Serious Series 2017 – Kuratorin Kathrin Pechlof im Interview

Stell bitte kurz die Ausgabe 2017 der Serious Series vor, was für Bands treten auf, was ist neu, was bleibt gleich im Konzept?

Für die drei Abende haben mein Co-Kurator Christian Weidner und ich insgesamt 5 verschiedene Bands ausgesucht. In diesem Jahr ist es stilistisch sehr unterschiedlich.

Den ersten Abend eröffnen wird die portugisische Trompeterin und Improvisateurin Susana Santos Silva, die eine Carte Blanche hatte und den Schlagzeuger  Sven-Åke Johansson gefragt hat, mit ihr zu spielen.  Sven-Åke Johansson ist über 70 und ich glaube man kann sagen eine Legende. Er war in den 60er Jahren bei den Anfängen des Globe Unitiy Orchestra dabei und hat damals mit Brötzmann, Peter Kowald und Alex von Schlippenbach die Entwicklung des europäischen Free Jazz maßgeblich gestaltet. Das ist auf jeden Fall ein Highlight in der Serious Series-History.
Am gleichen Abend spielt Oli Steidle mit seinen Killing Popes (mit Frank Möbus, Dan Nicholls und Phil Donkin). Das ist absolut aktueller Jazz, eine Art Fusion aus allem möglichen. Eine Band die virtuos und komplex ist und gleichzeitig wahnsinnig Spaß macht.

Am zweiten Abend spielt Christian Weidner in einem neuen Triokollektiv mit Moritz Baumgärtner und Andi Lang. Die drei sind alle sehr warmherzige und herausragende Musiker, die ein gewisser Geist und eine Offenheit und Freude am Experimentieren verbindet. Darauf bin ich sehr gespannt.
Danach spielt der Belgier Jozef Dumoulin, ein unglaublich toller Improvisator und Klangkünstler. Er spielt Fender Rhodes solo mit elektronischer Verfremdung und erzeugt damit sogartige Klangräume. Das wird etwas sehr besonderes.

Und am letzten Abend präsentiert der Kölner Komponist und Saxofonist Niels Klein sein aktuelles Projekt Loom. Die Band ist diesen Herbst auf Tour und diese Gelegenheit haben wir genutzt. Ich war bei den Aufnahmen vor drei Jahren dabei und es ist, finde ich, ein besonderes Projekt. Niels nennt es eine Art Transformation des Klangideals der Concert Bands der 60er Jahre in die Gegenwart. Es ist sehr kammermusikalische Musik trotz der großen Besetzung mit 16 Musikern, denen Niels die Musik wirklich auf den Leib geschrieben hat. Eine spannende Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und gleichzeitig eine Musik, die sehr nach vorn schaut.

„serious“ – authentisch und ernsthaft auf der Suche

Neu sind also – natürlich – die Bands, gleich im Konzept ist, dass all diese Bands „serious“ sind, also authentisch und ernsthaft auf der Suche.

Ihr seid wieder von der kompakten Festival-Form abgekommen, nun gibt es zwei Termine im September, einen im Oktober. War das Absicht oder ist das den Umständen geschuldet? Wie wünscht ihr euch das für die nächste Ausgabe der Serious Series?

Das hatte mit den Verfügbarkeiten der Räumlichkeiten in den Uferstudios und dem Loom-Tourplan zu tun. So eine Band kann man nur im Rahmen einer Tour buchen, das ist sonst nicht zu organisieren und da gab’s dann nicht so viele Optionen und die Uferstudios sind sehr ausgebucht. Für uns ist es organisatorisch leichter 3 Tage am Stück, ich fand es letztes Jahr auch sehr schön so kompakt und konzentriert. Es gab auch einige Leute, die tatsächlich an allen drei Abenden alle Konzerte gehört haben, was mich total gefreut hat. Für andere sind die auseinandergezogenen Daten vielleicht besser. Eigentlich wissen wir noch nicht, was besser ist.

Es gab eine kleine Kontroverse um den Anteil an Musikerinnen in der Programmierung, sag doch bitte mal was dazu, was der Vorwurf war und wie Du zu diesem Vorwurf stehst.

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Kathrin Pechlof. Foto: © Josette Micheler

Der Vorwurf war, wir hätten zu wenig Frauen im Programm. Der Vorwurf wurde gemacht in Form eines lapidar hingeworfenen Facebookposts. Eigentlich will ich da gar nicht zu viel dazu sagen. Es ist ein wichtiges und ich finde sehr komplexes Thema, dem man in einem Facebook Chat mit schnell formulierten Halbsätzen, die auch schnell Missverständnisse provozieren können, nicht gerecht wird.

