Tiefschlaf blau bis schwarz

Ein Interview mit Moritz Sembritzki, dem Gitarristen und Leiter des Magnetic Ghost Orchestra zum Album "Sand"

Moritz Sembritzki hat mit seiner Formation „Magnetic Ghost Orchestra“ kürzlich das Album „Sand“ veröffentlicht. Jazzaffine.com sprach mit ihm darüber anlässlich des bevorstehenden Konzerts der Band beim Festival xjazz.

JAZZAffine: Das Album wirkt sehr durchstrukturiert. Was für eine Idee steht dahinter?

Moritz Sembritzki: Der rote Faden des Albums ist eine durchschlafene Nacht mit den verschiedenen Schlaf- und Traumphasen, also in was für Zeitabschnitten das passiert, die jeweiligen Hirn- und Körperaktivitäen dabei, in welcher Phase die Träume intensiver und klarer sind und wo es eher Pausen zwischen den Träumen gibt – das habe ich versucht, in Musik zu übersetzen.
Dass die einzelnen Stücke und die Dauer der Stücke bestimmten Schlafphasen entspricht – so habe ich angefangen. Dann sind die Sachen zwar ein bisschen ineinander geschwommen, man kann aber im ersten Teil des Album Einschlafphasen erkennen und eine Art Tiefschlaf mit weniger Trauminhalten und einer tiefen dunkelblauen Färbung.

Denkst Du über Musik auch in Farben nach?

Manchmal. Das sind keine synästhetischen Phänomene, aber in diesem Fall kann ich mir Tiefschlaf als blau bis schwarz vorstellen.
Nach der Tiefschlafphase wird es immer intensiver und steigert sich bis in albtraumhafte Wahnvorstellungen; schließlich kommt eine Ruhephase, „Sand“ (Track 9), das ist eine Minute Pause und bloßes Atmen, die wir auch im Konzert einhalten. Als Abschluss der Nacht eine Ballade, die tröstend und ein bisschen sehnsüchtig die Nach beendet.

Weil man manchmal noch weiter schlafen möchte.

Genau.

Bei einer Reihe der Stücke gibt es ja auch Gesang. Von wem stammen die Texte?

Die Texte hat eine Lyrikerin geschrieben, Rieke Scheffler. Wenn man viel Instrumentalmusik schreibt, weiß man ja häufig gar nicht so viel darüber zu sagen. Wenn man anfängt darüber nachzudenken, was man eigentlich meint und will, dann wird einem auch klar, an welchen Stellen man etwas ungenau oder beliebig ist. Rieke hat sehr akribisch hinterfragt und dadurch ist für mich die Musik auch noch mal klarer wurde.

Du hast also während des kompositorischen Prozesses mit ihr zusammengearbeitet?

Genau. Sie hatte den großen Überpunkt mit den Träumen. Darüber habe ich mit ihr viel geredet. Dann ging es aber auch um die einzelnen Stücke, was da passieren soll und worum es mir da geht.

Wie groß war denn der Einfluss von Rieke auf Deine Kompositionen?

Ich war immer schon relativ weit mit der Musik, sie hat auf einen festen Rhythmus und eine feste Melodie Texte geschrieben. Ich habe ihr zwar angeboten, dass man Dinge verändern könnte, aber sie ist da drin geblieben und hat den Rhythmus der Worte an die Stücke angepasst.
Aber ich habe manchmal die Musik noch umgestellt, nachdem wir miteinander geredet hatten.

Wie kamst Du auf den Album-Titel?

Der Album-Titel hat für mich assoziativen Charakter. Die Sanduhr als Bild von Zeit, der Sand, der durch das Glas rieselt.
Außerdem hatten Rieke und ich nach einem Namen gesucht, der sowohl auf deutsch wie auf englisch funktioniert.

Wie bist Du das Album musikalisch angegangen? Hast Du bestimmte Mittel für bestimmte Schlafphasen verwendet? Mir sind die sehr verschiedenen Musikstile aufgefallen, die auf dem Album vertreten sind.

Was die verschiedenen Stile angeht: das liegt einfach an meinen musikalischen Vorlieben, dass ich versuche, alles, was mich fasziniert, zu verarbeiten. Da fand ich, dass der Traumzusammenhang besonders gut passt. In Träumen ist es manchmal auch so, dass man Angst vor etwas bekommt, was eigentlich völlig harmlos ist, oder eine Person eine neue Erscheinung annimmt. Solche Sachen wollte ich durch die unerwarteten Gegensätze in der Musik einfangen.

Hattest Du keine Angst, dass das fragmentarisch wirkt und auseinander fliegt?

Nein. Denn ich habe sehr viel an dem roten Faden gearbeitet. Ich weiß um die Gefahr, dass das beliebig wirken kann. Ich lehne mich sehr weit aus dem Fenster, das ist mir klar, aber das ist ja auch ein Reiz mit der stilistischen Vielfältigkeit, das trotzdem schlüssig zu halten. Dadurch, dass ich die Spannungsbögen sehr ernst genommen habe und die Spannungsbögen von etwas sehr natürlichem – dem Schlaf einer Nacht – übernommen habe und mich darauf berufe, hält es das aus.

Woran schließt das Album stilistisch an? Ich habe z.B. teilweise an Minimal Music, dann wieder an Rockmusik gedacht.

Stilistisch sind natürlich ganz klare Vergleiche zu ziehen, zu Minimal Music zum Beispiel. Dann gibt es manchmal Sachen, die nach spätromantischer Oper klingen. Oder Soundstrecken, bei denen es weniger um Puls denn um spezielle Klänge geht. Aber ich denke in dem Moment nicht an z.B. Rockmusik, sondern das sind dann Stilelemente, derer ich mich bediene, um eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Es ist mir schon wichtig, dass das nicht als bloße Zitate verstanden wird. Dafür sind die Akkordverbindungen, Grooves etc., denke ich, auch eigen genug.

Wie würdest Du Dein Jazzverständnis beschreiben? Der Anteil an Improvisation z.B. schien mir relativ gering bei „Sand“. Für manche ist Improvisation ja wesentlich für Jazz.

Die Musik ist fast komplett durchgeschrieben, das stimmt. Es gibt kleine Improvisationsanteile und manchmal gibt es Angaben, die unterschiedliche Formverläufe ermöglichen, aber es gibt kein einziges Solo, wo ein Instrumentalist hervortritt, das ist alles Ensemblemusik. Ich sehe das insofern als Jazz, als dass ich diese Musik am besten oder vielleicht sogar nur mit Jazzmusikern umsetzen kann. Gerade die Vielseitigkeit, also dass sie diese vielen Stile kennen und mit ihnen vertraut sind, ist ja, neben dem Improvisationsaspekt, etwas, das Jazzmusiker ausmacht. Auch von der musikalischen Sprache her, auch wenn es selten nach Big Band klingt: ich beziehe mich trotzdem auf Big Band-Satztechniken und dass ich das als grundlegendes Vokabular kenne, ist absolut notwendig dafür, dass ich die Musik so schreiben kann, wie ich sie schreibe.

Moritz Sembritzki Magnetic Ghost Orchestra Sand New Ways

 

 

 

 

Mehr Informationen zum Magnetic Ghost Orchestra findet man hier.

Das Interview führte Bettina Bohle.

Foto: © Patricia Sevilla Ciordia

Über Bettina Bohle 39 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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