Kollektiv aus Individualisten – 10 Jahre Kollektiv Nights

Am Nachmittag des ersten Festivalabends der Kollektiv Nights, deren 10-jähriges Jubiläum 2018 gefeiert wird, hat JAZZAffine vier der sieben Kollektivisten des Jazzkollektivs Berlin zum Interview getroffen, die Posaunisten Gerhard Gschlößl und Johannes Lauer, den Pianisten Marc Schmolling und den Saxophonisten Wanja Slavin

JAZZAffine: Wie kam es eigentlich zum Jazzkollektiv Berlin, warum diese Leute, hat euch etwas – z.B. musikalisch – verbunden?

Marc Schmolling: Ich kann mich erinnern, im Dezember 2007, war es sehr kalt, da haben sich Gerhard, Wanja und ich bei einem Konzert getroffen und da hat Gerhard von dem italienischen Kollektiv El Gallo rojo erzählt, wo er ein paar Mal mitgespielt hatte. Es war damals alles ein bisschen schwierig und frustrierend. Und Gerhard hat dann einfach gesagt: dann machen wir ein Kollektiv. Und nach und nach haben wir uns andere Leute gesucht – es hat ja auch zwei Mal gewechselt [anfangs waren noch Daniel Glatzel und Larry Porter dabei, später kamen Philipp Gropper und Ronny Graupe dazu, Anm. d. Red.].

Gerhard Gschlößl: Die Überlegung war: wir machen ein Kollektiv von Leuten – nicht zwangsläufig Männern, aber das hat sich so ergeben, das Genderthema war damals noch nicht so aktuell … oder vielleicht doch, aber nicht in unseren Köpfen – auf jeden Fall war die Idee, ein Kollektiv mit Leuten zu machen, die Bandleader sind; also keine Sideman, sondern Leute, die auch Stücke schreiben, Komponisten sind und eben Bandleader sind. Das Kollektiv und v.a. das Festival haben wir ursprünglich auch für uns selber gemacht, nicht nur, aber auch.

Sieben unterschiedliche musikalische Charaktere

Johannes Lauer: Und was uns musikalisch verbindet …

Gerhard: Ich finde, dass wir sieben schon in musikalisch sehr unterschiedliche Richtungen gehen. Eigentlich sind wir – natürlich spielt jeder mit jedem, ich spiele mit Marc im Duo, wir [deutet auf Wanja Slavin] haben früher zusammen gespielt, usw. – aber es sind schon sieben unterschiedliche musikalische Charaktere.

[Zustimmendes Murmeln]

Marc: Das verbindet uns, meinst Du?

Gerhard: Das verbindet uns jetzt nicht zwangsläufig. Wir sind eigentlich ein Kollektiv von Einzelgängern. Muss ja nichts Schlechtes sein. Das Klaeng Kollektiv, die ziehen – behaupte ich jetzt mal – musikalisch mehr an einem Strang, die Kölner. Bei uns ist das einfach extrem unterschiedlich.

Johannes: Wir machen selbst auch ganz unterschiedliche Sachen. Jeder von uns macht ja auch nicht nur einen Stil, da fängt’s eigentlich schon an mit der Heterogenität.

JAZZAffine: Es hätte ja auch sein können, dass ihr euch zu einem Kollektiv zusammengefunden habt, um eine bestimmte musikalische Richtung voranzubringen/zu präsentieren.

Alle: nein, ne.

Wanja Slavin: Nö, das war nicht die Idee.

Marc: Das war von vornherein klar – eigentlich sollte es ein Traktat geben, was bis heute nicht existiert – aber es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass es keine Dogmen gibt. Wir haben schon eine Gewichtung in zeitgenössische Jazzströmungen oder Artverwandtes, aber wir hatten dann auch Flöte mit Laptop da, wo Projektionen dabei waren.

Wanja: Auch die Gäste, die wir einladen, denen schreiben wir nie vor. Diesmal haben wir zwei Bands eingeladen, Almut [Kühne], weil wir sie so toll fanden, Kathrin [Pechlof mit ihrem Trio] haben wir zum zweiten Mal eingeladen und Jakob Anderskov, da haben wir uns explizit die Bands ausgesucht, aber normalerweise haben wir eigentlich immer, wie bei uns selber, auch Carte blanche für die eingeladenen Künstler, oder?

