Handle with care – Berlin London Conversations oder die Kreativität des Kurators

Philipp Gropper, Lucy Railton, Kit Downes, Oliver Steidle (Berlin London-Conversations 2)

Richard Williams, dessen Amtszeit als künstlerischer Leiter des Jazzfest Berlin kürzlich nach der dritten von ihm kuratierten Ausgabe zu Ende gegangen ist, wurde über die Jahre viel gelobt für sein Gespür für Konstellationen, d.h. seine Händchen dafür, neue Bands zusammenzustellen. 2016 spielten z.B. verschiedene Berliner Musiker mit der Saxophonisten Matana Roberts und Julia Hülsmanns Quartett mit der Saxophonistin Anna Lena Schnabel. 2017 überließ Williams die Zusammenstellung dann teils anderen, z.B. wählte der Trompeter Till Brönner Berliner Musiker für eine Zusammenarbeit mit John Beasleys MONKestra aus und der Geschäftsführer des Musikfonds und frühere ausland-Kurator, Gregor Hotz half dabei, für Artist-in-residence Tyshawn Sorey ein Ensemble aus Berliner Impro-MusikerInnen zusammenzustellen. Viele der Konstellationen entstanden aber auch 2017 wiederum auf seine Anregung hin, wie Richard Williams erläutert:

„the Ambrose Akinmusire, Amir ElSaffar, Tyshawn Sorey conduction projects, Tyshawn’s duo with Gebhard Ullmann and the Trondheim Voices/Kit Downes collaboration all came about as a result of conversations I had with the musicians.“

Williams hat das Ergebnis zufriedengestellt:

„they all seemed to work well.“

Der englische Journalist Richard Williams ist der neue Kuenstlerische Leiter des JazzFest Berlin. Aktuelle Portraits vom 09.Juli 2015.
Richard Williams

Die Reihe im A-trane war immer besonders prägnant für das Konstellationskonzept. 2015 waren es noch existierende Trio-Besetzungen, 2016 dann eigens für diesen Anlass zusammengestellte Duette, bei denen immer eine Musikerin gleich blieb an zwei aufeinanderfolgenden Abenden und dann mit einer anderen Duettpartnerin spielte. Das ganze stand unter dem Motto Berlin Brooklyn Conversations. Dieses Jahr dann eine Art home coming für den Briten Richard Williams: in den Berlin London Conversations traten Quartette auf, die sich jeweils aus zwei Berliner und zwei Londoner MusikerInnen zusammensetzten. Diese letzte Ortswahl war, so sagt Williams, auch den politischen Umständen geschuldet:

„to make a point about my dislike of Britain’s proposed exit from the EU…“,

um also seinem Missfallen über das Ausscheiden Großbritanniens aus der EU Ausdruck zu verleihen.

Viele neue Konversationen und Konstellationen – aber ist das eigentlich so erstrebens- und deswegen lobenswert? Jazzmusiker dürfen ganz selten vor größerem Publikum und gut bezahlt das tun, was sie sich selbst aussuchen. Das Jazzfest Berlin wäre eine Gelegenheit, die Musiker mit ihren Projekten einem größeren Publikum zu präsentieren und dabei endlich auch einmal gut verdienen zu lassen. Dieses Problem ist auch Williams selbst bewusst:

„Of course some musicians who’ve been working hard to develop their own groups would prefer to present them in the festival.“

„a good proportion of music that they would otherwise never have heard — indeed, that would otherwise never have existed“

Williams sieht aber auch eine besondere Verantwortung des Kurators gegenüber dem Publikum, neue Formationen zu präsentieren bei einem Festival wie dem Jazzfest Berlin:

„as a curator I wanted to give the audiences a good proportion of music that they would otherwise never have heard — indeed, that would otherwise never have existed. Is that self-indulgent on my part? I don’t really think so.“

Dabei gehe es aber nicht um Zwang oder um kuratorischen Selbstzweck, sondern vielmehr um eine Gelegenheit für die Musiker zu wachsen:

