ECHO Jazz: Transparenz, nicht Gerechtigkeit

Anlässlich der Preisverleihung des ECHO Jazz 2016: zum Konstrukt des Preises und Reaktionen von Musikern

„Wenn Du liest: Dem Dichter Potschappek ist der große Bananenpreis zuerkannt worden, so frage stets: Wer hat ihm den Preis gegeben? Das macht nämlich erst den Wert aus.“
―Kurt Tucholsky

Durch Roger Ciceros posthume Ehrung hat der ECHO Jazz, der am 26.5.2016 in Hamburg verliehen wird, auch in vielen Medien Niederschlag gefunden, die sich sonst weniger mit Jazz beschäftigen. Die Wellen rund um den jüngsten Bruder der ECHO-Preisfamilie schlugen dagegen in der Jazz-community jedes Jahr wieder hoch. In diesem Jahr entbrannte nach Bekanntgabe der Nominierten eine Diskussion um die Nominierung von Klaus Doldinger, der den meisten vor allem als Urheber der Tatort-Melodie bekannt sein dürfte.
Ausgelöst wurde die Debatte von Saxophonist Wanja Slavin, der auf seiner Facebook-Seite schrieb:

„Klaus Doldinger wurde mal wieder für den Echo nominiert. Das ist ehrlich gesagt unglaublich traurig! Einige andere Nominierungen sind dies auch. Ich nenne hier nur seinen Namen, weil hier wohl am deutlichsten wird, was für ein jämmerlicher Preis der Echo ist.“

Die Reaktionen auf diese Äußerung reichten von Zustimmung, über Hinweise auf die Vergabemodalitäten, bis hin zu Forderungen, dass Slavin dann doch bitte seinen eigenen ECHO sofort zurückgeben müsse – diesen erhielt er 2014 in der Kategorie Instrumentalist des Jahres national Saxophon/Woodwinds.

Die Reaktionen, sowohl von Slavin wie die weitere Diskussion, weisen auf Spannungen hin, die bereits in der Konstruktion des ECHO Jazz angelegt sind.

Vergabe des ECHO Jazz

Folgt man dem oben angeführten Zitat Tucholsky, so muss man schauen, wer den ECHO Jazz eigentlich vergibt: Nach dem ECHO Pop, der seit 1992 vergeben wird und dem seit 1994 vergebenen ECHO Klassik wurde im Jahr 2010 der ECHO Jazz eingeführt.  Da der Jazz bis dahin sonst beim ECHO Pop meist nur unter ferner liefen auftauchte wollte man, wie Jurymitglied Ralf Dombrowski sagt, dem Jazz nun mehr Aufmerksamkeit bescheren. Vergeben werden alle ECHOs von der Deutschen Phono-Akademie, dessen Träger der Verband Deutsche Musikindustrie ist.
In den Richtlinien zum ECHO Jazz heißt es: die Phonoakademie ehre damit „jährlich die erfolgreichsten und besten Leistungen nationaler und internationaler Künstler.“ Weiter heißt es: „Die weit überwiegende Anzahl der Preise wird dabei auf Grundlage der im Markt generierten Verkäufe als Ausdruck der Wertschätzung durch den Endkunden vergeben.“
Es scheint angesichts des Marktanteils des Jazz von 2,3 % (2015) an allen Plattenverkäufen etwas absurd, sich über Verkaufszahlen zu streiten, die doch relativ zu anderen Musikgenres verschwindend gering sind. Auch Zugpferde wie Michael Wollny sind da keine Ausnahme. Wollny, dessen Platten auf dem Label ACT erscheinen, hat immerhin, zusammen mit dem diesjährigen Preis für das „Ensemble des Jahres national“ eingerechnet, bereits acht ECHOs erhalten.
Dombrowski sagt dazu:

„Als der ECHO Jazz ins Leben gerufen wurde, dachte man sich: es wäre überhaupt gut einen solchen Preis zu haben, bei dem dann auch eine große Veranstaltung dabei ist. Das war eine Entscheidung zu sagen: wir geben dem mehr Gewicht. Es ist daher erstaunlich, dass dann Musiker sagen, dass sie dieses Gewicht gar nicht wollen, sondern offenbar damit zufriedener wären, wenn es weniger gewürdigt würde.“

In welchem Verhältnis dabei die „Wertschätzung durch Musikkäufer“ zu „künstlerischen Kriterien“ und der „Meinung von Kritikern“ beim ECHO Jazz stehen, wird indes nicht gesagt. Hier setzt die immer wieder aufflammende Kritik an. Diese bezieht sich jedoch nicht nur auf einzelne Personalien, wie die von Klaus Doldinger, sondern vielmehr auf die Vergabemodalitäten schlechthin.

