Homegrown Organic – Schlagzeuger Max Andrzejewski über sein Projekt mit Gospel-Chor

Hütte & The Homegrown Organic Gospel Choir: Max Andrzejewski veröffentlicht nach seinem Album "Hütte & Chor" nun eine Platte mit Gospelchor zum Thema Essen – den guten und den schlechten Seiten.

JAZZAffine: Wie kam es zur Platte mit Gospelchor?

Max Andrzejewski: Ich habe 2014 schon eine Platte mit Sängern gemacht. Da war der Ursprungsgedanke: noch eine Platte mit „Hütte“ – irgendwie muss etwas Spezielles passieren. Ich war immer schon super gesangsaffin – alle Sachen, die ich schreibe, muss ich auch selber singen können, sonst funktioniert das nicht. Also dachte ich: das wäre doch was, mit einem Vokalensemble dazu.

Und ein paar Jahre später, Anfang 2016 dachte ich: Wenn ich noch eine Platte mit Gesang mache, dann muss das erstens so ein bisschen meinem eigentlichen Ursprungsgedanken näher kommen, nämlich, dass das ein Chor ist, der von der Größe her gegen die Band besteht, klanglich. Zweitens müsste es ein bisschen mehr eine Sache sein. Im Rückblick wirkt die erste Platte mit Chor auf mich selbst wie eine totale Achterbahnfahrt, eine große Ausprobiererei: was ist möglich mit Band und Chor? Ich habe alle möglichen Stilistiken da reingepackt. Wobei ich diese Vielseitigkeit auch mag.

Aber ich dachte: ich will eine schlüssigeres Ding machen. Dann habe ich ganz selbstkritisch diese Sachen von der letzten Platte noch mal Revue passieren lassen. Und kam darauf: was mich selbst am meisten berührt und was auch bei Konzerten super ankommt ist dieses Gospel-Ding.

Ich bin selber nicht gläubig, kann also nicht echte Gospel-Texte machen

Warum gerade Gospel?

Ich steh einfach total auf diese musikalische Stilistik. Ich mag gerne alte Aufnahmen von Gospelchören, ich stehe tierisch auf Albert Ayler, der Spiritual-Songs als Free Jazz gespielt hat. Diese einfachen Melodien, die mit so einer Inbrunst vorgetragen sind, darauf stehe ich einfach.

Und wie kam es zum Thema Essen?

Bei der alten Platte gab es ja nur Textfetzen, die ich selber auch geschrieben habe, da bin ich gar nicht mehr so zufrieden mit. Ich kann halt einfach selber keine Texte schreiben. Für diese Platte wollte ich jemanden, der richtig gut poetisch Texte schreiben kann.

Ich bin selber nicht gläubig, ich kann also nicht echte Gospel-Texte machen. Trotzdem wollte ich Gospel als musikalische Stilistik und als eine Grundenergie da drin haben. Ich habe dann zusammen mit Sylvana, meiner Freundin, die ja auch einige der Texte auf der Platte geschrieben hat, überlegt, was das Thema sein könnte. Sylvana kann einfach sehr gut texten, sie ist eigentlich Schauspielerin und Tänzerin, aber macht selber auch Theaterstücke und schreibt dafür Texte.

Essen als Ersatzreligion

Ich habe also mit ihr zusammengesessen und überlegt, was könnte eine Ersatzreligion sein, was betet man so an. Super spontan hat sie gesagt: „Hey Max, du stehst doch total auf Essen, wie du über Essen reden kannst.“ Ich kann nämlich wahnsinnig begeistert sein von Essen. So war diese Idee geboren.

Neben Sylvana habe ich Thomaspeter Goergen, einen Theaterdramaturgen, gefragt, ob er Texte schreibt. Ich habe mal eine Theaterkomposition in Kassel gemacht und er war da Dramaturg. Thomaspeter kann wahnsinnig reden und wahnsinnig schreiben und vor allem hat er unendliche Querverweise parat, Philosophen hier und da.

Ich habe ihn gebeten, Texte zu schreiben, die sowohl die grundpositive Seite des Essens – das absolute Aufgehen im Genuss und die Schönheit des Essens – beschreibt, als auch die wirklich ziemlich perverse Seite des Essens, die ja gar nicht mal so weit weg ist. Das Extrem sind natürlich Essstörungen. Es gibt auf der Platte diese zwei Texte über Essstörungen, aber auch unsere Lebensmittelproduktion ist ja schon die größte Perversion.

