an Sie, unser treues und aufgeschlossenes Publikum. Wir laden Sie herzlich ein, mit uns gemeinsam 50 Jahre Jazzfest Berlin zu feiern.

Bert Noglik, Künstlerischer Leitzer Jazzfest Berlin

Thomas Oberender, Intendant Berliner Festspiele

Titelfoto: © Jörg Singer

Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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