All Aboard the „Dead of Night Express“

Dancing on the Edge

Hakenkreuze auf den Fähnchen in den Käsehäppchen, den Raum verlassen, wenn ein schwarzer Musiker spielt – die Deutschen kommen nicht so gut weg in der BBC-Miniseries „Dancing on the Edge“ (Tanz am Abgrund), in deren Mittelpunkt eine Jazz-BigBand in Großbritannien zu Beginn der 1930er-Jahre steht. Die Deutschen sind in guter Gesellschaft: Kaum einer, der nicht die Nase rümpft über die Musiker – ihres Musikstils oder ihrer Hautfarbe wegen. Immer wieder geraten die Musiker in Konflikt mit der Immigrationsbehörde, obwohl viele von ihnen britische Staatsbürger sind.

Stanley Mitchell dagegen, ein aufstrebender und immerfort arbeitender Musikjournalist, befördert die Karriere der BigBand durch seine Artikel und gezieltes Networking in der britischen Aristokratie; er wird mehr und mehr selbst Teil der Erfolgsgeschichte der Band und befördert gleichzeitig seine eigene Karriere. Dann geschieht ein Verbrechen, das alles in Frage und die geknüpften Beziehungen auf die Probe stellt.

„The idea came to me when … I was researching George, the fourth son of the King and I discovered that his brother the future Duke of Windsor Edward VIII had hung around with the Duke Ellington band. “ (Poliakoff, Quelle: BBC2)

Die vier Folgen von „Dancing on the Edge“, inszeniert vom preisgekrönten Dramatiker Stephen Poliakoff, der auch fürs Drehbuch verantwortlich zeichnet, sind jeweils anderthalb Stunden lang. Die Serie ist mit namhaften Schauspielern besetzt, u.a. Matthew Goode als Stanley Mitchell und John Goodman als Mäzen William Masterson; die Schauspielerin Jacquelin Bisset gewann für ihre Darstellung der zurückgezogenen, jazzliebenden Lady Cremone einen Golden Globe, Chiwetel Ejiofur, der den Bandleader Louis Lester spielt, wurde für seine Darstellung für diverse Preise nominiert.
Die Widerstände, denen sich Jazzmusik in ihren Anfängen ausgesetzt sah, sind hier spannungsreich erzählt: Ein Verbrechen, Rassendiskriminierung, Musiker, die auf Mäzene angewiesen sind, neue Radiotechnik, Könige und reiche Gönner, Liebe, Verrat – all das und noch viel mehr findet sich in dieser oppulent ausgestatteten Miniseries. Dazu gibt es schöne Jazzmusik im Stil von Duke Ellington – ein kleiner Wehmutstropfen, dass keine Originalmusik verwendet wurde, aber Komponist Adrian Johnston hat den Musikstil dieser Jahre gut nachempfunden und mit „This Girl’s Going Far“ einen richtigen Kracher geschrieben.

Ein Interview mit dem Schöpfer der Serie hier.
Mehr Information zur Serie hier.

Die Miniseries „Dancing on the Edge“ (2013) jetzt bei Netflix und als DVD erhältlich
Der Soundtrack ist ebenfalls erhältlich

Über Bettina Bohle 51 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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