Auftakt Jazzfest Berlin 2015

Nadin Daventer im Gespräch mit Julia Kadel und Alexander Hawkins © Bettina Bohle

Am 16. Oktober gab der neue Festivalleiter des Berliner Jazzfests, Richard Williams, seinen Einstand bei einer schon von seinem Vorgänger, Bert Noglik, eingeführten Gesprächs- und Musikveranstaltung gute zwei Wochen vor dem Start des diesjährigen Jazzfests (5.–8. November).

Noglik geistert durch die einführende Rede der stellvertretenden Leiterin der Berliner Festspiele, die zwei Mal Nogliks Namen statt den des neuen Festivalleiters, Richard Williams, nannte. Das rief verständnisvolles Gelächter beim anwesenden Publikum hervor, zahlreiche Interessierte und Pressevertreter – die Hauptbühne des Hauses der Berliner Festspiele war gut gefüllt.

Julia Kadel leitete den Abend musikalisch mit drei Solo-Stücken ein, ihre lyrische, vom klassisch-romantischen Idiom geprägte Spielweise mit Einsprengseln von Swing und Blue Notes gefiel. Mehr Eindruck machte die höchst expressive Improvisationskunst des britischen Pianisten Alexander Hawkins. Er trat zum Ausklang des Abends auf und bezauberte durch die von ihm zuvor in der Diskussion beschworene Magie des muskalischen Wagnisses.

In der Diskussion mit Nadin Deventer, Produktionsleiterin des Jazzfests, sprachen die beiden Pianisten über ihre Erfahrungen als junge Jazzmusiker. Die persönlichen Erzählungen bspw. von Hawkins über seine Ausbildung unter der Ägide älterer Jazzmusikern, die ihn mitspielen ließen, ihm aber nie sagten, was er zu spielen habe und Julia Kadels Verweis auf die Schwemme gut ausgebildeter Jazzmusiker, die jährlich auf einen nicht gerade großen Markt kommen, waren dabei interessanter als die Versuche von Deventer, über Jazz-Netzwerke in Europa zu sprechen (Deventers Beitrag im aktuellen Magazin des Jazzfests ist übrigens sehr lesenswert).

Neuer Festivalleiter – schon seit 1969 beim Jazzfest dabei

Daneben gab es ein Interview des Radiomoderators Arne Schumacher mit Richard Williams, der über seine Erfahrungen mit dem Berliner Jazzfest sprach – er war schon 1969 dabei, als die Jazztage, wie das Jazzfest damals hieß, von Joachim Ernst Behrendt geleitet wurden, dessen Vision von den vielfältigen Möglichkeiten des Jazz Williams als Vorbild für seine Festivalgestaltung nannte. Williams, dessen englische Statements von Schumacher ins Deutsche übersetzt wurden, sprach außerdem von der kreativen Energie Berlins, die seiner Heimatstadt London ähnlich sei. Wie in London sei das kreative Zentrum der Stadt eher im Osten zu finden und nicht – ein kleiner Stoß gegen die Örtlichkeit – in Gegenden wie Wilmersdorf. Die lokale Szene einzubinden sei ihm ein wichtiges Anliegen, so Williams weiter. Er führte Aufritte von Ensembles wie dem Splitterorchester, ein Berlin-basiertes Ensemble der Echtzeit-Szene, und die eigens für das Festival aus Berliner Musikern gebildete Formation „Diwan der Kontinente“ als Beispiel an. Gleichzeitig betonte Williams, dass die afro-amerikanische Jazzmusik für ihn den Kern des Jazz‘ bilde. Der Austausch zwischen den verschiedenen Jazzwelten ist Williams ein wichtiges Anliegen. Ein Festival im Festival seien die Auftritte der verschiedenen Piano-Trios – in der Reihe „The Art of the Trio“ treten neben Julia Kadels Trio das Giovanni Guidi Trio und die Formation „Plaistow“ auf , daneben findet sich auch das Trio von Tigran Hamasyan. Das Piano-Trio sei, so Williams, für den Jazz das, was das Streichquartett für die klassische Musik sei: eine Formation, die viele verschiedene Möglichkeiten biete und ihn deswegen stark interessiere.

Das Programm dieses Auftaktabens zum Jazzfest Berlin 2015 wurde abgerundet mit einem auf Video aufgezeichneten Interview mit Charles Lloyd, dem amerikanische Tenorsaxophonisten, der über die Entstehung vom „Wild Man Dance Project“ sprach, das beim Jazzfest Berlin aufgeführt wird. Der Entstehungsprozess eines solchen Stücks, der bei Spaziergängen durch die Natur passiert sei, so Lloyd, sei eigentlich unerklärlich („don’t ask me how“). Richard Williams ergänzte diesen Eindruck durch seine Hörerfahrung von zwei Aufführungen der Suite, die er in Polen und London erlebt habe. Ihm sei deutlich geworden, dass dieses Stück noch weiter reife und er sei sich sicher, dass das Stück beim Jazzfest in Berlin wieder anders klingen werde. Man darf gespannt sein.

Charles Lloyd tritt mit seinem „Wild Man Dance Project“ am 7. November um 20 Uhr im Haus der Berliner Festspiele auf, zuvor wird dort, um 17:30 Uhr, ein Dokumentarfilm über den Saxophonisten gezeigt, der Eintritt für den Film ist frei.

Alexander Hawkins tritt am 8. November im Haus der Berliner Festspiele mit dem Louis Moholo-Moholo Quartet auf.

Das Trio von Julia Kadel gibt im Rahmen des Jazzfests am 5. November ein Konzert im A-trane.

Das gesamte Programm des diesjährigen Jazzfest Berlin findet sich hier.

Über Bettina Bohle 42 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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