Alerusjon – Reisen drei Musiker mit Freunden durch Rumänien und grüßen Bach…

Die Band Alerusjon stellt mit ihrem Album Mêlée ein musikalisches Statement vor, in der die Suche nach originärer Klangsprache vom Latin Jazz aus auf internationale Wege führt.

Die instrumentale Eröffnung Running Horse etabliert eine osteuropäische Jazzstimmung, die charakteristisch für das weitere Album rhythmische und harmonische Spannungen aufbaut und wieder einfängt. Das akustische Gitarrenspiel von Alexander Thinius trägt darin überwiegend rhythmisch-perkussiven Charakter mit melodischen Facetten. Rustam Bagirov fügt sein Akkordeon akkordisch ein, worauf Jonas Liesenfelds Geige mal melodisch mal akzentuiert expressiv liegen kann.

Zahlreiche Gäste steuern nicht nur ihre Stimmen bei, sondern bereichern gezielt die Kompositionen. In Cântec de Cununa (Crazy Bride) drängt sich Ana Stamp zu Recht mit ihrem traditionellen rumänischen Gesang in den Vordergrund. Die Geige ergänzt die Melodien passend in dezenter Umspielung.

Keep on waiting erinnert mit Ergänzung von Almost Under im Harmoniegesang an Damien Rice oder die Fleet Foxes, ohne sich in eingängiger Subtilität des Singer/Songwriter-Gestus zu verlieren. Die Gäste aus dem Musikkonservatorium Arnheim bringen zugleich noch Verstärkung durch Cello und Viola mit, so dass Liesenfeld Platz für teils ungewohnt geräuschhafte Akzente auf die warmen Harmonien bekommt.

Tänzerisch beschwingt vom Wein und der Perkussion von Frans Kemna setzt Ines Berzina ihren Gesang zu diesem Getränk in warme Worte (Glaze Vina [Glass of Vine]). Es regt weniger zur körperlichen Ekstase als dem lockeren Wippen verregneter Frühlingstage auf dem Sofa an.

Besonders gelungen ist die Interpretation vom Präludium Nr. 2 C-Moll von Johann Sebastian Bach. Was zunächst als verzögerter Klaviereinsatz Sofia Vasheruks erscheint, ist ein wohltemperierter, aber gewagter Zugriff auf das vielgehörte Werk. Jazz trifft auf Barock ist nicht neu, erinnert sei z. B. an Jeanette Köhns „New Eyes on Baroque“ (2013). Alerusjon nutzen den Bach´schen Geist aber tatsächlich als Sprungbrett in eigene rhythmisch-dynamische Ausbrüche, um sie hinterher respektvoll in einer kurzen Schlusskadenz dem Klavier zurückzugeben. Wer genau hinhört, kann kurz vor deren Auflösung ein kleines Knacken hören, vielleicht eine versteckte Hommage an Glenn Gould? Dessen frecher, aber gekonnt rhythmischer Zugriff auf Bachs Musik, könnte durchaus ästhetisch Pate gestanden haben.

Wer die Band aufmerksam verfolgt hat, konnte den Bossa na peske (Bossa on the Sand) mit Sängerin Jacqueline Djohar bereits letztes Jahr audiovisuell genießen. Die Albumversion zeichnet sich dagegen durch klare Produktion und perfektes Timing aus, auf dem der nachdenklich expressive Gesang glänzen kann, ebenso wie Thinius´ gekonnt groovendes Gitarrensolo. Von letzterem wünscht man sich mehr, so eingelöst anschließend in Samba pra Mixer, das kurzweilig die instrumentale Stimmung in lockere Caféhausattitüde lenkt.

Mit großer Geste beendet Sängerin Leila Alijeva auf Sevgimiz Üçün (For the Sake of Love) diese Reise durch vielfarbiges Genregebiet, aus der sich die Musiker nach vierzig Minuten verabschieden.

Alerusjon sind allesamt Musiker, die deutlich Erfahrung und Fertigkeiten als Interpreten und Komponisten in das Projekt tragen. Entsprechend hoch sind ihre Anforderungen an die zahlreichen Gäste auf dem Album, denen sie aber gebührenden Platz einräumen und entgegen vorherrschenden Klischees als Musikstudenten keine gesteigerten Egos, sondern Freude am Musizieren offenbaren. Das Album eignet sich hintergründig für gemütliche Stunden, Musikenthusiasten können aber auch feine Nuancen entdecken und genießen. Erwartungen an ausgiebige Soli werden enttäuscht. Dafür animiert die Musik zum nächsten Konzertgang der Band, um ihr den gebührenden Platz zum Atmen zu geben.


Alerusjon are:
Alexander Thinius – guitar
Rustams Bagirovs – accordeon
Jonas Liesenfeld – violine

Website: alerusjon.com
Facebook: facebook.com/alerusjon
Music: alerusjon.bandcamp.com (listen and order)

Recorded 2014 at ArtEZ Studio Arnhem & Enschede, Leila Alijeva recorded in Latvia. // Recording, Mix & Master: Steffen Lütke (Fattoria Musica). // Recording assistant: Jan Esperer. // Artwork by Bløff dasistbloeff.tumblr.com. // Produced by Alexander Thinius & Steffen Lütke.

VÖ: 22 December 2014 online
14 März 2015 physical

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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