Keine Kronkorken im Görlitzer Park

Der Pianist Marc Schmolling veröffentlicht sein Soloalbum "Not So Many Stars" – Ein Interview

Der Pianist Marc Schmolling veröffentlichte gerade auf dem eigenen Label sein erstes Solo-Album „Not So Many Stars“. JAZZAffine.com sprach mit ihm über die Entstehungsgeschichte, musikalische Vorbilder und das Finden der eigenen musikalischen Stimme.

JAZZAffine: Wie ist die Enstehungsgeschichte der Stücke auf der Platte?

Marc Schmolling: Es gibt jüngere und es gibt ältere. Ich war zwei Tage lang im Studio in erster Linie mit dem Gedanken, dass ich frei improvisieren werde, was ich auch getan habe. Ich spiele ja ungefähr schon 10 Jahre Solokonzerte, da habe ich bisher meist komplett frei improvisiert. Aber ich habe auch ein paar Stücke mit ins Studio genommen, die mir am Herzen lagen und die bisher noch nicht veröffentlicht waren. Daraus ist dann beim Durchhören des Materials eine Mischung entstanden.

Was hat dich damals, als Du angefangen hast, am Solospielen interessiert?

Es bietet sich natürlich an, weil das Piano eine unglaubliche Bandbreite an Möglichkeiten bietet, von total orchestral über minimalistisch bis perkussiv. Ich glaube, dass mich das immer schon interessiert hat. Ich habe auch relativ früh schon in kleineren Besetzungen gespielt, auch ohne Rhythmusgruppe oder im Duo, wo viel Raum für das Klavier war. Ganz allein ist natürlich noch einmal etwas anderes, weil man keinen Dialogpartner hat. Aber ich glaube ich war immer schon neugierig, alleine auf die Reise zu gehen sozusagen, mit dem dem Vertrauen, dass ich irgendetwas Schönes entdecke und es live mit Leuten teilen kann. Das war für mich immer schon eine große Lust. Mir geht es um Bilder und Stimmungen. Das Album ist jetzt durchaus ziemlich introspektiv. Das ist auch bewusst so gewählt.

Das Album wirkt tatsächlich konzeptuell durchstrukturiert. Aber das hat sich eigentlich erst im Nachhinein so ergeben?

Ich bin mit einem leeren Kopf in Studio reingegangen und das ist mir auch das liebste, auch auf der Bühne. Dann habe ich einfach aufgenommen und wieder Pause gemacht. Das „Konzept“ ist dann erst entstanden. Ich bin da bei dieser Auswahl gelandet, die in weiten Strecken sehr viel mit Reduktion arbeitet und mit feineren, leiseren Tönen. Klar, es gibt schon ein paar Ecken und Kanten, das bin ich auch und das ist auch wichtig. Aber es geht eigentlich darum, dass man ein bisschen Atmen kann.

Bilder und Stimmungen

Im Studio hast du also auch andere Stücke aufgenommen.

Ja. Das ist aus der Selektion heraus enstanden. Beim ersten Mal Durchhören waren es vielleicht 30 Stücke und dann nach und nach bin ich eigentlich nur noch danach gegangen, was ich noch öfter hören möchte, oder was für mich eine anhaltende Intensität hat. Da bin ich interessanterweise bei vielen stilleren Stücken gelandet. Auf der Platte sind jetzt fünf Kompositionen und fünf Improvisationen. Das war auch nicht geplant.

Die Titel für die Improvisationen …

Kommen im Nachhinein. Manche Titel sind tschechisch, weil ich ja halber Tscheche bin. „Fantazie“ ist auch auf tschechisch geschrieben. Die Titel sind meistens Bilder und Impressionen. Ich hätte im Endeffekt auch alles Improvisation oder Stück 1, 2, 3 nennen können. Das habe ich früher auch manchmal gemacht, aber ich mag es inzwischen ganz gern, Titel zu haben und Bilder mit reinzubringen. Wenn ich ein Stück „Kronkorken im Görlitzer Park“ nennen würde, dann würden das Leute witzig finden. Ich versuche aber Titel zu nehmen, die Spielraum lassen. In erster Linie solche, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie emotional eine Verbindung zu dem Stück haben.