„When it comes to a jazz festival, the curator’s job is not to force musicians into different formats for the sake of it. On the other hand, a festival–with its budget, its publicity and its big audiences—can provide a stage for musicians to stretch outside their normal formats and structures.“

Frank Gratkowski, der am ersten Abend der Conversations auftrat, sieht in dem Konzept auch eine Möglichkeit, Berliner MusikerInnen am Jazzfest Berlin zu beteiligen:

 

„Ich denke, die Idee war, war die lokalen Leute zu involvieren, aber nicht mit ihren lokalen Projekten, weil sie mit denen spielen sowieso in Berlin spielen.“

Für Gratkowski hat das Konzept funktioniert, es sei ein Improv-Meeting gewesen, wie es viele gäbe:

„ich mache das gerne, zumindest mit guten Musikern.“

Und das war für ihn an dem Abend der Fall: keiner habe da seinen Personalstil durchgezogen, es hätten

„alle sehr mit offenen Ohren“

gespielt. Mehr auskomponierte Musik dagegen wäre schon schwieriger in einem solchen Rahmen zu präsentieren, so Gratkowski:

„Da müsste man proben. Da wird es dann schon wieder eine finanzielle Frage, ob man dann wirklich Zeit hat, genügend zu proben.“ Auch bei Improkonstellationen könne es problematisch werden, wenn der Kurator zu sehr einwirkt – Gratkowski erinnert sich an eine missglückte Konstellation beim Jazzfest Berlin, allerdings nicht unter Williams’ Ägide: „Han Bennink und Hermeto Pascoal sollten zusammen ein Duo spielen sollten, weil jemand diese großartige Idee hatte. Dieses Konzert ging genau fünf Minuten, dann verließ einer die Bühne.“

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Jean-Paul Bourelly, Frank Gratkowski, Orphy Robinson, Pat Thomas (Berlin London Conversations 1)

Nach Gratkowski ist der kuratorische Impuls ok, solange die Wahl der Mitmusiker relativ frei ist:

„Wenn die Leute sich wenigstens selbst suchen können, ist das ok.“

So war es bei den Berlin London Conversations, zumindest immer zu einem Teil: bei Gratkowksi haben die beiden britischen Musiker sich ihre Berliner Mitmusiker ausgesucht. Mit Pat Thomas hatte Gratkowksi schon mal zusammengespielt, Orphy kannte er von einem Festival und hatte immer vor mit ihm zu spielen.

Ähnlich war es bei der Konstellation des zweiten Abends, bei dem die britischen Musiker Kit Downes und Lucy Railton, die viel zusammen spielen, auf Philipp Gropper und Oliver Steidle trafen. Auch mit Steidle hat Kit Downes schon häufiger gespielt. Downes sieht in der Konzeption der Berlin London Conversations schon eine Art Zwang, aber kein negativer:

“It is forced, by definition, and not in a negative way.“

„a different grouping of musical family“

Für Downes ist es eine Gelegenheit:

„es gibt diese zwei Szenen, die nebeneinander her laufen und es gibt all diese Leute, die verschiedene Dinge tun.“ Da sei es manchmal schön, wenn jemand von außen, wie Richard, sage, ‚ihr spielt alle in verschiedenen Konstellationen zusammen, aber ihr habt noch nie diese Kombination von Leuten ausprobiert’.“[1]

Sie hätten sich aussuchen können, mit wem sie spielen, also hätten sie ihre Freunde ausgewählt, wodurch es sich wie eine musikalische Familie anfühlte:

„what is good is that we got to pick who we played with, so we picked people that are our friends, so natural collaborators. It felt like just a different grouping of musical family in a way.“

Kit Downes erachtet es als wichtig, dass das kuratorische Konzept auf eine angemessene, angenehme Art und Weise vermittelt wird, das sei der Fall gewesen hier:

