Konzept oder Momentaufnahme? Frank Woeste: Pocket Rhapsody

by Morgan Roudaut

Auf seinem neuen Album Pocket Rhapsody (2016) erkundet Frank Woeste mit einem Trio und Gastmusikern elektronischen Jazz als Kammermusik mit Synthies.

Rhapsody?

Im Albumtitel versteckt sich bereits der unklare Begriff der Rhapsodie. Es ist fraglich, „ob es eine Gattung dieses Namens gibt oder ob dies ein Sammelname ist für viele einander ähnliche Erscheinungen“ (Walter Salmen, „Geschichte der Rhapsodie“). Eher meint es einen Oberbegriff für viele stilistische Ausprägungen:

„Die Rhapsodie umschreibt mehr andeutend als deutlich bestimmend ein geräumiges, vielgestaltig bestelltes Feld, auf dem Mannigfaltiges Platz hat.“

Entsprechend vielseitig ist Woestes Album geworden, als handliche Rhapsodie für unterwegs, die verschiedene Klänge vereint.

Feeling der Musik

Einsame Klavierakkorde schweben am Anfang in Terlingua herein, kurzerhand von atmosphärischen Klängen und einem entspannten Groove getragen. Die gleichnamige Geisterstadt in Texas stand hier vermutlich Pate für den erdigen Sound des Bass-Synthesizers und des Fender Rhodes. Moving Light kommt im ungewöhnlichen 7/8-Rhythmus daher, südamerikanisch verspielt. Ibrahim Maalouf gastiert mit seiner Trompete melancholisch akzentuiert in die orientalisch anmutende Klangwelt. Hörenswert ist hier die geschickte Aufösung der Rhythmik in zeitweise geradlinige 4/4-Passagen und Rückmodulationen in 7/8. Woeste ergänzt am Ende ein Klaviersolo, stiehlt seinen Mitmusikern aber nicht die Anerkennung.

Zeichnet sich der Anfang des Albums durch elektrische & elektronische Klänge aus, kontrastieren in The Star Gazer die Streicher gelungen mit ihrem warmen Klang. Die südkoreanische Gastsängerin Youn Sun Nah macht mit ihrer kraftvoll-emphatischen Stimme die Musik sehr nahbar. Über vertraute Jazz-Harmonien soliert Woeste auf dem Klavier, getragen von weichen Streichermotiven.

Buzz Addict weckt den tief murrenden Synthiebass mit wiederum schönen rhythmischen Spielereien und packenden Wechseln zwischen Gitarre und Klavier. Justin Brown soliert auf seinem Schlagzeug energetisch, ohne die schwebende Atmosphäre zu überlasten.

Klänge & Harmonien

Der US-Amerikaner Ben Monder entlockt im zweiminütigen Interlude seiner E-Gitarre schöne, friedliche Klänge, nahtlos abgelöst vom einsetzenden Titelsong Pocket Rhapsody. Hier wird nicht nur mit der Klangfarbe der Bogen zu den Streichern in The Star Gazer geschlossen, sondern musikalisch eine eingängige Abfolge präsentiert, die zum Ariadnefaden des Albums wird. Woeste greift dazu zunächst die Tonabfolge c-d-dis (Cadd9) auf und moduliert sie verschiedentlich. Auflösend zu C-Dur wird die Folge oftmals mit c-d-e variiert. Besonders im Song Nouakchott, benannt nach der größten Stadt in der Sahara, wird diese Abfolge etwas spannender dissonant und modern verwoben. Maalouf bereichert nochmals die orientalische Stimmung mit seiner Trompete, diesmal in gelungenen Unisonoläufen zu Woestes Klavier. Überraschend entwickelt der Song im zweiten Teil eine härtere Rock-Attitüde, in der sich die Kraft der Wüste auszutoben scheint. In Verbindung mit den Streichern werden Erinnerungen an Led Zeppelin wach, doch bewegt sich die Musik hier mehr in jazzigeren Gefilden, um schließlich in einer hintergründigen Einspielung einer arabischen Straßenmusik zu münden. Mirage knüpft an das Wüstenbild als zarte Luftspiegelung an, irgendwo zwischen softem Loungejazz und 60er-Jahre-Spacerock.

Konzept oder Momenteindrücke?

Den Abschluss des Albums bildet Melancholia, mit der Kammerbesetzung angenähert an Pocket Rhapsody und The Star Gazer. Solistisch stellt sich hier Sarah Nemtanu wunderbar auf der Geige heraus, musikalische Zwiesprache mit Woeste führend. Der Song, damit das gesamte Album, läuft allerdings unspektakulär in ein abruptes Ende. Zwar lässt der stilistische Ansatz der Rhapsodie den Charakter der Momentaufnahme erwarten, doch zeigt das Album dafür zu viele verbindende Elemente (wie die harmonischen Vernetzungen und fließenden Übergänge). Daher ist der Eindruck am Ende etwas unbefriedigend, soll vielleicht aber zum erneuten Hören animieren?

Frank Woeste hat sich in Frankreich längst etabliert, in Deutschland ist er noch ein Geheimtipp. Seine entdeckenswerte CD offenbart die Begabung auf dem Piano und dem Fender Rhodes, zudem spannende Klangfarben durch das Aufeinandertreffen von
Synthesizer-Klängen und Streichern.

 CoverFrank-WoesteBesetzung

Frank Woeste / piano, Fender Rhodes, organ & bass synth
Ben Monder / guitar
Justin Brown / drums

Guests:
Ibrahim Maalouf / trumpet on 02 & 08
Youn Sun Nah / vocals on 03
Sarah Nemtanu / violin
Gregoire Korniluk / cello

Titelbild: Morgan Roudaut 

Über Attila Kornel 16 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Philosophie und Antiken Kulturen Ägyptens u. Vorderasiens an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster; Bachelor-Abschluss in Musikwissenschaft/Philosophie zum Thema: "Prinzipien der kompositorischen Klangsynthese bei Simon Stockhausen" (2012).; Master-Abschluss in Musikwissenschaft zum Thema: "Ästhetik der Stille. Untersuchung zu europäischen und ostasiatischen Kompositionsverfahren am Beispiel von 'Namucuo' op.53 von Xiaogang Ye und 'Weisse Rose' von Udo Zimmermann" (2015) Seit 2015 Promotions-Studium zur Stille bei modernen Komponisten Chinas an der WWU Münster. In diversen Ensembles als Musiker tätig sowie Übungsleiter für chinesische Kampfkunst und Meditation. 3x (Jazz-)Musik für die Insel: World Of Jazz – The Legends, eine Guqin-CD zur Entspannung und eine externe Festplatte voller Musik zum Entdecken. Mein Motto: Warum über etwas bekümmert sein, dem man abhelfen kann? Und gibt es keine Abhilfe, was nutzt es da, sich zu bekümmern?
Translate »