Was für musikalische Vorbilder hast du? Ich habe beim Hören viel an Klassiker wie Ravel und Bartók denken müssen.

Ich habe Vergleiche mit Ravel und Debussy auch schon von anderen Leuten gehört – ich habe die romantische Harmonik und den Gestus durchaus gerne gemocht als Kind und als Jugendlicher, aber das habe ich nicht bewusst aufgegriffen. Ich habe auch Klassik studiert – das sind schon Sachen, die mitlaufen. Ich konzentriere mich beim Komponieren und Improvisieren in erster Linie aber darauf, was ich hören will oder welche Klänge mich interessieren. Das ist auch eine Sache, die sich immer weiter verändert und vertieft über die Jahre, aus den Erfahrungen, die man vom Spielen und Komponieren hat. Das ist eine Reise, die hoffentlich nie aufhört. Man geht immer mehr ins Detail.

Inwiefern beeinflusst das Solospielen dein Zusammenspiel mit anderen?

Je mehr ich mich damit beschäftige, was ich solistisch mache, desto mehr konkretisiert sich meine Sprache und manifestiert sich mein künstlerischer Wille. Ich klinge auch nicht in allen Bands gleich, aber man findet doch schneller zu sich.

Du hast 10 Jahre gewartet, dein Solospiel aufzunehmen.

Ich habe, als ich angefangen habe, nicht unmittelbar den Impuls gehabt, solistisch etwas aufzunehmen. Vor sechs, sieben Jahren hatte ich konkret die Vision für dieses Studio, in dem ich jetzt auch aufgenommen habe. Das ist ein Bauernhof in Osnabrück, wo man auch übernachten und kochen kann. Vor zwei Jahren hatte ich auch das nötige Kleingeld zusammen, das dort genau so zu machen. Mit einem vertrauten Toningenieur. Wenn man alleine ist – das kann auch eine Psychokiste werden. Es ist irrsinnig wichtig, dass man jemanden hat, bei dem die Chemie passt. Ich habe mit Marco Birkner aufgenommen – der lässt mich einfach machen. Zwischendurch habe ich uns auch mal ’ne Pasta gekocht.

Die Aufnahme ist ja jetzt schon zwei Jahre alt.

Ja, das steht eigentlich im Widerspruch zu dem, dass ich durch das eigene Label unabhängig bin. Aber das hatte mehr persönliche Gründe. Soloprojekte haben es an sich, dass man sehr auf sich zurückgeworfen wird und wenn es einem nicht so gut geht – ich habe das eine Zeit lang gar nicht anrühren können.

Reise immer mehr ins Innere

Was ist das Jazzige an deiner Musik?

Es ist eh schwierig geworden, die ganzen Schubladen lösen sich immer mehr auf. Ist das, was ich mache, Avantgarde, ist das klassisch? Soundcloud hat mir als ersten Tag „classical“ angeboten. Das fand ich sehr interessant. Aber eigentlich ist mir das egal. Jazz war immer eine Musik, die im besten Fall vom Zeitgeist gelebt hat; ein unmittelbarer Ausdruck des Individuums und der Zeit, in der man lebt. Das ist das spannende für mich daran, das ist für mich das, was Jazz ausmacht. Ich stehe total auf Thelonious Monk, Billie Holiday, Horace Silver – ich höre zu Hause sehr viel von diesen alten Sachen. Aber mir ging es nie, oder schon lange nicht mehr darum, so etwas zu kopieren.

Sich ein Vokabular anzueignen und zu versuchen eine persönliche Wahrheit zu finden, die vielleicht auch anderen gefällt – hoffentlich. Aber in erster Linie, über die Jahre, bin ich zu der Einsicht gekommen, dass es das allerwichtigste ist, zu sich selber zu kommen. Es gibt ja ganz viele Wege und die Frage ist, wohin man abbiegt. Zu einem gewissen Teil habe ich für mich schon eine ziemliche Klarheit gewonnen, in welche Richtung es für mich geht.

