Tonbruket: Neugierig durch die bunte Wüste

©Fredrik Wennerlund

Das schwedische Quartett Tonbruket mixt auf ihrem dritten Studioalbum Forevergreens (2016) diverse Stile und erkundet Klänge zwischen Progressive-Rock, Elektro und Jazz.

Vor aller Musik begrüßt eine getragene Frauenstimme die Hörerinnen und Hörer auf Spanisch. Die Übersetzung liefert das Inlay:

„Music is the language that everyone can understand in a world, a changing world with people in motion. Music opens us up to embrace the beauty in everything new. Music is the healing power in the universe. This is Tonbruket.“

Songs und Einflüsse

Diesem nicht sehr bescheidenen Anspruch folgt mit Mano Sinistra ein elektronisch waberndes Klangfundament, in das sich Dan Berglund mit seinem Kontrabass einen Platz sucht. In Ergänzung mit den tremolierenden Tönen entsteht eine spannende Klangsprache, die damals bei Künstlern wie No Man progressiv war, hier leider nur zur dezenten Begrüßung in der Jazzlounge reicht. Nach vier Minuten bringt das Klavier von Martin Hederos die ersten jazzigen Harmonien, angenehm dosiert. In Ergänzung mit sirrenden Elektrosounds erinnert es an Ludovico Einaudi, ohne sich in dessen tiefer Melancholie zu verlieren. Die Effektspielereien zwischen Johan Lindstöms Gitarre und Hederos Synthesizer machen Spaß, wecken aber wohlvertraute Assoziationen zu Massive Attacks „Dissolved Girl“.

Kurzerhand wechselt Lindström in Sinkadus zur arpeggierten Akustikgitarre. Trotz schwirrender Effektteppiche und dichter Sounds, ist der Klangeindruck generell sehr transparent und klar, z. B. wenn hier Ane Brun, die bereits die Begrüßungsrezitative im Intro gesprochen hat, einige Vokalisen zum Besten gibt. Manchmal fehlt im Mix die Weite, wenn z. B. die akustischen Instrumente im Vergleich zur Elektronik recht trocken wirken. Das ist jedoch audible Geschmackssache und bringt den Arrangements keinen Abbruch.

© Jenny Baumgartner
© Jenny Baumgartner

Die Band spielt mit Kontrasten auf gutem Niveau, wobei die Einzelmusiker nicht immer ihr volles Potential ausschöpfen können. Songs wie Tarantella huldigen den Heroen des Progressive-Rocks King Crimson. Ein warm verhallter Gitarrensound entwickelt das bluesige Feeling Richtung Canned Heats „On the road again“, blickend auf steinigen Desert Rock. Der größte Einfluss zeigt sich aber am Ende in Pink Floyd, als führe die Band spätnachts auf der farbenfrohen Autobahn. Ähnliches bringt Linton mit rockiger Attitüde – zurück ins Auto und ab durch die Wüste. Schlagzeuger Andreas Werliin überzeugt nicht zuletzt hier durch sein exkates Spiel. Die rhythmische Akzentuierung von 4/4 – 2/2 – 2/2 bringt ordentliche Dynamik in das dominierende Hauptriff. Hier treffen The Doors auf Sonic Youth.

Ruhige Momente

Die smoothen Seiten des Albums zeigen sich in Music for the sun king. Eine entspannte träumerische Lounge bringt zwischen den Effekten endlich eine originäre Jazz-orientierte Leichtigkeit. Tonbruket lösen hier durch neuartige Klangsynthesen ein, was man sich bei ermüdenden Psychedelic-Bands oft wünscht. Allerdings ruhen sie sich dann über weite Strecken aus und scheuen leider ungewöhnliche Experimente. Entsprechend setzt The Missing die gleichmäßig wallende Stimmung fort und diese plätschert in Frösön, inspiriert durch die gleichnamige Insel in Schweden, angenehm vor sich her.

Mit First Flight Of A Newbird blickt die Band dann auf jazzigen Soul, den sie aber bald in postrockigere Weite lenken. Passage Europa leitet als kurzes Zwischenspiel dem Ende entgegen. Dort nähert sich Polka Oblivion überraschend dem Klezmer an. Im Progressive-Rock ist das längst nicht mehr ungewohnt, die norwegischen Kollegen Gazpacho haben Ähnliches schon präsentiert. Gerade durch die Verschmelzung von Hederos´ Violine mit der E-Gitarre und elektronischen Sphären drängt sich hier die Parallele zwischen den Bands auf.

Instrumentaler Rock mit Jazz und Prog

Im Ganzen ist die CD kein Avantgarde, dazu werden zu viele Klischees bedient und vorhersehbare Strukturen verfolgt. Eher handelt es sich um souverän gespielten instrumentalen Rock mit Jazz- und Prog-Anklängen, denen aber die Stringenz fehlt. Solche stilübergreifenden Alben müssen sich immer den Vorwurf gefallen lassen, statt homogenem Erzählfluss zum Sampler der eigenen Geschmäcker zu verkommen. Dieses Urteil bleibt letztlich den Hörenden selbst überlassen, doch ermüden die naheliegenden Vergleiche zu anderen Künstlern nach mehrmaligen Hören. Die laut ACT-Label angekündigte „Nähe zum Heavy Metal“ ist jedenfalls unsinnig gesetzte Vermarktungsstrategie.

Hörenswert ist die CD für Jazz-Freunde als Entdeckung womöglich bislang übersehener Kategorien wie Elektro und Progressive-Rock. Für die Enthusiasten letzterer geben Tonbruket freundliche Annäherungsgrüße zum Jazz.

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Dan Berglund – bass, Martin Hederos – piano & keys, Johan Lindström – guitars, Andreas Werliin – drums & perc.

www.tonbruket.com

  • VÖ. Deutschland: 29.03.2016

 

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
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