IG Jazz Berlin: „Diese Arbeit muss gemacht werden“

Seit Dezember 2011 existiert die Interessensgemeinschaft Jazz (IG Jazz Berlin) in der Hauptstadt und ist kürzlich im Rahmen der Veröffentlichung einer Studie zur Situation der Jazzszene stärker in Erscheinung getreten. Welche Aufgaben und Interessen die IG Jazz seit ihrer Gründung wahrnimmt und was für Erfolge sie bisher zu verzeichnen hat, wurde bisher nur in der Szene und am Rande wahrgenommen. Jazzaffine will mehr wissen und sprach mit dem derzeitigen Vorsitzenden Nikolaus Neuser über die Bedeutung regionaler kulturpolitischer Arbeit, ihren Herausforderungen und über den Stellenwert der Jazzstudie 2016.

Du hast den Vorsitz nun seit 2014 in Nachfolge von Uli Kempendorff übernommen. Hat die Arbeit bei der IG Jazz dein Weltbild der Berliner Jazzszene und Kulturpolitik verändert?

Nikolaus Neuser: Interessante Frage! Von vielen  kulturpolitischen Prozessen hatte ich keine Ahnung, z.B. wie Gremien, wie Entwürfe von Gesetzen funktionieren, wie der Haushalt funktioniert. Über die Jazzszene selber hat sich vieles bestätigt, durch die Arbeit bei der IG Jazz habe ich kein neues Bild von der Jazzszene bekommen.

Hast du einen persönlichen Nutzen davon, bspw. zu wissen wie kulturpolitische Prozesse funktionieren?

Prinzipiell nicht. Diese Arbeit muss gemacht werden. Im demokratischen System werden natürlich nur die bedacht, die sich zu Wort melden, das heißt man muss als Interessensgruppe an die Politik herantreten, den Bedarf äußern und Lobbyarbeit leisten. Wenn man natürlich die Zeit, die man in diese Arbeit investiert, in bspw. sein eigenes Booking investieren würde, wäre das von größerem persönlichem Nutzen. Das ist natürlich eine konkrete Ebene.

Wenn man aber daran glaubt, dass man solche Bedürfnisse gesellschaftlich anmelden muss, kann der logische Schluss eigentlich nur sein, eine gewisse Zeit lang sich kulturpolitisch zu engagieren. Man lernt aber viel bei dieser Arbeit, insofern hat man auch persönlichen Nutzen davon.

Aus welcher Motivation heraus hast du den Vorsitz bei der IG Jazz angetreten?

Einerseits bin ich gefragt worden – und es wäre wiedersinnig zu erwarten, dass sich jemand kulturpolitisch engagieren muss und ich aber gleichzeitig mich selber nicht dazu bereit erkläre würde. Andererseits möchte ich tatsächlich auch meinen Beitrag dazu leisten, Interessen der Jazzszene und der freien Szene politisch zu vertreten und mich dafür einzusetzen. Ich wollte aber auch Neues lernen und mich in einem anderen Bereich weiterentwickeln.

Was macht die Arbeit der IG Jazz zurzeit besonders wichtig? Welche Erfolge könnt ihr bisher verzeichnen?

Klar ist, dass man als Interessensgruppe seinen Bedarf anmelden muss und sich dafür organisieren muss. Wir haben in den letzten Jahren einiges erreichen können – auch in Zusammenarbeit mit der Koalition der Freien Szene, von der die IG Jazz im Sprecherkreis auch ein Teil ist:

City-Tax, 3,5 Millionen Spartenübergreifend, Erhöhung der Fördermittel für den Jazzbereich, Vereinfachung der einzelnen Förderinstrumente und Stipendien, die der Situation der Musiker angepasst wurde; die Jazzstudie, welche maßgeblich durch meinen Vorgänger Uli Kempendorff initiiert worden ist.

Viele Ergebnisse, die in der Jazzstudie zu lesen sind, waren mir persönlich nicht neu. Im Besonderen was die ökonomische Situation der Jazzmusiker anbelangt.

Man braucht natürlich belastbare Zahlen, um überhaupt politisch argumentieren zu können und belastbare Zahlen haben wir erst durch diese Studie bekommen. Daher war es wichtig eine solche Studie durchzuführen.

Laut der Umfrage, wird deutlich dass viele (Jazz-)Musiker nicht organisiert sind. Auch hatte, soweit ich weiß, die IG Jazz Schwierigkeiten Mitglieder für sich zu gewinnen, obwohl nicht einmal ein Beitrag erhoben wird. Woran liegt das?

Nun dazu kann ich nur spekulieren. Ich glaube das liegt in dem Wesen der Dinge die wir tun, weil es sich um eine sehr individualistische Kunstform handelt, in der jeder sich seinen Weg sucht. Dazu kommt, dass die Szene eine sehr große Bandbreite aufweist, jede Biographie setzt unterschiedliche Prioritäten. Manche sind gar nicht interessiert daran, sich um Förderinstrumente  und -institutionen zu kümmern, spielen lieber kommerziellere Sachen, andere Unterrichten mehr. Ich glaube, dass diese Form des Individualismus zu einem gewissen Ressentiment gegenüber der „Organisiertheit“ führt.

Als Organisation wie die IG Jazz ist es natürlich leichter Dinge zu erreichen, je mehr Leute man hinter sich stehen hat. Das erste was man nämlich gefragt wird ist „Für wieviele Menschen sprechen Sie denn eigentlich?“ Daher ist eine möglichst hohe Mitgliederanzahl sehr wichtig für unsere Arbeit.

Welche wichtigen oder neuen Erkenntnisse hast du durch die Studie gewonnen?

