Wanja Slavin zum ECHO Jazz

Der Saxophonist Wanja Slavin gewann 2014 den ECHO Jazz in der Kategorie „Instrumentalist des Jahres national Saxophon/Woodwinds“. Als die diesjährigen Nominierungen für den Preis veröffentlicht wurden, äußerte Slavin sich auf facebook kritisch über die Nominierung Klaus Doldingers und über den ECHO Jazz insgesamt. JAZZAffine.com sprach mit ihm über die Hintergründe dieser Kritik, über die Bedeutung, die der Gewinn des ECHO für ihn persönlich hatte, über die Preisverleihung, die er ebenfalls kritisch sieht, und über Strukturen im Jazz allgemein.

Zu Deinem Gewinn 2014 …

„Fast jeder Musiker will ja insgeheim so einen Preis gewinnen. Ich wusste damals nicht, dass mein Label unsere Platte eingereicht hat und hätte nie damit gerechnet, dass ich den Preis bekomme. Ich habe mich dann unglaublich gefreut. Den Preis zu bekommen hat mir schon geholfen. Ich würde ihn auch wieder annehmen. Aber ich finde, dass ich den ECHO trotzdem kritisieren darf. Das hat mich auf facebook ein bisschen genervt, dass man sofort in die Ecke ‚du hast den Preis angenommen, deswegen darfst du dich nicht beschweren‘ gedrängt wird. Gerade weil ich den Preis bekommen habe, ist es meine Pflicht zu sagen: es ist nicht alles gut.“

Zu Deinen Äußerungen über Klaus Doldinger …

„Der Post zu Klaus Doldinger war polemisch und nicht sonderlich nett. Der war so ein bisschen dahin gerotzt. Um gehört zu werden, muss man manchmal auch übertreiben. Es gibt eine krasse Diskrepanz zwischen der öffentlichen Wahrnehmung Doldingers und dem, was viele Musiker über ihn denken.  Meine Kritik an Doldinger hat nichts mit Geschmack zu tun, ich habe einen breit gefächerten Geschmack, es geht mir nur um Qualität. Der Preis suggeriert einen Qualitätsstempel und es regt mich auf, wenn er diesen nicht einlöst. Natürlich ist der ECHO ein Industriepreis. Aber es ist dreist, dass man immer denselben Musikern den Preis gibt. Das bildet einfach nicht die Szene ab. Natürlich wird der ECHO ja auch an sehr gute Musiker verliehen die nicht auf den großen Labels vertreten sind, aber ich habe das Gefühl, dass das ein Alibi ist, damit  sich nicht wirklich jemand beschweren kann.

Dadurch, dass der ECHO fast die einzige Jazzveranstaltung ist, die öffentlich oder zumindest im Fernsehen präsent ist, haben die Macher des Preises eine besondere Verantwortung, der sie, meiner Meinung nach, nicht gerecht werden.“

Zur Preisverleihung …

„Ich habe die Preisverleihung jedes Jahr angeschaut und finde die Show an sich fürchterlich. Sie ist extrem bieder und technisch schlecht gemacht. Als ich selbst bei der Preisverleihung war, haben es die Tontechniker nicht fertig gebracht, ein Stück ohne Feedback im Saal auszusteuern. Curtis Stiger, der den Abend eröffnet hat, musste nach 10 Sekunden abbrechen, weil es so ein krasses Feedback gab. Und dann gab es irgendwelche C-Promis, die die Laudationen gehalten haben und nicht einmal Till Brönners Namen richtig aussprechen konnten. Das ist eine talentlose Show, die nichts mit der Ernsthaftigkeit der Musik zu tun hat.
Man wird mit einer Limo abgeholt, läuft über den roten Teppich und wird von 20 Fotografen fotografiert, aber was da tatsächlich drinnen passiert hat gar kein Niveau.“

Zur Bedeutung des Preises allgemein …

„Beim ECHO Jazz wird so getan, als ob es um eine künstlerische Bewertung oder Leistung geht. Das wird nur vorgeschoben, weil die Verkaufszahlen insgesamt so lächerlich sind, selbst bei Michael Wollny und Klaus Doldinger. Wenn das jemand rausfände, würden es wahrscheinlich gar keine Fernsehsendung geben, weil Jazz verkaufsmäßig so irrelevant ist, im Vergleich zu anderen Genres.“

Was der Preis für Dich gebracht hat …

„Ich kann Veranstaltern gegenüber anders auftreten, habe das Gefühl, dass ich schon ein bisschen mehr einen Namen in der Szene habe, als davor. Es ist aber nicht so, dass es dadurch für mich viel einfacher geworden ist. Wenn ich an Clubs schreibe, dann fragen die mich manchmal immer noch, wer ich bin und was ich eigentlich will.“

Interview: Bettina Bohle | Foto: Ha.-Jo. Maquet

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Über Bettina Bohle 42 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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