Spangenberg’scher Größenwahnsinn am Klavier

Der Pianist Christoph Spangenberg hat sich an eines der bedeutendsten „Rock“-Alben der Musikgeschichte gewagt: er interpretiert Songs des Nirvana-Albums „Nevermind“ solo am Klavier.

Pragmatisch und trocken merkt  Spangenberg in seinem Video-Interview  zur Tourankündigung an, dass bei Nirvana ja nicht ein einziger Klavierton zu hören ist.  Ergänzen würde ich, dass viele Anhänger der Grunge-Punk-Band es sicherlich auch absurd fänden, diese düstere, melancholisch-depressive aber auch zerbrechliche Atmosphäre des Albums auf einem Klavier zum Ausdruck zu bringen. Das Klavier, ein Instrument von klarer und reiner Tongebung und zuweilen eher dem bürgerlichen Milieu zuzuordnen versus verstimmten, verzerrten E-Gitarren, bisweilen Symbol einer rebellierenden Jugend. Die Gegensätze könnten also kaum größer sein und es liegt etwas Provokatives in Spangenbergs Vorhaben – wodurch sich vielleicht Cobain und Spangenberg im Geiste vielleicht wieder versöhnen könnten.

Für den Berliner begann dieses Experiment aber ganz unspektakulär. Mit einer Konzertanfrage für eine Soloperfomance trat die für ihn wesentlichere Frage auf: Was für ein Konzert würde ich selber gerne hören? Klar war für den studierten Jazzpianisten, dass er sich der Ästhetik und Spielhaltung des Jazz verbunden fühlt, sich aber auch schon immer in seinem Musikerdasein im Pop und Rock wohlgefühlt hat. Beide Welten sollten also zueinander finden dürfen. Das Schicksal tat das Übrige, sodass ihm das Album „Nevermind“ in die Hände fiel. Damit war das musikalische Ausgangsmaterial abgesteckt und die Reise konnte beginnen.

Er verzichtete auf fremde Transkriptionen und hat  sich durch das Mitspielen zu den  Albumaufnahmen in die Musik vertieft und eingefühlt, noch bevor er sich künstlerisch mit seiner Interpretation der Musik Gedanken gemacht hat. Als eine stetige „geschmackliche Gradwanderung“ beschreibt Spangenberg den Prozess. In wieweit behält man bspw. das harmonische Material bei? Im Ergebnis existieren nun von manchen Songs mehrere Arrangements und er überlässt es seiner Spontaneität, welches davon er dem Konzertbesucher präsentiert. Einige Songs hat er aber „exakt Note für Note transkribiert und man hat eher das Gefühl in einem klassischen Klavierkonzert zu sitzen.“

Im Laufe der Auseinandersetzung mit der Musik entdeckt Spangenberg die Kraft und künstlerische Größe der minimalistischen Umsetzung auf diesem Album. Alle  einzelnen Elemente, Schlagzeug, Bass, Gitarre und die zerbrechliche Stimme Cobains, bekommen für Spangenberg nur in Abhängigkeit zueinander erst Ihren vollständigen Sinn.  Zugleich bewundert er die Intensität und Genialität in dieser Musik. Er hat dabei „die Basis, also den kreativen Prozess von Kurt Cobain, Krist Novoselic und Dave Grohl, immer ernst genommen und [hat] großen Respekt davor.[…] Das richtige Gespür zu finden zwischen Ehrfurcht und Übermut war, [seiner] Meinung nach, die größte Herausforderung.

„Es ist meiner Meinung nach ein Album, das sich durch eine extreme Energie-Bündelung auszeichnet und ist damit zu Recht eines der einflussreichsten Alben der Rockgeschichte. Sich aus dieser Erkenntnis heraus dann nur mit dem Klavier dieser Musik zu nähern, wirkt für mich im Nachhinein fast größenwahnsinnig.“

Heute ist er ganz froh darüber, dass er sich dem Vorhaben rein intuitiv angenähert hat, sonst „gäbe es das Projekt wahrscheinlich nicht.“

Christoph Spangenberg tourt nun mit seinem Solo-Nirvana-Programm durch Deutschland und egal ob Jazz-, Klassik oder Rockfans: jeder Neugierige ist herzlich zu einem seiner Konzerte eingeladen.

Tourtermine

09.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – München – Einstein Kultur
10.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Allschwil (CH) – Piano Di Primo
11.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Stuttgart – Theaterhaus
13.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Freiburg – Waldsee
14.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Hamburg – Jazzclub Birdland
15.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Kiel – Kulturforum
18.09.2016 C.C. spielt Nirvana (Solopiano) – Berlin – Heimathafen
20.09.2016 C.S. spielt Nirvana (Solopiano) – Lübeck – Live CV

Über Daniel Lindenblatt 32 Artikel
- Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin - Magsiterabschluß mit dem Thema "Zeitgenössisches Jazzorchester in Europa" (Gutachter: Prof. Christian Kaden, Dr. Bernd Hoffmann) - 2005-2016: Projektleiter des Berliner JugendJazzOrchester im Auftrag des Landesmusikrates Berlin (ehemaliges Mitglied des Ensembles bis 2005) - weiterhin tätig als freiberuflicher Musiker und Kulturmanager
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