Statt eines Manifests der Grundsatz: Keine Dogmen bei der Musikauswahl

Marc: … Ich glaube, vom Grund her schließen wir nichts aus. Was sich dann oft zusammenfindet, sind tatsächlich viele Sachen aus der improvisierten Musik und aus dem sogenannten zeitgenössischen Jazz, was auch immer das heißt.

Johannes: Aber was wir dann gefunden haben, waren Bands, die sich nicht nach kommerziellen Gesichtspunkten …

Marc: Das haben wir alle gemeinsam. Dass jemand kommerziell erfolgreich ist, das kann schon passieren, aber wir holen jemanden nicht, weil er kommerziell erfolgreich ist.

Johannes: Eher umgekehrt, dass wir Leute holen, die ihre Musik so machen, wie sie es wollen und nicht irgendwie abändern, damit sie kommerziell Erfolg hat.

Marc: Genau.

JAZZAffine: Habt ihr als Kollektiv je andere Vorhaben gehabt als die Kollektiv Nights zu organisieren?

Marc: Es gab Feldversuche.

Gerhard: Es hat sich nichts durchgesetzt.

Marc: Wir hatten mal eine Serie, 2010 oder so, im Edelweiß, das haben wir dann im gegenseitigen Einvernehmen nicht mehr weitergeführt, das lief dann nicht mehr auf Augenhöhe, die Konditionen haben nicht mehr gestimmt. Das war ein Versuch. Es gab auch mal die Reihe im A-Trane, die es jetzt wieder gibt, aber mit anderen Kuratoren.

JAZZAffine: Aha. Jazz aus Berlin JAB105 …

Marc: Genau.

Johannes: Ein Label hatten wir auch mal überlegt.

Austauschreisen zu anderen Musiker-Kollektiven

Marc: Labelgründung war auch mal so ein Thema. Letztlich war aber das Herzstück und das wichtigste immer, den Fokus auf diese Konzerte zu legen, ein oder zwei Mal im Jahr.

Gerhard: Und Austausch mit anderen. Wir haben einige Austauschreisen gemacht, nach Österreich, z.B., da war ich nicht dabei …

Marc: Frankreich, Schweiz, Italien …

JAZZAffine: Zu anderen Kollektiven.

Gerhard: Ja.

Marc: Und anderen Festivals, die dann eingeladen hatten.

JAZZAffine: Ihr habt ja auch ein paar Mal eingeladen.

Marc: Richtig. Wir haben immer wieder andere Länder dagehabt. Oder auch andere Städte, das Klaeng Kollektiv aus Köln z.B.

Gerhard: [Die Band] Anderskov [Accident] ist doch von diesem dänischen Label.

Marc: Das ist von diesem dänischen Kollektiv Ilkens.

Johannes: Aber das ist jetzt eher ein Label geworden.

Marc: Da ist es umgekehrt, die machen keine Konzerte mehr und sind ein Label. Aber für uns sind diese drei oder vier Tage im Jahr, das ist das wichtigste und schönste Erlebnis.

JAZZAffine: Das Konzept, wie ihr das Festival kuratiert, das hat sich über die Zeit nicht verändert, oder?

Wanja: Doch, wir haben das schon verändert. Wir haben am Anfang alle immer nur selber gespielt, dann haben wir irgendwann angefangen, Gäste einzuladen, ein, zwei zusätzlich und dann haben wir irgendwann angefangen, selber nicht mehr zu spielen bzw. jetzt ist es eigentlich so, dass es jedem freisteht, ob er selber spielen will mit seinem Projekt oder anstelle dessen ein Projekt einladen will, das er gerade interessant findet.

9 Bands pro Festival: 1 Spot für jeden der 7 Kollektivisten (oder eine Band ihrer Wahl) plus 2 von allen gewählte Gäste

Marc: Und das haben wir auch bewusst thematisiert in Diskussionen und haben das dann auch umgesetzt. Also, dass man sagt: ich habe das letzte Mal gespielt oder ich habe jetzt kein brandneues Projekt, was unbedingt auf die Bühne muss, oder ich will jetzt nicht, nur damit ich spiele, was zaubern, sondern das waren immer Sachen, die aus sich selbst herauskamen, wichtig waren, notwendig. Oder wenn es eben nicht war, dann hat man ganz bewusst gesagt, und das hat jeder von uns gemacht: ich gebe den Platz gerne der Band xy.