Zu den Fakten: Es stimmt, in diesem Jahr ist die Quote niedrig. In den letzten Jahren war sie ok, immer über den 20%, bei denen die Jazzstudie den Frauenanteil im Jazz errechnet.
Dieses Jahr ist es also anders – zugegebenermaßen auch in meinen Augen nicht ganz ideal. Das hat sehr viele verschiedene Gründe und es gibt so viele Aspekte, die am Ende zu einem Programm führen. Eine Band sagt ab, eine neue (mit vielen Männern besetzt) kommt rein – zack, ist die Quote kaputt.

Es mag naiv klingen, aber bisher haben wir einfach immer Musiker und Musikerinnen gesucht, deren Musik wir für hörenswert halten. Und da waren ganz automatisch immer viele Frauen dabei. Die wir aber nicht gefragt haben, weil sie Frauen sind, sondern weil sie tolle Musik machen.
Dieses Jahr ist es durch verschiedene Umstände anders. Nächstes Jahr wird es wieder anders sein.
Und ehrlich gesagt, ärgert es mich, wenn erstmal die Frauen im Programm gezählt werden und überhaupt nicht über die Musik gesprochen wird. Denn in erster Linie sollte es um die Musik gehen.

Fühlst Du Dich als Kuratorin besonders verpflichtet, Frauen ins Programm zu nehmen?

Nein. Nicht mehr oder weniger als ein männlicher Kurator.

Wie verhalten sich Deine verschiedenen Tätigkeitsfelder zueinander (Musikerin, Kuratorin, IG Jazz-Vorstand)? Befruchten sie sich, behindern sie sich? oder noch etwas anderes?

Kuratorin zu sein wächst eigentlich aus dem Musikerinsein heraus. Zum einen ist so ein Festival zu machen eine schöne Möglichkeit eines künstlerischen Statements, das über den eigenen konkreten Output hinausgeht. Als kuratierende Musiker können wir die öffentliche Wahrnehmung dessen, was Jazz alles sein kann, noch mehr mitbestimmen als „nur“ unsere Musik zu veröffentlichen. Das gefällt mir.

selbst Strukturen schaffen

Zum anderen finde ich es angesichts der Spielstättensituation wichtig, dass wir Musiker uns selbst Strukturen schaffen, für Rahmenbedingungen sorgen, die wir für angemessen halten und das zeigen, was wir für relevant halten. Das passiert nicht nur bei den Serious Series sondern an ganz vielen Orten und all diese Initiativen bilden ein gutes Gegengewicht zu manchmal vielleicht etwas eingefahrenen Programmierungen, die einer bestimmten Publikumserwartungshaltung geschuldet sind und zu den großen Festivals, die wieder andere Zwänge haben.
Die Serious Series hält mich nur selten und in akuten Phasen davon ab, mich mit Musik zu beschäftigen.

Mit der Vorstandsarbeit ist es ein bißchen anders. Erstens braucht das wirklich viel Zeit und zweitens ist es manchmal fast schizophren. Denn wesentlich in der Musik ist für mich der Zweifel, das Suchen, das Verwerfen, die Demut und das Experiment. Das findet in Abgeschiedenheit statt und hat keine Agenda. Auf der Bühne gehts drum, sich fallen lassen und sich gegenseitig vertrauen. In der Kulturpolitik ist es genau andersrum. Man muß sich positionieren – manchmal schnell und unter Zeitdruck reaktiv. Man muss öffentlich dazu stehen und argumentieren. Man muß strategisch denken, vorausschauend agieren, pragmatisch sein, Kompromisse machen, immer mit scharfem Verstand und bestenfalls versuchen, eine Art Kontrolle zu behalten und vor allem nicht die Agenda aus dem Blick zu verlieren.

Es sind für mich zwei völlig unterschiedliche Sachen. Aber irgendwie ist beides ein Teil von mir. Es passt nur nicht immer so gut zusammen.
Dabei hilft, daß sich die Vorstandsarbeit in einem wirklich sehr guten Team auf mehrere Schultern verteilt. Da kann sich jeder bei Bedarf auch mal kurzzeitig zurückziehen.

Über Bettina Bohle 43 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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