Nils Wogram zum ECHO Jazz

Der Posaunist Nils Wogram gewann bereits im Jahr 2011 einen ECHO Jazz, 2016 hat er wieder einen ECHO als "Instrumentalist des Jahres national Blechblasinstrumente/Brass" erhalten. Mit JAZZAffine.com sprach Nils Wogram über seine Einschätzung zum ECHO Jazz und seinen Wunsch nach mutigeren Juryentscheidungen.

Zur Konstruktion des Preises …

„Ich glaube, es gibt ein kleines Missverständnis, was der ECHO eigentlich ist. Dieses Missverständnis wird aber in Kauf genommen. Im Grunde müsste es heißen: ‚Preis der deutschen Musikindustrie Jazz‘ – dann wäre ganz klar: es ist ein Industriepreis, d.h. es geht hier um Industriewerte und das meint: Geld, Verkäufe, Image und erst in zweiter Linie kommt dann die reine, unabhängige künstlerische Leistung.
Ich glaube, das würde auch niemand, zumindest aus der Jury und der Musikindustrie, bestreiten. Ein Beispiel: Karsten Jahnke, der Jurymitglied ist, hat eine Konzertagentur, die große Hallen bespielt, das heißt die buchen natürlich Leute, die Mainstream-tauglich sind oder zumindest an der Mainstream-Tauglichkeit kratzen. Und alles, was nicht von sich aus Mainstream-tauglich ist, kann natürlich durch Werbemaßnahmen in die Richtung gepusht werden. Bestes Beispiel ist Michael Wollny: ich würde nicht sagen, dass das per se Mainstream-tauglich ist, aber da ist natürlich eine unglaubliche Werbepower dahinter. Der ist auch bei Jahnke und bei ACT, das sind ganz klar Kräfte, die da zusammenwirken. Von daher haben wir in der Jury ganz klar mehr Leute aus der Musikindustrie sitzen als Leute, denen das relativ egal ist, wie viel Leute jemand zieht, wie viele Platten verkauft werden. Es ist klar, sie bringen in erster Linie ihre eigenen Schäfchen ins Trockene. Da ist unheimlich viel Risiko dahinter. Wenn ich ein Album pushe, das soundsoviel Budget hat, dann muss ich alle Wege nutzen, dies zu pushen und der ECHO ist ein Ding davon. Die Jungs vom Jazz Echo wissen, wie es geht. Die haben jahrzehntelange Erfahrung, die wissen genau, was sie tun müssen, um eine mediale Aufmerksamkeit zu erreichen und sind unheimlich professionell aufgestellt.“

Zu den Jury-Entscheidungen …

„Ich finde, die ECHO Jury könnte ein bisschen mutiger sein mit ihren Entscheidungen. Sie könnten sagen: wir haben ein System geschaffen, um die Leute, die sich in der Musikindustrie tummeln, bekannter zu machen und dafür ist dieses tool gut. Aber jetzt geben wir den Leuten, die sich nicht in der Musikindustrie tummeln, eine richtig gute Plattform. Dazu braucht es eine Anstrengung, aber das würde einen enormen Reputationsgewinn für den Preis bringen.“

Zu Kunst vs. Kommerz …

„Dass so jemand wie ich nominiert ist, das liegt daran – das ist meine Theorie – dass ich der Hybrid bin, der künstlerisch keine Kompromisse macht, aber trotzdem Wert darauf legt, dass seine Musik möglichst verbreitet wird. Es gibt eine breite Wahrnehmung des ECHOs. Das kann einem als Künstler helfen. Ich kann niemanden dafür kritisieren, dass er dieses Spiel mitspielt, jeder muss auf seine Einnahmen gucken.
Problematisch wird es in dem Moment, wo ich nicht das musikalische, künstlerische Produkt in den Vordergrund stelle, sondern es dadurch korrumpiere, dass ich versuche, etwas zu schaffen, was die Chancen auf eine breitere Öffentlichkeit und Vermarktbarkeit erhöht. Die Frage ist also: wo geht das zusammen, die industriellen Werte und die künstlerischen Werte. Und da gehen die Meinungen extrem auseinander.“

„Ein Grundproblem, dass ich nicht lösen kann: es gibt Hypes und meinungsbildende Medien, die etwas verbreiten aufgrund von Geld. Ich versuche mich nicht beeinflussen zu lassen, Qualität dagegen zu setzen und dafür zu sorgen, dass es einen Gegenpol dazu gibt zu diesen Mechanismen. Ich glaube, dass ich durch mein Mitmachen einen gewissen Beitrag zu einer Balance leisten kann.“

Interview: Bettina Bohle | Foto: Giulia Marthaler

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Über Bettina Bohle 42 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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