Mir war wichtig, dass er die Texte so schreibt, die Fragen aufgreift, die ich mir selber stelle. Mit meiner Freundin esse ich z.B. meist vegan, weil sie Vegetarierin und laktoseintolerant ist. Wenn ich auf Tour bin oder in Bayern, stehe ich selber unfassbar auf Fleisch, aber habe trotzdem immer auch ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Diese ganzen Gedanken, die mit Essen zu tun haben – man denkt ja heutzutage wahnsinnig viel über Essen nach.2016-06-07_Huette und Chor_Foto_Dovile Sermokas_73

Hast Du bewusst englische Texte schreiben lassen?

Ja. Ich finde deutsche Texte sowieso schwierig. Das wäre mir zu unmittelbar gewesen. Außerdem war mein Wunsch schon, dass es vom Klangbild her ein Gospelding ist, daher musste es sowieso auf Englisch sein, damit die klassischen Schlagworte auftauchen können – „praise“, „worship“, usw. –, in einem anderen Kontext zwar, aber dass man sie benutzen kann.

„praise“, „worship“ – vom Klangbild her ein Gospelding

Wie vertragen sich die negativen Texte mit der Gospelidee? „Praise“, „worship“ – bei Gospel geht es doch darum, Gott zu loben.

Es gibt schon alte Spirtual-Texte, bei denen „the devil“ vorkommt, aber es geht tatsächlich hauptsächlich um „worship“, aber das wäre mir zu langweilig gewesen. Die Ebene, dass Religion auch zu sehr viel Übel und sehr viel Krankheit führen kann bei Menschen, indem man sich total radikalisiert, das ist ja dieser negative Aspekt, der ziemlich gut zu dem negativem Aspekt vom Essen passt.

Ich komponiere ja relativ viel für Theater, da gibt es oft dieses Stilmittel der Doppelbödigkeit, also dass man etwas total Wunderschönes sieht, aber z.B die Musik total das Gegenteil ist, oder genau andersrum

Auf der Platte gibt ja diesen Song, „Starving, Anorexic“, wo der Refrain so der totale happy, supper-energetische Gospel ist, aber der Chor singt die ganze Zeit „anorexic, bulemic, anorexic, bulemic“ – sowas gibt es im Theater ganz oft, dass es ein bisschen pervers ist. Das ist ein bisschen der Einfluss z.B. für diesen Refrain, um diese Perversion vorzuführen, die mit einer so großen Konzentration auf das Essen kommen kann.

Findet man den Zwiespalt, den Du beschreibst, auch im Musikalischen wieder oder vor allem auf der Ebene zwischen Text und Musik?

Bei dem Song „Starving, Anorexic“ besteht der Kontrast zwischen Text und Musik. Ich habe musikalisch eine Übersetzung von einem klassischen Gospel in unsere Welt versucht. Es gibt schon mehr Harmonien, als es beim echten Gospel gibt, aber der Sound ist der eines Gospels. Diese Doppelbödigkeit gibt es also tatsächlich nur zwischen Text und Musik. Wobei die Musik, bei dem Song und zwischendrin auch schon sehr schwer ist, wenn ich jetzt gerade so darüber nachdenke – nur der Refrain ist eben ein bisschen absurd. Ich bin sicher, dass das Leute falsch verstehen könnten.

Erklärst Du in den Konzerten die Titel und Texte bzw. würde man es verstehen, wenn man es nicht gesagt bekäme?

Nicht unbedingt. Aber das ist genau das, was ich interessant finde. Deswegen auch keine deutschen Texte. Ich kenne das von mir selber, dass ich immer zuerst auf die Musik höre und dann später auf den Text, wenn ich etwas zum dritten oder vierten Mal höre. Wenn nur die Musik berührt, dann ist schon alles geschafft. Wenn die Leute der Text aber interessiert, können sie da viel finden.

Doppelbödigkeit zwischen Text- und Musikebene

Hattest Du keine Angst, dass man diese Doppelbödigkeit, also z.B. den happy Gospel-Refrain, als Verharmlosung von Krankheit empfinden könnte?

Nein, gar nicht. Bei diesem einen Song, „Feathery“, da gibt es gar keinen solchen Zynismus oder eine solche Ironie. Das ist ein super schwerer, leidender Song.

Bei Hütte & Chor gab es erst Musik und dann einzelne „Textfetzen“, es ist doch sicher etwas ganz anderes von Texten ausgehend zu komponieren.