Es hat sich vieles bestätigt, was man eigentlich schon geahnt hat. Man kann tatsächlich von prekären Einkommensverhältnissen bei durchschnittlich 1040,- € monatlichen Einkommen sprechen. Rund 70% der befragten Musiker haben studiert oder sind noch im Studium. Mir war bewusst, dass der Bildungsgrad recht hoch ist. Das der Frauenanteil mit 20% recht gering ist, davon die meisten zudem Sängerin sind war auch nicht überraschend. Das ändert sich aber glücklicherweise gerade. 70% der befragten MusikerInnen unterrichten auch und betrachten das auch als integrativen Bestandteil ihres Musikerdaseins, 65% Komponieren auch. Das entspricht insgesamt ungefähr dem, was ich erwarte hatte.

Deutlich wird aber dass die Jazzmusiker einen wichtigen Faktor kultureller Bildung darstellen und bisher gibt es zu wenige Förderinstrumente. Weiterhin ist die Gagensituation der Musiker problematisch. Laut Studie beträgt eine durchschnittliche Gage derzeit 50€ pro Auftritt, ein angemessener Rahmen wäre aber eher eine Gage von 200-300€.

In puncto Gagen wird seit längerem die Idee von Mindestgagen diskutiert. Welchen Standpunkt vertritt die IG Jazz zu diesem Aspekt?

Die UDJ hat bereits Gagen für Clubkonzerte, Festivalkonzerte usw. formuliert, an diesen orientiert sich auch die IG Jazz. Natürlich bleibt es aber ein systemisches Problem. Die Freie Szene hat eben auch frei arbeitende Spielstätten, die ebenfalls unter prekären Bedingungen arbeiten. Würde jetzt an diesen Spielstätten Musiker Mindestgagen fordern, würde das Leben der freien Szene sehr wahrscheinlich zum Erliegen kommen. Das bedeutet, dass die Forderung einer Mindestgage sich auf staatlich geförderte Konzertsituationen bezieht. Das soll im Weiteren schon auf die freien Spielstätten übertragen werden, das benötigt aber Zeit, da dies generelle Veränderungen der Spielsituation erfordert.

Wäre es nicht auch sinnvoll, einen Konsens innerhalb der Szene zu schaffen, bestimmte Gagenhöhen grundsätzlich nicht zu unterschreiten und dann in Konsequenz nicht aufzutreten?

Das halte ich für sehr schwierig. Die Kunst braucht auch das Spielen. Viele Dinge entstehen erst in einer Konzertsituation und können auch nur beim Spielen vor Publikum entwickelt werden und entstehen. Das heißt wir brauchen die Konzertsituation, damit sind die MusikerInnen aber leider auch erpressbar. Wenn man an die künstlerischen Inhalte denkt, ist es zudem auch wichtig sich von der Ökonomie freimachen zu können.

Ich denke aber auch, dass das Publikum für diese Zusammenhänge noch viel mehr sensibilisiert werden muss, dass bspw. durch den Eintritt oder eine Spende der Musiker ganz mittelbar in seinem künstlerischem Schaffen unterstützt wird.

Auf jeden Fall. Da spielt eine Untersuchung wie Jazzstudie mit belastbaren Zahlen eine wichtige Rolle. Die Ergebnisse sind in den Medien erwähnt worden und der Öffentlichkeit wird bewusst wie die Situation aussieht. Es wäre jetzt wichtig, sich dafür einzusetzen dass die Spielstätten besser gefördert werden.

Welche Ziele, welche Perspektiven hat die IG Jazz für die Zukunft?

Wir brauchen weiterhin mehr Mitglieder! Wir stehen in stetigem Austausch mit der Senatsverwaltung, und die Förderinstrumente wurden ja auch überarbeitet und aktualisiert. Zur Zeit beobachten wir wie sich die neuen Vergabemodalitäten und Formalia für die Förderinstrumente wie z.B. die vereinfachte Antragsstellung und praxisnäheren Verwendungsnachweise in Berlin bewähren. Für die Zukunft wünschen wir uns außerdem eine Ensembleförderung im Jazz und eine mehrjährige Förderung für Festivals bzw. Veranstaltungsreihen. Weitere Themen sind u.a. die Raumsituation in der Stadt sowie angemessene Präsenz des Jazz und improvisierter Musik in den Medien.

Als Teil der Koalition der Freien Szene treten wir außerdem für die Umsetzung unseres Forderungskataloges, des 10-Punkte-Plans, ein.

Als langfristiges Ziel, wäre es natürlich großartig die Arbeit der IG Jazz so kontinuierlich zu gestalten, dass wir ein kleines Büro mit einer regelmäßig ansprechbaren Person haben.

Es ist ein ständige Gradwanderung und auch ein klarer Nachteil, wenn man diese Arbeit ehrenamtlich macht und zwischen diversen anderen Dingen, auch eben private, hin und her lavieren muss. Wird jemand dafür bezahlt und damit meine ich vor allem, dass diese Person dann auch die Zeit investieren kann sich um die Aufgaben einer Interessengemeinschaft wie es die IG Jazz ist zu kümmern, würde das hinsichtlich der Vorbereitung und des Informationsvorsprunges sehr von Vorteil. Wenn auf der einen Seite des Verhandlungstisches eine ehrenamtlich tätiger und auf der andere ein Angestellter sitzt, ist allein der Informationsstand schon oft unverhältnismäßig.

Da wäre eine Professionalisierung auf unserer Seite wünschenswert.

Ich wünsche das Beste und danke für das Gespräch.

IG Jazz | Jazzstudie 2016

Das Interview führte Daniel Lindenblatt

 

Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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