Wie Sirenen, die in der Erde liegen und auch etwas von uns wegnehmen

Die Sängerin Ofri Brin tritt unter dem Namen Ofrin auf und hat musikalisch schon vieles ausprobiert, von Jazz über Elektro bis zu Pop. Bei den Serious Series 2018 tritt sie als Carte blanch mit einem opernartigen Projekt zum Thema Bergbau auf.

Ofri Brin ©Ofrin

JAZZAffine: Das Projekt, mit dem Du bei der Serious Series 2018 auftrittst ist ein neues Projekt?

Ofri Brin: Ja, ganz neu … eigentlich wollte ich das Projekt noch nicht veröffentlichen, es ist noch nicht fertig für mich. Aber  ein gemeinsamer Freund hat Christian [Weidner, einem der Kuratoren der Serious Series] von dem Projekt erzählt und hat gesagt: das passt so gut zu eurem Festival. Ich habe Christian dann ein paar Sachen geschickt und er fand es gut. Und ich dachte: ok, dann gebe ich mir Mühe, das fertig zu machen für diese Show.

Ich spiele heute Abend alle Electronics selber, da bin ich schon ganz nervös, denn ich bin nicht daran gewöhnt zu singen und gleichzeitig zu spielen. Das war wie ein kleines Studium und heute ist mein Test. Aber mit mir auf der Bühne sind ja noch meine drei Mitmusiker, Beat Halberschmidt (Bass), Johannes Lauer (Posaune) und Thomas Fietz (Schlagzeug).

Was kommt denn da zur Aufführung?

Es war mir klar, dass es keine getrennten Stücke sind, sondern dass es ein Stück von ca. 50 Minuten sein wird. Es sind Songs, aber ich wollte das wie eine kleine opera gestalten.

Wir arbeiten mit einer Kombination aus elektronischen Sachen und Akustischem. Johannes Lauer spielt Posaune z.B., aber ich habe auch Posauen auf meinem Rechner, wir mischen das. Man weiß nicht, woher das kommt – ist das jetzt ein Sample, ist das jetzt gespielt?

Zwei Kräfte, die gegeneinander agieren

Ich habe mit der Band so gearbeitet, dass ich einen Titel vorgegeben habe, z.B. habe ich Johannes gesagt: probier mal alle Bergbau-Geräusche auf deiner Posaune rauszubringen. Und er hat dann seine Interpretation aufgenommen und mir geschickt und daraus habe ich dann ausgewählt, was passt. Es ist eine ganz künstlerische Arbeit, das ist mein Gefühl.

Das Stück ist auch thematisch gebunden, es geht um Bergbauarbeit und um zwei Kräfte, die gegeneinander agieren. Für mich ist Bergbau fast eine Art Vergewaltigung, wie die Maschinen in die Erde reingehen, um etwas zu rauben. Die Leute sehen diesen Prozess fast immer nur von einer Seite: dass wir etwas holen. Aber ich finde, dass es auch eine andere Seite gibt, nämlich was die Erde zurücknimmt: weil wir so greedy sind, verlieren wir unsere Klarheit, unsere sanity. Es gibt also einen Preis.
Ich habe mir das so vorgestellt, dass Sirenen in der Erde liegen und auch etwas von uns wegnehmen, wenn wir das Material rausbringen. Das sind die zwei Kräfte.

Das ist ja sehr aktuell, im Hambacher Forst wird ja gerade das Camp, das gegen Braunkohle-Bergbau protestiert, geräumt. Es gibt begleitend viele Diskussionen darüber, was ein angemessener (oder auch unangemessener) Preis ist für Energiegewinnung.

Ah, das wusste ich nicht, das Projekt ist in einem eigenen Prozess entstanden. Interessant. Es ist also alles vernetzt.

Wie verhält sich das, was bei der Serious Series zur Aufführung kommt zu Deinen anderen Projekten?

Jedes Album, das ich mache, ist komplett anders als die anderen. Meine erste Platte war Jazz, danach kam mehr so Avantgarde, da wollte ich in eine elektronische Richtung gehen und den Jazz zur Seite legen … obwohl ich das nie so wirklich von meiner Stimme trennen kann. Meine Stimme und mein Input – oder eher mein Output – sind Jazz: Als Kind habe ich eigentlich nie Jazz gehört, das habe ich in mir, die Scales und so etwas rauszubringen ist einfach für mich. Ich habe auch nie Musik studiert, ich lese keine Noten … ich schreibe einfach

Du machst das nach Gehör.

… genau, ich schreibe, während ich aufnehme.

Eine imaginäre Sprache

Viele Jahre war ich dann in der Popindustrie und auch im Popschreiben drin, habe viel mit Formen gemacht, Liedform usw. Diesmal habe ich vor einem Jahr angefangen zu schreiben. Ich habe in der Nacht in meinem Bett geschrieben und habe dann sofort aufgenommen, Harmonie, Melodie und Text. Manchmal gar keinen klaren Text, sondern nur gibberish, eine imaginäre Sprache, das kam einfach raus und hat keine Form. Das fand ich sehr schön und wollte es so behalten.

Das Projekt ist, sagtest Du, work in progress.

Genau. Ich will jetzt ein Album machen. Ich bin kürzlich nach Isreal gezogen, wohne nicht mehr in Berlin – da will ich die Leute dann zu mir bringen um dort aufzunehmen. Bei dem Projekt ist es für mich ganz wichtig, dass wir nicht eine Woche im Studio sitzen und aufnehmen, sondern dass es während des Schreibens passiert. Ich möchte auch die Sachen einbeziehen, die ich damals in der Nacht aufgenommen habe oder wenn ich jemanden treffe, dass der etwas zu Hause aufnimmt usw.

Du produzierst ja deine Sachen auch häufig selbst. Das scheint ein vielfältiger Prozess zu sein.

Ja, das ist so, auch die Videos gehören dazu.

Eine Art Gesamtkunstwerk.

Ja.

Interview: Bettina Bohle

Mehr Informationen zu Ofrin/Ofri Brin.

Mehr Informationen zu den Serious Series.

Über Bettina Bohle 49 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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