„It’s important that it is described in a meaningful and honest way. I felt that this was the case here.“

Er und seine MitmusikerInnen haben richtig geprobt für den Abend, zu dem alle vier Stücke beigesteuert hatten:

„Wir hatten ja vorher nie ein Konzert zusammen gespielt und das waren dann gleich 9 neue Stücke, wir hatten auch die Formation noch nie ausprobiert, mit Cello (und ohne Bass) und wussten nicht, wie es klingen würde. Sogar meine eigene Musik war neu für mich, so dass das Programm uns schon ganz schön viel abgefordert hat. Aber das war die Herausforderung, eine, die wir gern angenommen haben. Wenn man so eine Sache macht, dann so, dass sie einen gewissen Sinn haben und spannend sind, nicht einfach etwas, das einfach ist. Wir sind alle sehr verschieden als Musiker, Lucy und ich z.B. spielen nicht so viel Free Jazz. Alle Stücke waren ein bisschen verschieden voneinander, es war also nicht so, dass wir das als ein Programm konzipiert hatten und es wie aus einem Guss zusammenpasste. Aber das liegt in der Natur eines solchen Konzerts und man sollte das beste daraus machen. Es ist immer ein gewisses Risiko dabei, aber das mag ich. Teil des Risikos ist es, was diese Musik so spannend macht und ihr eine unmittelbare Atmosphäre verleiht.“[2]

„Sarah, she loves Monk!“

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Silke Eberhard, Sarah Tandy, Daniel Casimir, Kay Lübke (Berlin London Conversations 3)

Den dritten Abend der Conversations bestritt die Saxophonistin Silke Eberhard mit dem Schlagzeuger Kay Lübke, mit dem sie häufig auftritt. Die beiden trafen auf zwei Musiker, mit denen sie zuvor nicht gespielt hatten, die aber selbst viel zusammenspielen: die Pianistin Sarah Tandy und den Bassisten Daniel Casimir.

Der Impuls für die Zusammensetzung kam von Williams, wie Silke Eberhard berichtet:

„Richard hat mich angesprochen, hat mir von der Pianistin, Sarah Tandy, erzählt – ich kannte sie nicht – und gesagt: hör dir die mal an, er hätte so eine Idee und könnte sich vorstellen, dass wir beide mal zusammenspielen sollten. Ich hab’s mir angehört und konnte es mir dann auch vorstellen. Wir haben dann ein bisschen überlegt, was könnte die Idee sein, was könnte man machen und bei mir kam spontan die Monk-Idee und Richard hat gesagt: ‚das ist eine großartige Idee, Sarah, she loves Monk!’ Es passt zum Jubiliäumsjahr, aber das war jetzt gar nicht so der Grund. Bei mir ist es so bei Standards, ich mag bestimmte Stücke lieber, die sind mir nah und die mag ich gern spielen. Die Monk-Sache war eigentlich nur so ein Überbegriff und was wir dann konkret machen, war unseres; wir haben dann ja auch ein paar Eigenkompositionen gespielt, v.a. im ersten Set, das fand ich auch besonders gut und hat Spaß gemacht.“

Die Zusammenstellung sei insbesondere in Bezug auf die Rhythmusgruppe nicht unheikel:

„Bass – Schlagzeug, das ist ja immer so eine Sache, die kann man nicht einfach wild miteinander mischen, aber es hat gut geklappt.“

Richtig geprobt haben die vier nicht, sondern sich am Konzertabend anderthalb Stunden vorher getroffen. Mit dieser Situation müsse man umgehen, so Eberhard:

„Das war so ein bisschen old school und das mochte ich daran ganz gern, weil früher war es ja oft so, dass Amerikaner, wie Dolphy, allein nach Europa gereist sind und dann mit lokalen Rhythmusgruppen gespielt haben, Standards. Diese Tradition kann man doch ab und zu wiederbeleben. Das war auch ein bisschen der Geist dahinter.“