Das ist schon auch parallel gelaufen. Am besten war’s natürlich, wenn ich den Text hatte und darauf Musik schreiben konnte. Aber weil es dann auch alles relativ knapp war zeitlich, musste ich parallel Musik schreiben und hab dann nach und nach die Texte geliefert bekommen. Thomaspeter hat auch noch drei weitere Texte geschrieben, die wunderschön sind, aber die konnte ich nicht mehr unterbringen.

Warum warst Du so unter Zeitdruck?

Wir haben vom rbb-Kulturradio die Chance bekommen, das Projekt aufzunehmen – kostenlos, das ist eine Art Förderung – und dafür gab’s einen Termin, der schon ein Jahr vorher fest stand.

Vorher hatte ich sehr viel zu tun und keine Zeit und dann habe ich mir so ein Kompositionszeitfenster organisiert.

Wie lang war das?

Knapp zwei Monate.

Ambitioniert.

Stimmt. Irgendwie ging’s nicht anders, aber funktioniert dann ja auch so.

Nur durch die rbb-Möglichkeit, die Ulf Drechsel mir gegeben hat, war das überhaupt zu realisieren, dass ich das mit einem größeren Chor mache. Weil ich nichts fürs Studio zahlen musste, was ja sonst unfassbar viel Geld kostet, konnte ich aus eigener Tasche den Sängern etwas zahlen.

Hättest Du mit mehr finanziellen Ressourcen SängerInnen aus einer Gospel-Tradition genommen? Man hört schon, dass die SängerInnen auf der Platte nicht aus dieser Tradition kommen und schon als Kind im Kirchenchor gesungen haben.

Ich hätte tatsächlich gern eine richtige Mischung gehabt, am liebsten wäre mir halb – halb gewesen. Ich weiß aber auch nicht, wie realistisch das gewesen wäre, weil die Musik ja teilweise auch ziemlich schwer ist für Sänger.

Der Traum: die Stücke mit einem 40-köpfigen Gospelchor aufführen

Ich hab nicht wirklich rausfinden können, ob es viele Leute gibt, die diesen Gospel-Background haben und trotzdem sehr gut vom Blatt lesen können. Ich bin auch von dem Vokalensemble vom letzten Album ausgegangen und habe das erweitert, weil ich wusste: die können die Noten lesen, die bereiten sich vor. Aber ich habe schon den Traum oder den Wunsch, dass ich dieses Programm irgendwann mit einem richtigen Gospelchor aufführe, am liebsten 40 Leute. Es gibt in Schweden einen professionellen Gospelchor, ich glaube, dass die das theoretisch könnten, aber … muss ich mal gucken, wie ich an die rankomme.

Mit der Frontsängerin hast Du ja ein bisschen von dieser Tradition reingebracht.

Genau, Dorrey [Lin Lyles] ist die einzige, die wirklich aus dem Gospelkontext kommt und ich hatte unfassbare Angst, als ich sie für das Projekt angefragt habe. Ich kannte sie vorher nicht. Aber ich wollte total gern einen Solisten oder eine Solistin, die aus dem Gospelkontext kommt. Dass ich die Stücke so schreibe, dass der oder diejenige keine Noten bekommt, sondern über bestimmte Strecken drübergeht, drüberfliegt. Und Laura [Winkler, eine Sängerin im Projekt] hat gesagt: du musst Dorrey fragen.

Ich habe dann versucht, ihr über E-Mail – wir hatten erst über E-Mail Kontakt – dieses Konzept mit dem Essen zu erklären. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber noch keine Texte, die ich ihr zeigen konnte. Ihr war’s aber so ein bisschen egal, sie ist mega-entspannt. Dann hatten wir die erste Probe, wir hatten mit dem Chor schon ein paar Mal geprobt, sie kam beim dritten Mal dazu. Ich war so nervös, weil ich dachte: wenn die jetzt erst checkt, dass das so crasse Texte sind … aber sie fand das einfach nur absurd und und meinte: sag mir einfach, wo ich singen soll. Es ist wirklich total aufgegangen, genau das, was ich mir vorgestellt habe, dass sie ihr eigenes Ding macht, über Chor und Band drüber, das war einfach perfekt.

Aufgabe der Band: diesen oft sehr schönen Stücken einen Gegenpol geben

Wie wichtig ist denn bei dieser Platte die Musik? Fällt die jetzt nicht ein bisschen runter, ist der Chor wichtiger?

Die Band ist nach wie vor total wichtig. Ich könnte mir nicht vorstellen, dass mit irgendeiner Band zu machen. Es gibt so eine gewisse Roughness, eine Rohheit, eine Holzigkeit, die diesen Bandsound ausmacht. Es war tatsächlich Aufgabe der Band, diesen oft sehr schönen Stücken einen Gegenpol zu geben.

