Familienaufstellung – Organist Kit Downes über seine musikalischen Projekte

Beim Jazzfest Berlin 2017 trat der Pianist und Organist Kit Downes mit drei verschiedenen Projekten auf. Mit JAZZAffine sprach er über die Verbindung zwischen der Berliner und der Londoner Jazzszene und seine musikalische Familie.

Kit Downes @ unbekannt

Wie sieht Du die beiden Jazzszene – Berlin und London – im Vergleich?

Berlin fühlt sich für mich ein bisschen wie meine zweite Heimatstadt an. Viele englische Musiker sind in letzter Zeit nach Berlin gezogen, so dass die Verbindungen zwischen London und Berlin immer enger werden. Ich habe viele Freunde in Berlin, Musiker und Nicht-Musiker und bin hier bestimmt einmal im Monat, für Proben und Aufnahmen. Berlin hat so eine interessante Szene, es gibt immer etwas Neues, neue Bands, neue Ideen, für mich fühlt sich die Musik sehr aufregend und zeitgenössisch an.

Berlin hat so eine interessante Szene … die Musik ist sehr aufregend und zeitgenössisch

Berlin, London –ich empfinde das eigentlich nicht als zwei verschiedene Szenen, weil es so viel sich überkreuzende Kommunikation zwischen den beiden Städten gibt. Ich denke einfach an meine Freunde und manche von ihnen leben in Berlin und manche in London.

Richard Williams’ Berlin-London-Conversations – das Konzept hat sich für mich etwas steif, etwas gewollt angefühlt.

Es ist ja auch eine Art Zwang, aber nicht im negativen Sinn. Das ist ja gerade der Sinn: es gibt diese zwei Szenen, die nebeneinander her laufen und es gibt all diese Leute, die verschiedene Dinge tun. Da ist es manchmal schön, wenn jemand von außen, wie Richard, sagt: „Ihr spielt alle in verschiedenen Konstellationen zusammen, aber ihr habt noch nie diese Kombination von Leuten ausprobiert.“ Es ist ein interessantes Konzept und was gut daran war: wir durften uns aussuchen, mit wem wir spielen wollen, also haben wir, was nahelag, unsere Freunde als MitmusikerInnen ausgesucht. So hat es sich einfach wie eine andere Anordnung unserer musikalischen Familie angefühlt. Es hat richtig Spaß gemacht. Bei so einer Sache ist es schon wichtig, dass sie auf eine bedeutungsvolle, ehrlich Weise angegangen wird und ich hatte das Gefühl, dass dies hier der Fall war.

Jeder von euch hat ein paar Stücke zum Programm beigesteuert, richtig?

Ja, es war sehr demokratisch, jeder hat etwas geschrieben.

Eine andere Anordnung unserer musikalischen Familie

Und ihr habt euch vorher getroffen und geprobt?

Einige Male, ja. Wir hatten ja vorher nie ein Konzert zusammen gespielt und das waren dann gleich 9 neue Stücke, wir hatten auch die Formation noch nie ausprobiert, mit Cello (und ohne Bass) und wussten nicht, wie es klingen würde. Sogar meine eigene Musik war neu für mich, so dass das Programm uns schon ganz schön viel abgefordert hat. Aber das war die Herausforderung, eine, die wir gern angenommen haben.

Wenn man so eine Sache macht, dann so, dass sie einen gewissen Sinn haben und spannend sind, nicht einfach etwas, das einfach ist. Wir sind alle sehr verschieden als Musiker, Lucy und ich z.B. spielen nicht so viel Free Jazz. Alle Stücke waren ein bisschen verschieden voneinander, es war also nicht so, dass wir das als ein Programm konzipiert hatten und es wie aus einem Guss zusammenpasste. Aber das liegt in der Natur eines solchen Konzerts und man sollte das beste daraus machen. Es ist immer ein gewisses Risiko dabei, aber das mag ich. Teil des Risikos ist es, was diese Musik so spannend macht und ihr eine unmittelbare Atmosphäre verleiht.

Erzähl mir ein bisschen was über dein Solo-Orgel-Programm.

Das habe ich in letzter Zeit viel gemacht, Orgel spielen. Im Januar erscheint bei ECM ein Solo-Album mit Orgelwerken von mir, das ist für mich sehr aufregend, ein Jugendtraum.

Diese Musik ist halb komponiert, halb improvisiert. Alle Stücke entstammen Improvisatione, die ich aufgenommen und wovon ich dann kleine Skizzen gemacht habe, manchmal nur Umrisse, die dann als Anregungen fungieren. Manchmal ist das Stück um eine Auswahl von Registern herum komponiert eher als in Bezug auf eine Melodie. Die Stücke sind also in verschiedenen Hinsichten festgelegt, das kann sich auf die Klangästhetik beziehen oder auf den musikalischen Gehalt.