JAZZAffine: Ich fand das Programm immer sehr vielfältig, dafür, dass das Grundkonzept eben vorsieht, dass ihr vom Kollektiv jeweils einen Platz bestimmt plus einen Gast …

Marc: Zwei Gäste. Wir haben immer diese sieben – wir selber – oder eine Band, die wir reinschieben. Und zwei, die aber von allen gewählt werden, das ist das Prinzip.

Gerhard: Diesmal ist das aber ein bisschen mehr.

Marc: Diesmal haben wir fünf Gäste da.

JAZZAffine: Wie ist die interne Aufgabenverteilung? Gibt es Zuständige? Machen alle alles?

Wanja: Ne, das kann man nicht sagen. Also, Marc macht sauviel. Johannes macht sehr viel.

Marc: Also sagen wir mal so: ich bin die Kommunikationszentrale. Und das wichtigste, was wir als Kollektivisten zusammen machen, ist die künstlerische Ausrichtung, also sprich: das Kuratieren und der Geist, den wir da zusammen haben. Letztlich hat jeder eine Aufgabe, aber nicht im klassischen Sinne, wie es in einem Betrieb aufgestellt ist, also: das ist der Presseansprechpartner, das ist der technische Ansprechpartner usw. Meistens kümmert sich derjenige um die Band, der sie eingeladen hat. Und ich bin nur die Zentrale, wo alles zusammen läuft.

JAZZAffine: Wie beurteilt ihr eure Außenwahrnehmung? Das Festival ist ja ein großer Treffpunkt für Musiker*innen, aber vielleicht ist es auch ein bisschen hermetisch und für Außenstehende und Nicht-Musiker nicht so zugänglich?

Johannes: Das ist vielleicht ein Defizit, dass wir z.B., wenn man den Flyer anguckt, dass wenn jemand die Bands nicht kennt, da steht ja nichts, nicht mal ein Foto, was einen irgendwie ansprechen könnte. Das heißt, die Leute kommen, weil sie jemanden aus der Band kennen. Und deswegen kommen halt auch viele Leute, die wissen, was man hier kriegt. Ich weiß nicht, ob wir da genug Talent haben oder uns genug ins Zeug legen, um jetzt auch Leute zu gewinnen, die die Bands nicht kennen – wäre jetzt eine selbstkritische Herangehensweise.

Das wichtigste, was wir als Kollektivisten zusammen machen, ist die künstlerische Ausrichtung

Wanja: Aber was schon unsere Idee war am Anfang und immer noch ist, glaube ich, dass wir fünf oder sieben Leute, wie viele wir waren, dass wir uns nie als hermetisch abgeriegeltes Kollektiv betrachtet haben. Wir haben immer versucht, die Berliner Jazzszene ziemlich weit abzudecken und aus allen möglichen Stilrichtungen einzuladen.

Gerhard: Stimmt, auch alt und jung …

Marc: Generationenmäßig.

Wanja: … das war uns immer wichtig. Was auch dazu führt und ich persönlich finde das das schöne am Kollektivfestival, dass es so ein Treffpunkt für Musiker ist. Ich glaube, es kommen viele her, weil sie wissen … ist halt ein bisschen wie ein Klassentreffen. Man trifft alle.

Treffpunkt für Musiker

Gerhard: Aber vielleicht auch deswegen, weil wir nicht so professionell sind, in Anführungszeichen. Wir sind nicht so ausgecheckt, wir sind selber an der Kasse, wir haben Ermäßigung für Musiker usw. Mit uns kann man reden. Und wenn einer keiner Kohle hat, dann zahlt er auch ein bisschen weniger.

Marc: Der Hauptpunkt ist, dass das auch immer das Konzept war von Anfang an, dass wir den Hauptteil der Förderung in die Gagen stecken, in die Künstler, die auftreten. Und das hat mit auch zum Grund, dass wir im Vergleich zu anderen Festivals, die kommerzieller organisiert sind, von der Werbung her, da sind ganz andere Budgets am Start, um die ganze Stadt zu plakatieren und professionelle Werbeagenturen zu nutzen usw. Das machen wir auch, aber eher in unserem Rahmen, do it yourself-mäßig. Und das ist gleichzeitig aber auch das, was die Musiker, die hierherkommen und die hier spielen, sehr schätzen. Wegen Außenwahrnehmung …

Wanja: Wir haben uns da eigentlich nie so wahnsinnig drum gekümmert.