Ohne jeden einzelnen in der Band funktioniert auch dieser Sound nicht, die Stücke sind so geschrieben, dass die eigentlich nur mit diesen Leuten gut klingen. Wahrscheinlich rede ich da jetzt nicht so drüber, weil das fast schon selbstverständlich ist für mich, ich weiß, dass Tobi, der Gitarrist, wenn ich ihm was schreibe und hinlege, einfach genau versteht, was ich meine und den richtigen Sound wählt. Und Johannes, wenn ich sage: Johnny Preacher, dann weiß der einfach, dass er da so drüberfliegen muss. Es gibt ja viele Stellen auf dem Album, wo Dorrey mit Johannes zusammen improvisiert, die sind schon so ein Duo.

Wie ist denn das Verhältnis von Improvisation und Komposition bei den Stücken?

In jedem Stück sind ca. 30–40 % improvisiert, es gibt Soli sowohl für Gitarre wie auch im Saxophon, außerdem gibt es interaktive Soli mit dem Chor: Da habe ich mit Tobi Christl zusammen, der den Chor leitet, Systeme ausgedacht, wie er spontan den Chor improvisatorisch anleiten kann. Das funktioniert auch gut

Wie habt ihr das aufgenommen?

Das war super-luxeriös im rbb, die Band stand in einem kleinen Raum, der ziemlich trocken klingt – was heißt klein, der ist auch riesig. Und der Chor stand im Kammermusiksaal, der ein bisschen akustischer, also halliger ist. Das Gute beim rbb ist, dass das dort so aufgebaut ist, dass die Regie in der Mitte ist. Wir konnten also durch den Regieraum durchgucken und uns sehen.

Das heißt ihr habt alles zusammen aufgenommen, keine Overdubs, nur die Band und den Chor jeweils in einem Raum.

Genau. Ganz wenige Sachen haben wir dann noch mal als Overdub gemacht, die meisten Sachen sind genau so zusammen.

Wie lange habt ihr aufgenommen?

3 Tage. Was auch schon knapp war. Aber es hat super funktioniert mit dem Team da und war super vorbereitet.

Ich wünsche mir, dass das viele Leute hören, weil das Projekt einfach so seltsam ist

Wie bist Du auf den Bandnamen gekommen?

„Hütte“ ist schon sehr lange her. Griffig, kurz und gut merkbar sollte der Bandname sein. Und dann habe ich überlegt, was für Assoziationen aufkommen können oder sollen. Bei Hütte vielleicht ein kleines zusammengezimmertes Ding, was nur aus Holz besteht. Ich beschreibe immer den Bandsound als holzig, das ist alles immer ein bisschen knarzend-warm.

Das zweite Album hieß dann einfach „Hütte & Chor“. Und jetzt habe ich einen englischen Titel gewählt, „Hütte and the Homegrown Organic Gospel Choir“ – „homegrown organic“ natürlich wegen der Essenskonnotation.

Und was kommt jetzt?

Jetzt kommt erstmal so viel touren wie möglich mit diesem Programm. Ich habe es geschafft, einige Gigs für 2017 zu organisieren. Wir machen im Mai eine 8-Gig-Tour und im Herbst stehen schon einige Sachen, zumeist mit der kleinen Besetzung – zwei Männer, zwei Frauen.

 Es ist schon schwer mit so einer großen Band aufzutreten, oder?

Logistisch ist das schon ziemlich viel Organisationsaufwand.

Und sicher auch finanziell.

Wir haben ja die Tourförderung vom Berliner Senat bekommen – darüber sind wir sehr froh.

Es gibt einzelne Festivalgigs mit Dorrey. Und in Berlin und Eberwalde spielen wir dann mit dem gesamten Chor, in Berlin beim xjazz-Festival in der Emmauskirche, das wird bestimmt cool, und dann Ende Mai bei dem Eberswalde-Jazzfestival.

Ich wünsche mir, dass das viele Leute hören, weil das Projekt einfach so seltsam ist. Ich bin sehr froh damit und hoffe, dass das viele Leute erreicht.

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Max Andrzejewski’s Hütte and the Homegrown Organic Gospel Choir ist im April 2017 beim Label WhyPlayJazz erschienen.

Hörproben von vier Tracks von dem Album gibt es hier.
Mehr Informationen zu Max Andrzejewski und seinen Projekten hier.

Das Interview führte Bettina Bohle.

Fotos: ©Dovile Sermokas

 

 

 

 

Über Bettina Bohle 42 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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