Serious Series – Kuratorin Kathrin Pechlof im Interview

Zum 7. Mal findet die Reihe Serious Series statt, die an drei Abenden Projekte aus dem Bereich der improvisierten Musik präsentiert. Mit dabei diesmal auch ein Tanzprojekt und eine Performance Lecture.

JAZZAffine: Was macht die Serious Series aus im Vergleich zu anderen Berliner Festivals und Jazzreihen?

Kathrin Pechlof: Es geht gar nicht so sehr darum, dass wir uns von etwas anderem unterscheiden wollen. Eigentlich ist unser Impetus eher: was finden wir interessant und welchen Leuten wollen wir gern ein Forum geben. Oft treten Bands auf, die wir gezielt für diesen Anlass anfragen, ein neues Projekt zu präsentieren oder wir geben einzelnen Musikern eine Carte Blanche und sind selbst gespannt, was sie sich ausdenken.

Bei Petter Eldh z.B. hatten wir gar keine konkrete Idee, ich hatte etwas von ihm gehört, in einer sehr großen Besetzung und dann stellte sich raus, dass das gar kein Bandprojekt ist und dann habe ich gesagt: du, dann mach einfach. Jetzt spielt er mit Wanja Slavin und Otis Sandsjö und bringt mit Kit Downes, Lucy Railton und James Maddren super Musiker aus London mit.

Die performance lecture mit Christopher Dell und Christian Lillinger z.B. war auch so eine Idee – ich dachte, eine lecture könnte eine interessante Möglichkeit sein gerade für Leute, die nicht so tief drin sind im Jazz und in der Improvisation, durch Worte anschaulich werden zu lassen, was da eigentlich passiert. Wir haben Christopher ganz konkret gefragt, ob er sich vorstellen könnte, so etwas zu machen. Er beschäftigt sich ja nicht nur als Musiker, sondern auch wissenschaftlich mit Improvisation, hat das Institut for Improvisation Technology gegründet, Bücher zum Thema geschrieben. Er ist eine Koryphäe auf diesem Gebiet und ich hatte den Wunsch, daß diese Gedanken auch mal einem Konzertpublikum zugänglich gemacht werden. Es ist ein bißchen auch ein Experiment, auf das ich selbst sehr neugierig bin.

Die Serious Series war dann der Moment, in dem es bühnenfertig wurde

Letztes Jahr mit Liun und der Science Fiction Band, das war ja ein Projekt, das vorher so noch nie auf der Bühne stand. Ich wusste von Lucia [Cadotsch] und Wanja [Slavin], dass sie schon Monate daran rumgeschraubt haben und ich weiß gar nicht, ob sie, wenn sie jetzt nicht den Termin mit uns ausgemacht hätten …

… ob sie es weiterverfolgt hätten …

Das hätten sie bestimmt, aber die Serious Series war dann der Moment, in dem es bühnenfertig wurde. Das ist jetzt natürlich ein bisschen Spekulation … aber ich finde interessant, sich umzuhören, was Leute gerade so machen und zu schauen, wofür es vielleicht einen solchen Rahmen braucht, der wenigstens halbwegs angemessen finanziert ist und bei dem es eine gute Infrastruktur gibt. So können wir interessanten Musikern ein Forum geben.

Das ist also ein Aspekt, wie wir die Bands auswählen, aber wir fragen auch existierende Bands, die schon lange zusammen spielen. Das Trio Pedesis mit Biliana Voutchkova, Tom Arthurs und Markus Pesonen zum Beispiel. Auch Jason Seizers Quartett mit dem Cinema Paradiso-Programm gibt’s  schon einige Zeit. Jason hat mit dieser Band allerdings noch nie in Berlin gespielt. Wir versuchen, eine Mischung zu finden und so auszuwählen, dass es nicht nur Premieren sind. Viele der Musiker kennen wir durch unsere Arbeit, haben selbst mit ihnen gespielt und hatten dann das Gefühl, das wäre super, wenn die mal nach Berlin kommen könnten.

Gehen euch denn nicht irgendwann die Bands aus?

Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es ist immer eine Auswahl aus sehr vielen Projekten, die wir super finden. Man muss dann eher überlegen: was passt zusammen, wer hat schon mal gespielt, wer war noch nie da.

Kathrin Pechlof, Robert Landfermann ©lenasemmelroggen
Kathrin Pechlof © Lena Semmelroggen

Sonst findet die Reihe über mehrere Wochen statt, jetzt veranstaltet ihr sie kompakt an drei Tagen am Stück.

Das war ursprünglich gar nicht so beabsichtigt. Das hatte zunächst organisatorische Gründe: wir hätten den Raum von den Uferstudios nur an zwei Terminen direkt hintereinander und dann an einem viel späteren dritten bekommen können. Oder eben die drei Tage hintereinander. Da haben wir gedacht: probieren wir es mal drei Tage hintereinander, als Festival. Ich bin gespannt, wie das angenommen wird.

Wie funktioniert die Arbeit im Orga-Team, also zwischen Dir, Christian Weidner und Uli Kempendorff?

Uli hat die Serious Series vor sieben Jahren ins Leben gerufen, in den letzten Jahren hat er sich nach und nach zurückgezogen. Bei der letzten Ausgabe Serious Series haben wir bei der Programmgestaltung noch mit Uli diskutiert, er war auch am Abend dabei und hat uns unterstützt. Dieses Jahr machen wir es zum ersten Mal ganz ohne ihn.