Marc: … deswegen ist es immer noch so eine Art Geheimtipp, obwohl es nicht mehr geheim ist, aber es läuft immer so ein bisschen undercover.

Immer noch so eine Art Geheimtipp

Wanja: Wir haben ja mal ein großes Festival gemacht, …

JAZZAffine: Im Babylon.

Wanja: Im Babylon und da haben wir sehr viel Geld in die Werbung gesteckt.

Gerhard: Hat nichts gebracht.

Wanja: Das war eigentlich eines der am schlechtesten besuchten Festivals.

Marc: Da sind auch nicht mehr Leute gekommen.

Wanja: Da haben wir uns gedacht: lassen wir das einfach, machen das einfach an einem kleineren Ort und machen nur Mund zu Mund und haben einen newsletter und ein paar Flyer und mal irgendwo vielleicht ein Plakat.

Marc: Ja, genau. Ich habe trotzdem den Eindruck, dass es immer wieder andere Leute sind. Aber es sind viele Musiker, die zum Festival kommen, das stimmt.

JAZZAffine: Das ist ja irgendwie auch ein Kompliment.

Marc: Das stimmt. Es ist auch irgendwie Musik, die, wenn man jetzt kein Musiker ist, dann muss man schon ein bisschen eine Bildung mitgebracht haben oder so in der Richtung. Unser Publikum sind nicht die, die einen klassischen Swing- oder Soul-Abend haben wollen. Wir hatten so Leute mal da, ganz ganz wenig, das war einer der wenigen Momente, wo vielleicht mal zwei, drei Leute gegangen sind, die waren gerade in der Stadt, haben gelesen „Jazzfestival“ und dann war das so überhaupt nicht ihr Ding und dann sind die gegangen. Aber die meisten, die kommen, sind genau deswegen da und auch gerade wegen der Mischung.

Wanja: Es gibt ja sogar Leute, die extra hierher, nach Berlin kommen, nicht viele, aber … aus Köln oder so und finden das geil, ist wie eine Urlaubswoche für die.

Ein Highlight ein: dass wir diesen Ort, das Tiyatrom, gefunden haben

Marc: Und – über die Jahre hinweg sind die Leute immer muxmäuschenstill gewesen bei uns ohne dass wir dazu gemahnt haben. Wir haben ja auch ein paar Ortswechsel gehabt, auch Orte, die nicht leicht waren, z.B. Hintergrund Bar oder so, aber das Publikum war immer wahnsinnig konzentriert. Das haben wir nie aktiv eingefordert, das sind einfach so Leute, nicht nur Musiker.

JAZZAffine: Wenn ihr euch zurückerinnert an die 10 Jahre, die es das Festival schon gibt – was waren Momente, an die ihr euch jetzt besonders zurückerinnert, Highlights oder Pannen oder Ähnliches?

Marc: Eine wirkliche Panne, obwohl, das kann man eigentlich nicht als Panne bezeichnen – als wir damals im Naherholung Sternchen waren, ich glaube, das war 2012, da hat dann plötzlich, nebenan ist das Rathaus Mitte, oder wie das heißt, und da war ein Parkplatz von diesen Ordnungsamtsautos und – das ist direkt neben dem Naherholung Sternchen – das fackelte lichterloh, da haben irgendwelche Freaks diese Autos angezündet. Der Club war rappelvoll, da hab ich als Veranstalter ganz kurz mal …. geschluckt, ob das alles gut geht. Das war auch jeden Fall ein spannender Moment.

Johannes fällt ein wenig später, als das Mikro schon aus ist, noch ein Highlight ein: dass wir diesen Ort, das Tiyatrom, gefunden haben.

Im Nachhinein, es sind nur noch Marc Schmolling und Wanja Slavin da, geht es noch mal um das Manifest. Das hätte es eigentlich gar nicht gebraucht, stimmen beide überein, und Wanja ergänzt, dass es da einen tiefen Respekt gebe vor dem, was die jeweils anderen machen. Das reicht eigentlich als Basis. Auch wenn mal etwas dabei sei von einem der anderen, was einem vielleicht nicht so gefalle, grundsätzlich gebe es diesen Respekt voreinander.

Über Bettina Bohle 49 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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