Transparenz?

Der ECHO ist, worauf auch viele in der Doldinger-Diskussion hinwiesen, primär ein Industriepreis. Und doch betont auch der Preisgeber, die Phonoakademie, immer wieder, dass auch künstlerische Kriterien bei der Preisvergabe eine Rolle spielen. Dies zeigt sich an der Tätigkeitsbeschreibung der Jury. In den Richtlinien heißt es dazu: „Der ECHO Jazz wird von einer Jury vergeben, die ihr Urteil insbesondere nach künstlerischen Kriterien fällt, aber auch den Publikumserfolg berücksichtigt.“

Die Jury soll also die Abwägung zwischen Verkaufszahlen und künstlerischer Qualität vornehmen. Die Vertreter kommerzieller Interessen sind in der Jury zahlenmäßig recht stark vertreten: 9 von 12 Jurymitgliedern des ECHO Jazz  sind Chefs oder Angestellte eines Musiklabels (in dieser Weise in der Jury vertreten sind folgende Labels: ACT, ENJA, Sony, Traumton, Warner, Universal), Karsten Jahnke ist Inhaber einer Konzertdirektion, die einige der Künstler auf diesen Labels für Konzerte bucht. Sonst mit dabei: Christiane Böhnke-Geisse, die ehemalige Bookerin des Jazzclubs „Unterfahrt“ in München, nun selbstständig als Beraterin im Bereich Kultur. Daneben sitzen zwei Vertreter der ARD-Anstalten in der Jury (WDR, NDR) sowie Ralf Dombrowski als freier Journalist und „unabhängiges Mitglied“ – wie es explizit auf der Website der Phonoakademie heißt.

Die Jury hat kein eigenes Vorschlagsrecht. Ralf Dombrowski sagt dazu:

„Es hängt an den Regularien, dass manchmal die Vielfalt etwas eingeschränkt ist. Nominiert kann nur werden, wer auch etwas eingereicht hat. Wenn eine Plattenfirma es verpennt, ihre Künstler einzureichen, dann können wir sie auch nicht auszeichnen.
Es ist immer wieder so, dass wir sagen: meine Güte, warum haben die diese Platte nicht eingereicht? Die ist so sensationell. Die Leute, die fleißiger sind beim Einreichen, haben bessere Chancen. Mir wäre es auch recht, wenn man manchmal noch einige Sachen vorschlagen könnte, weil ich als Journalist noch andere Sachen sehe, als die Leute, die hauptsächlich ihr Label im Blick haben.“

Dombrowski merkt auch an:

„Man müsste vielleicht über Transparenz und nicht über Gerechtigkeit reden. Es ist schon sinnvoll, wenn die Leute mal gucken, nach was für Kriterien vergeben wird.“

Es scheint, als seien bisweilen den ECHO-Machern selbst ihre Richtlinien zu eng: Warum sonst sollten sie außerhalb ihrer eigenen Einreichungsfrist bei einem renommierten Künstler und dessen Label anfragen – beide wollen namentlich nicht genannt werden –, ob sie noch einreichen möchten?  Per Mail aus dem Sekretariat der Phono-Akademie wurde nach Verstreichen der Einreichungsfrist angefragt, ob man die aktuelle Veröffentlichung dieses Künstlers nicht noch nachträglich einreichen wolle. Dies geschehe auf Anregung der Jury. Aus Fairnessgründen gegenüber den anderen Labels bzw. Künstlern, die fristgereicht eingereicht hatten, lehnte das Label jedoch ab.

