20.000 Kilometer

Kavita Shah mit ihrem Album "Visions"

Kavita Shah (Foto: Julien Charpentier)

Kavita Shah hat auf ihrem derzeit aktuellem Album Visions (Naive Records 2014) ihre musikalische Welt als eine transkontinentale Mixtur auf CD zusammengebracht.

Ich habe knapp 20.000 Kilometer Luftlinie und mindestens 20 Flugstunden gezählt, wenn man die musikalische Vielfalt auf Kavita Shahs Album Visions geografisch skizzieren wollen würde. Seien es die westafrikanischen Wurzeln des Mitmusikers und Co-Produzenten Lionel Loueke und des Kora-Spielers Yacouba Sissoko , die Tabla-Künste von Stephen Cellucci oder die Jazzeinflüsse des Saxofonisten Steve Wilson – die insgesamt 15 Musiker, die bei diesem Album beteiligt waren, tragen wesentlich zum farbenreichen Sound bei. Sie bringen allesamt ihre musikalischen Wurzeln auf spannende Weise mit in das Album ein und sind Experten auf ihrem Instrument. Bereits Yacouba Sissoko dabei zu zuhören,  wie er auf der für westeuropäische Ohren exotisch klingenden Kora virtuos improvisiert, ist Grund genug sich das Album mal anzuhören.

„The diverse musical, cultural, and linguistic influences present in ‚Visions‘ are the result of the distinct people, places, and soundscapes that have shaped my life“ (Kavita Shah, aus dem CD-Booklet)

Das Album ist insgesamt mit 15 Titel vertreten, davon sind vier eigene Kompositionen von Kavita Shah. Ihre Interpretationen bspw. von Sodade oder Triste bekommen allein durch die Instrumentierung auf diesem Album ein ganz neues Flair. Es gelingt ihr bei dieser Produktion mit Leichtigkeit die verschiedenen musikalischen Traditionen zusammenzubringen – ohne  bloße Nachahmung noch liebloser Mixtur.  Bei dem aus der Feder von Amandio Cabral und Luis Morales stammenden Stück Sodade legt Lionel Loueke die Harmonien in dem von ihm bekannten Sound seiner gedämpften Nylongitarre vor. Das Ganze bekommt durch seine Rhythmik einen Latin-Touch, wobei sich die Tabla von Stephen Cellucci mit ihrem Rhythmus, warmen, runden Sound organisch einfügt. Kavita Shahs Stimme vollendet in portugiesischem Sprachgewand den Kern dieses Titels. Ganz überraschend ergänzen am Ende noch Streicher und ein mehrstimmiger Gesang das Arrangement und es erinnert tatsächlich an einen Montuno – jener gesteigerter Climax eines jeden Salsa-Titel. Kavita Shah widmet sich mit drei Ragas gegen Ende der CD auch ihren eigenen indischen Wurzeln.

All das mag nach einem etwas konzeptlosen Durcheinander klingen – das ist es nicht. Die Arrangements der zahlreichen Kompositionen bspw. von Joni Mitchell, Stevie Wonder, Luis Morales u.w. integrieren Shahs Einflüsse sehr geschmackvoll und dabei immer musikalisch sinnvoll instrumentiert. Fast schon konventionell kommen ein wenig Kavita Shahs eigene Kompositionen daher – aber auch nur, weil bspw. bei Moray tatsächlich ein Schlagzeug und Klavier zu hören, was fast schon zu gewöhnlich für dieses sonst so bunte Album ist. Melodisch und harmonisch halten aber besonders ihre Kompositionen einige Überraschungen bereit. Dank der wohlbedachten Titelreihenfolge bei Visions fällt es einem leicht sich durch die verschiedenen Stimmungen und Klänge von Anfang bis Ende durchzuhören.

So sehr das Album schön, ausgewogen produziert wurde und angenehm fürs Ohr zu hören ist, vermisse ich beim Durchhören des Albums doch etwas Kanten, etwas Raues, etwas „hässliches“ – es läuft ein wenig Gefahr voreilig zu Hintergrundmusik degradiert zu werden.

Ungeachtet aber davon lädt Visions dazu ein sich mit vielen verschiedenen musikalischen Welten vertraut zu machen. Man kommt in den Genuss abwechslungsreicher Klangfarben und Improvisationen gibt es auch genügend. Wer auf der Suche nach etwas Außergewöhnlichem ist, fern ab von konventionellem „Schön-Wetter“ Jazz oder von „dogmatisch klirrender“ Avantgarde wird viel Freude mit diesem Album haben – und ohne das nötige Kleingeld haben zu müssen, begeht man eine kleine Weltreise.

Meine persönlichen Favoriten: Sodade, Little Green, Paper Planes,

kavitashahmusic.com

Über Daniel Lindenblatt 31 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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