Man kann natürlich auch total konzeptionell arbeiten. Aber so ein Typ bin ich nicht. Ich habe für mich persönlich gemerkt, dass die Reise immer mehr ins Innere führt. Das ist auch die Musik, mit der ich, wenn ich sie selber höre, am meisten anfangen kann. Dizzy Gillespie kann auch wahnsinnig beeindruckend sein, aber letztendlich interessiert mich Chet Baker dann doch mehr – um nur ein Beispiel zu nennen.

Was bedeutet der Name des Labels?

SCHMOLLINGSTONES– das ist nicht nur das Wortspiel mit den Rolling Stones, das sind auch meine Töne. Aber es sind ja auch die Steine. Wenn ich das kurz erzählen darf: mein Vater hat früher in Norwegen Steine geklopft und die landeten dann bei uns zu Hause auf dem Tisch. Meine Mutter hat irgendwann auf diesen Tisch einen Zettel gelegt mit der Aufschrift „SCHMOLLING STONES“ und ich habe gedacht: ich muss irgendwann mal was damit machen. So holprig das klingt, aber das ist genau das, was es ist. Es sind meine Töne und es sind Steine, die geklopft werden.

Inwiefern denkst du bist du von deiner Mutter Inka Machulková, die Lyrikerin war, beeinflusst?

Ich mag auf jeden Fall Lyrik sehr gerne. Aber wie das so ist: meine Mutter hatte mir immer wieder Sachen vorgelesen und ich musste das bewerten. Das war im Alltag auch manchmal so, dass ich es nicht mehr so richtig wahr genommen habe. Es hat mich aber ganz bestimmt beeinflusst. Nicht so, dass ich Gedichte schreiben würde, aber eine gewisse Lyrik oder eine gewisse Poesie, aber nicht im abgeklatschten Sinn, ist da schon rübergeschwappt. Meine Mutter hatte keinen großen Pathos, das waren eher kleine Dinge, die sie interessiert haben, und oft war am Ende ein kleiner Twist drin, der das Vorangegangen gebrochen hat, aber nichts mit der Brechstange.

Der Titel der CD ist ein Zitat aus einer Monteverdi-Oper.

Dieses Lied ist unfassbar überromantisch. Das hat auch eine Bewandnis. Ich mag Renaissance-Musik sehr gern und auch meine Mutter hat das sehr gern gehört. Das war vielleicht auch stillheimlich ein kleiner tribute an sie. Der Titel der CD kommt daher. Ich habe das damals angehört und habe den Titel gelesen „Heaven hath not so many stars“ – das hat mich einfach angesprochen.

Also im Sinne: jetzt gerade gibt es nicht so viele Sterne?

Könntest du im ersten Moment sagen, ja. Aber für mich hat das vielerlei Bedeutung. Letztlich kann das auch mit der Reduktion zu tun haben. Im Lied heißt es: Nicht so viel Sterne wie die Leiden eines Liebenden – das endet auch ganz tragisch, am Ende, in der letzten Strophe, bringt er sich um. Eigentlich geht es auch darum, dass man die Sterne nicht nur da oben am Himmel sucht. Es ist mehr ein Blick ins eigene Innere oder in die eigene Umgebung, das sagt es für mich. Du könntest auch sagen: not so many stars BUT … Noch dazu in einer Zeit, in der alles gerated wird. Und ich bin irgendwann auch mal zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich viel mehr Himmel also Raum zwischen den Sternen gibt als Sterne. Letztlich mochte ich das Wörtchen „not“ vor dem „so many stars“. Es gibt einen Standard von Sérgio Mendes, der „So Many Stars“ heißt, das ist ein wunderschöner Song – für mich haben sich da ganz viele Bilder aufgeklappt, nicht nur der getrübte Himmel. Ich mag das gerne, wenn es Spielraum gibt.

NotSoManyStars_DigiCover

 

 

 

 

Mehr Informationen zu Marc Schmolling hier.

Das Interview führte Bettina Bohle

Foto: © J. L. Diehl

Über Bettina Bohle 39 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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