Orgel war das erste Instrument, das ich gespielt habe, ich musste dann aber Klavier lernen, um Orgel spielen zu können.

Die Geographie des Instruments vorher kennen

Es gibt viele verschieden Wege sich der Orgel als Instrument zu nähern, es ist, von seiner Natur her, ein kumulatives Instrument: wenn man laut spielen will, um den Raum zu füllen, muss man viele der Register ziehen und sie aufeinander schichten.

Viele Stücke machen genau das: viele Register benutzen, um ein größeres Volumen zu erzielen was prima ist, wenn man den Raum füllen will und um dramatische Effekte zu erzielen.

Was ich mit meiner Musik mache, ist aber ein bisschen anders – ich mag es, mich auf den Klang jedes einzelnen Registers zu konzentrieren und reinzuzoomen, um alle Mikro-Variationen dieses Registers zu finden. Dann abstrahiere ich die Klänge der verschiedenen Register und packe sie nicht aufeinander, sondern nebeneinander.24085242_1474602402647668_1882961451_o

Mikro-Variationen

Mit diesem Ansatz muss ich vor einem Konzert die einzelnen Klänge einer Orgel gut kennen, also bin ich vor ein paar Tagen um Mitternacht zur Kaiser-Wilhelm gegangen. Ich schreibe dann immer ein Blatt für jedes Stück (Foto), wo  ich die verschiedenen Register notiere und wann ich sie ändere, das ist schon ein bisschen Arbeit.

Man muss auch lernen, woher der Klang innerhalb der Orgel kommt, es macht einen großen Unterschied, ob die Orgelpfeifen direkt über deinem Kopf oder weiter oben rechts angeordnet sind. Wenn man improvisieren und dabei nicht mit logistischen Fragen beschäftigt sein möchte, muss man die Geographie des Instruments vorher kennen.

Ich habe einige Aufnahmen auf Orgeln gemacht, die ein bisschen kaputt waren, da gibt es dann alle diese extended techniques, die man benutzen kann.

Mit extended techniques, also unorthodoxen Spielweisen, meinst Du, dass du die fehlerhaften Teile der Orgel bei deiner Musik eingesetzt hast?

Ja, es können solche „Fehler“ sein. Aber bei mechanischen Orgeln gibt es einige solche Dinge, wie z.B. wenn man ein Register nur ganz wenig herauszieht, dann wird auch nur ein bisschen Luft durch die Pfeife geschickt, so dass sie nicht ihre Tonhöhe erreicht. Häufig teilt sich dann der Klang in zwei Noten und man erhält einen Akkord. Man kann auch die Tonhöhe manipulieren, indem man das Register langsam herauszieht, dann steigt der Ton je mehr man das Register herauszieht und es klingt wie ein pitchbend (eine Tonhöhen-Veränderung). Und wenn man die Taste nur ganz leicht drückt, dann wird wieder nur ein bisschen Luft durch die Orgelpfeife geschickt. Man kann eine Menge machen auf diese Weise mit den Stimmungen.

Die Orgeln, auf denen man in dieser Weise herumspielen kann, sind meist ein bisschen älter, wohl, weil sie gebaut wurden, bevor alles reguliert wurde. Die meisten Leute wollen ja, dass ihre Orgeln jederzeit richtig funktionieren!

Alles, was sich forschend und transformativ anfühlt

Ich erinnere eine Orgel in East Anglia (England) – diese Orgel spielte ständig irgendwelche Heuler auf allen möglichen Tonhöhen, es war also ein bisschen als ob sich die Orgel, während man sie spielte, auch selbst spielen würde, ein bisschen gespenstisch, aber auch sehr cool, wie ein Zufallsgenerator.

Du hast das also benutzt…

Ja, klar, das war eine Goldgrube.

Was inspiriert dich musikalisch?

Vieles, Musik, Filme, Natur – eigentlich alles, was sich forschend und transformativ anfühlt. Seit Kurzem bin ich Teil eines Projekts, das ich inspirierend finde, das Projekt heißt „This Is My Music“; das ist ein monatliches Mix-Tape-Projekt: Jeder schreibt jeden Monat ein neues Stück und nimmt es auf und dann packen wir es alles zusammen und stellen es online. Das Projekt fängt im Januar an und wir machen das für ein Jahr. Es sind ziemlich spannende Leute dabei: alles Menschen, die mich inspirieren, es sind alles Bandleader, Komponisten, die alle ihren eigenen Sound haben. Die Idee, Musik zusammen herauszubringen als eine Gemeinschaft, ohne dass es notwendigerweise Kollaborationen sind, also unsere eigene Szene zu gestalten und zu sagen, wie sie aussieht, unseren Prozess zu dokumentieren – ich bin sehr gespannt zu hören, was jeder jeden Monat tun wird.

 

Über Bettina Bohle 51 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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