Früher haben drei Bands an einem Abend gespielt, jetzt nur noch zwei, warum? Waren da finanzielle oder inhaltliche Gründe ausschlaggebend?

Der Hauptgrund ist, dass wir die Konzentration der Zuhörer auf die zwei Bands fokussieren wollen. Wir haben beobachtet, dass viele Leute bei drei Konzerten pro Abend ein Konzert auslassen, entweder später kommen oder beim zweiten rausgehen. Es hat aber auch logistische Gründe: bei den Uferstudios darf das nicht bis tief in den Abend reingehen wegen der Nachbarn, es gab beim letzten Mal ein bisschen Stress. Wir wollten keinen solchen Zeitdruck. Jetzt müssen die Bands sich nicht auf 40 Minuten beschränken, sondern können auch eine Stunde spielen.

Ich geh schon davon aus, dass unser Publikum so offen ist, sich für eine knappe Stunde darauf einlassen zu können

Habt ihr zum ersten Mal auch Tanz im Programm?

Tanz gab es schon zwei Mal. Vor zwei Jahren hatten wir die beiden Kontrabassquartette aus Köln und Berlin, da war eine Butoh-Tänzerin dabei. Und im letzten Jahr im Senatsreservespeicher [dem vorherigen Veranstaltungsort] war Ahmed Soura da und hat getanzt. In dem Raum in den Uferstudios bietet sich Tanz natürlich an, weil es diese riesige Bühne gibt und den Tanzboden, der Raum lädt einen geradezu dazu ein.

Ihr zieht in der Ankündigung inhaltliche Parallelen zwischen Tanz und Musik in Bezug auf die Improvisation.

Ja, aber das Stück von Rosalind Goldberg ist keine rein improvisierte Performance. Rosalind hat mir erzählt, dass im Verlauf der Entwicklung dieser Choreographie viel improvisiert wurde und  – ich hoffe, ich gebe es richig wieder –  bei der Vorstellung von den Tänzern verschiedene Bausteine improvisatorisch kombiniert werden. Es wird viel gesprungen in dieser Performance und die ständigen Geräusche des Springens werden zu einer Art Instrumentarium, das sich während der Vorstellung mit der elektronischen Musik von Daniel Glatzel koordiniert.

Überfordert ihr das Publikum nicht durch solche Veranstaltung, die teilweise ganz schön Avantgarde sind und teils auch verschiedene Genres verbinden?

Ich geh schon davon aus, dass unser Publikum so offen ist, sich für eine knappe Stunde darauf einlassen zu können.

Habt ihr nie Probleme gehabt mit Unruhe im Publikum während der Veranstaltung?

Kann ich mich nicht erinnern. Es gab jedenfalls nie so eine Situation, dass jemand nachher kam ‚was habt ihr denn da gemacht?‘ – eher im Gegenteil: Eigentlich waren die Reaktionen bisher immer sehr positiv, auch dahingehend, dass wir immer wieder Musiker und Bands eingeladen haben, die man nicht so kennt in der Szene.

Das Festivalprogramm lebt also sehr durch euch.

Das ist schon sehr persönlich. Es ist nicht so, dass wir schauen, was auf den anderen Festivals so passiert oder gar zu irgendwelchen Großveranstaltungen reisen, um da irgendwelche Bands anzuhören, sondern es gibt immer einen direkten Link. Wir kennen eigentlich auch fast immer alle persönlich,  die wir einladen. Natürlich nicht die ganze Band, aber die Bandleader.

70% des Budgets fließt direkt an die Musiker, in die Gagen

Auf eurer website dankt ihr dem Berliner Senat für die Förderung.

Ohne die Förderung des Senats würde es die Serious Series in dieser Form sicherlich nicht geben. Wir sind sehr dankbar, dass wir in den letzten Jahren regelmäßig gefördert wurden, weil uns das einen anderen Handlungsspielraum gibt. Wir können große Besetzung einladen, wir müssen nicht darauf achten, ob es zu groß und zu teuer wird. Wir können auch Leute von außen einladen. Die müssen zwar privat übernachten, aber wir können die Reisekosten übernehmen und eine angemessene Gage zahlen, die wir an der UDJ-Mindestgage ausrichten. Wir können eine gute Infrastruktur zur Verfügung stellen, wir können diesen Raum mieten und einen Tontechniker engagieren – das wäre alles sonst nicht möglich. Ein Großteil des Geldes – um die 70% des Budgets – fließt direkt an die Musiker, in die Gagen.

Ihr habt auch das Logo der Koalition der Freien Szene auf eurer Seite. Wie ist eure Verbindung zur Arbeit der Koalition?

Das ist mehr ein Statement. Christian und ich haben mit der Koalition nichts direkt zu tun, das kommt ein bisschen aus Ulis Zeiten, der ja in der Koalition involviert war, als es vor drei Jahren diese große Aktion gab und überall in der Stadt die großen Plakate hingen. Es ist eine existenziell wichtige Arbeit, die da gemacht wird. Wir alle profitieren davon und deswegen kann man das gar nicht oft genug aufhängen.

Mehr Informationen zur Serious Series hier.

Das Interview führte Bettina Bohle.

Über Bettina Bohle 39 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
Translate »