Die Berlin London Conversations fand Silke Eberhard einleuchtender als die Berlin Brooklyn Conversations:

„Ich fand’s dieses Jahr viel schlüssiger. Vor allem, weil es diesen Berlin-London-Bezug ja auch gibt, z.B. das London Improvisers Orchestra und das Berlin Improvisers Orchestra, da gibt’s immer wieder Leute, die mal hier und da mitspielen.“

Wenn die Konstellation einem gar nicht einleuchtet, könne man ja auch ablehnen, so Silke Eberhard:

„ Man ist ja nicht gezwungen. Auch wenn man jetzt vielleicht denkt: oh, das ist jetzt jemand, – ganz abstrakt gesprochen –, das passt vielleicht auf den ersten Blick nicht; ich bin meistens neugierig auf das, was andere machen, und denke: was könnte der gemeinsame Nenner sein, was könnte daraus entstehen? Aber es gibt natürlich auch Sachen, da sage ich: um Gottes willen.“

Auch Williams verwahrt sich gegen jede Art von Zwang:

„I wouldn’t dream of giving jazz musicians ‚instructions’! The music is theirs, not mine.“

Manchmal entstehen auch Projekte aus kuratorischen Vorschlägen, wie Williams anmerkt:

„last year I suggested that Julia Hülsmann might like to add the young altoist Anna Lena Schnabel to her quartet for the festival. Julia agreed, they played together with great enjoyment, and now it looks like they might be working together again in the future.“

„viele Festivals wollen immer etwas Besonderes, anstatt einfach mal das zu bringen, was gut läuft“

Frank Gratkowksi wird zum Schluss des Interviews doch noch etwas grundsätzlicher kritisch gegenüber kuratorischen Konzepten für Festivals:

„Man kann immer in Frage stellen, ob diese Projekte in dieser Form Sinn machen. Dann machen für mich Mottos aber auch keinen Sinn. Durch die Mottos ist es häufig unmöglich mit einer bestehenden Band zu spielen, viele Festivals wollen immer etwas Besonderes, anstatt einfach mal das zu bringen, was gut läuft, und Tiefe hat, weil es eine gut eingespielte Band ist.“

Williams betont dem gegenüber, dass er immer auch existierende Bands habe spielen lassen. Letztlich müsse man die MusikerInenn fragen, ob es funktioniert habe.

„And the audiences“,

ergänzt Williams.

Die MusikerInnen bestätigen, was Williams selbst für sich in Anspruch nimmt auf meine Frage, ob eine Anfrage des künstlerischen Leiters des Jazzfest Berlin nicht ein Angebot sei, das man nicht ablehnen könne ­– er habe diese Macht immer mit der gebotenen Vorsicht behandelt:

„Yes, it’s an opportunity for a curator to exercise a degree of creativity of his/her own, but I tried to handle it with care.“

 

 

 

 

Fotos:

Berlin London Conversations © Camille Blake

Richard Williams © Jirka Jansch

 

[1] „That’s almost the point of it – you can have these scenes just running along side by side and all these people doing different things – but sometimes it is nice to get an outside influence like Richard saying ‚you guys all play together in different things but you’ve never done it together in this way‘.“

[2]We’d never done a gig together and it’s like 9 new pieces of music that we’d never gigged before, we’d never tried this formation with the cello (no bass) and didn’t know what the sound would be like. Even my own music was new music to me so the whole set was quite a big ask. But that’s the fun challenge. If you’re gonna do these things where you come up with a concept and put people together, you should make it as meaningful and as exciting as you possibly can rather than just do something that is easy for everyone. We’re all quite different musicians, Lucy and me don’t play that much free jazz. All the tunes we wrote were all slightly different to each other, so it wasn’t that we wrote a whole set that sat together as one statement, but that’s the nature of the gig and you should embrace that. There is risk involved which I really like. And part of the risk of that is what makes this such an exciting, visceral music.“

Über Bettina Bohle 45 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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