„Die Engel“ – Musikalische Erinnerungen …

Veröffentlichung von "Die Engel" im Steidl-Verlag

… an die (Vor-)Wendezeit in der DDR beim Jazzfest 2014

– Ulrich Gumpert, Pianist und Komponist, geboren in Jena, feierte im Januar 2015 seinen 70. Geburtstag. Im vergangenen Herbst wurden, im Rahmen des Jazzfest Berlin, Gumperts Kurzopern „Die Engel“ wiederaufgeführt.

Ich habe Ulrich „Uli“ Gumpert ein paar Tage nach der Aufführung der „Engel“ in der Akademie der Künste bei ihm zu Hause für ein Gespräch getroffen. Nahe der Berliner Friedrichstraße hat Gumpert eine geräumige Wohnung, die voller Schallplatten, CDs und Partituren ist. Die Fülle ist wohl organisiert, die Partitur der „Engel“ findet Gumpert mit einem Handgriff. An der Wand des Wohnzimmers ein Kunstwerk des Dramatikers Jochen Berg, der die Texte zu den „Engeln“ beigesteuert hat.

Die Idee zu den vier Kurzopern entwickelten Jochen Berg und Gumpert bei einem Besuch in der Uckermark 1984. Das erste Stück der „Engel“ war ursprünglich nicht mehr als ein paar schnell dahingeworfene Worte von Berg und ein paar dazugeschriebenen Noten von Gumpert, die sie, weil sie nichts anderes hatten, als Geburtstagsgeschenk überreichten.

1986 entstanden zwei weitere Stücke. Diese ergänzte Gumpert innerhalb von 10 Tagen, um ein viertes Stück, eine Art Satyrspiel, weil Berg eine Vorliebe für griechische Tragödie hatte; gerade noch rechtzeitig für die Uraufführung der vier Stücke 1988 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (damals Berlin-Ost).

Ulrich Gumpert
Ulrich Gumpert

Zuvor waren Teile mit der Workshop-Band sowie Thomas Wolf und Uschi Brühning als Sänger schon mal ausprobiert worden, doch im Rahmen der DT-Jazzreihe „Jazz in der Kammer“ fand die erste Aufführung aller vier Kurzopern zusammen statt. Der Zensur entkamen Gumpert und Berg dadurch, dass der Intendant keine Lust hatte, sich den Text in der Partitur anzuschauen – separat gab es ihn aber nicht, wie Berg behauptete. Nach der Aufführung war der Keller des DT voll, alle haben diskutiert über dieses Stück, erzählt Gumpert.

„Die Engel“ sollten auch veröffentlicht werden, es war ein Doppelalbum bei dem DDR-Label Amiga geplant. Aufgenommen und fertig gemischt wurde von September bis November des folgenden Jahres. Das war 1989, Berlin und Deutschland waren anderweitig beschäftigt. So verschwanden die Aufnahmen erst einmal in der Versenkung. Uli Gumpert hat 1990 selbst die Bänder mit den Aufnahmen der „Engel“ aus dem ehemaligen DDR-Rundfunk in der Nalepastraße geholt, wo damals alles drunter und drüber ging und Aufnahmebänder sich chaotisch übereinander stapelten. Nach einigen weiteren Verwicklungen, finanzieller und organisatorischer Art, wurde das Album 1991 beim Steidl-Verlag veröffentlicht.
Bert Noglik, der damals die liner-notes schrieb, brachte sie nun, 26 Jahre nach der Uraufführung, als Intendant des Jazzfests Berlin zur Wiederaufführung.

Für Uli Kempendorff, Saxophonist, der bei dieser Jazzfest-Wiederaufführung dabei war, fangen „Die Engel“ ein Stück der Stimmung Ende der 80er in der DDR ein. Musikalisch seien die Stücke durch absoluten Reduktion der Mittel, endlose Wiederholungen sowie Statik und Penetranz charakterisiert. Unterbrochen werde dieser „klare und kalte Blick auf Kontrolle, Ordnung und Funktion, verlorene Träume und Utopien“ nur von einigen Solos mit Free Jazz-Ausbrüchen.
Für Kempendorff, der seine ersten Lebensjahre in Ost-Berlin verbrachte, war die Ästhetik der „Engel“ vertraut: „Ich hab als Kind teilweise während der Vorstellungen vom Seilboden des Berliner Ensembles auf die Bühne geschaut und Stücke gesehen, von denen ich damals nicht wirklich viel verstanden habe. Die ästhetische Sprache, der Duktus und die Strenge waren dem der „Engel“ allerdings sehr ähnlich. Eisler und Brecht-Einflüsse sind überall zugegen bei Gumpert, genauso wie natürlich Satie. Brecht, Eisler und Weill waren zu Hause ebenfalls Alltagskost, genauso wie Lyrik und Liedermacher der DDR. Daher fühlte sich das in der Akademie alles recht natürlich an. So klang das eben damals.“

Über Bettina Bohle 39 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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