Dr. Florian Drücke, Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie nahm auf Anfrage von JAZZAffine.com zu diesem Vorfall Stellung und sagte, er habe bereits zu Beginn des Jahres 2015 in der Zeitschrift „Jazzpodium“ die Möglichkeit einer Wildcard angesprochen:

„Wildcards können von einzelnen Jurymitgliedern eingereicht werden und stellen folglich nicht eine vorzeitig konsolidierte Tendenz dar. … Die Idee ist, den Jury-Mitgliedern die Möglichkeit zu gehen, von sich aus Tonträger vorzuschlagen, die nach ihrem Dafürhalten herausragend und damit ECHO-würdig, bislang aber nicht eingereicht worden sind. Wir als Bundesverband Musikindustrie können dann versuchen, die dahinterstehenden Musikfirmen für eine Teilnahme am Wettbewerb zu gewinnen. Diese „Wildcard“ war aus unserer Sicht ein wichtiger Schritt, um die Reichweite des ECHO Jazz insgesamt zu verbessern. Denn auch ein Preis wie der ECHO muss ständig weiterentwickelt werden, um zu bestehen. Insofern tun wir alles, um eine immer wieder zeitgemäße und in ihrer Zeit jeweils bestmögliche Veranstaltung auf die Bühne zu bringen. Dazu gehört auch, den Umgang unter anderem mit Einreichungen und Regularien stetig zu optimieren.“*

Seit dem Interview von Dr. Florian Drücker im Februar 2015 ist einige Zeit vergangen. Warum steht von dieser Wildcard nichts in den aktuellen Regularien des ECHO Jazz? Warum weiß selbst Jury-Mitglied Ralf Dombrowksi offenbar nichts von dieser Wildcard-Option? Er beklagt ja gerade, dass die Jury nicht die Möglichkeit hat noch eine für gut befundene Produktion vorzuschlagen.

Die Preisverleihung wird jährlich mit 150.000€ von der Stadt Hamburg unterstützt. Es stellt sich angesichts der Aussagen der Musiker zu ihrer Behandlung bei der Preisverleihung und der immer wiederkehrenden Auswahl an Gewinnern die Frage, ob dies die beste Verwendung der ohnehin knappen öffentlichen Mittel für den Jazz ist.

Der Pressesprecher der Kulturbehörde der Stadt Hamburg, Enno Isermann, antwortete auf eine Anfrage von JAZZAffine.com, ob eine Veranstaltung, die zumindest teils öffentlich gefördert ist, nicht auf angemessene Bezahlung der beteiligten Künstler dringen sollte, Folgendes:

„Die Auftritte beim ECHO Jazz – ob als Preisträger oder als zusätzlicher Act – finden immer auch unter dem Aspekt einer Präsentation der Künstler statt. Daher werden die Kosten der Künstler in der Regel vom jeweiligen Label übernommen und sind im Kontext der gesamten sonstigen vertraglichen Konstruktion zwischen Künstlern und Labels/Managements zu sehen.“

Dazu, ob eine Veranstaltung wie der ECHO Jazz überhaupt aus öffentlichen Mitteln gefördert werden sollte, sagte Isermann:

„aus Sicht der Kulturbehörde [ist es] zu begrüßen, dass sich der ECHO Jazz bei der Auswahl der Preisträger auf das Urteil einer Fachjury stützt. … Zudem ist es nach Auskunft des Bundesverbandes  intern so geregelt, dass Labelvertreter nicht über ihre eigenen Künstler abstimmen dürfen. … Dass einige Labels in der Preisträgerübersicht mehrfach zu finden sind, hängt neben der (qualitativen) Konzentration auch mit dem Umfang ihrer Aktivitäten zusammen.
… Die Förderung des ECHO Jazz ist ein Element der Unterstützung des Jazz in Hamburg und dient ebenso der Förderung der Musikwirtschaft in Hamburg. … Er lenkt die Aufmerksamkeit auf den Jazz und dokumentiert die Bedeutung Hamburgs als Musik- und Musikwirtschaftsstandort.“*

Klaus Doldinger ist übrigens leer ausgegangen dieses Jahr. Aber die Diskussion geht weiter. Abgelehnt hat den Preis bisher nur einer: der ECM-Produzent Manfred Eicher, der ihn 2011 als „Förderer des Jazz“ bekommen sollte. In seiner Ablehnung zitierte er Tucholsky.

contact@jazzaffine.com

Titelfoto: Monique Wuestenhagen / BVMI

*gekürzt v. d. Redaktion

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Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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