Anarchie oder Reflektiertsein

"Ego Pills" - Interview mit dem Schlagzeuger Oliver Steidle, dessen Band "Oli Steidle & the killing Popes" gerade ihr Debütalbum veröffentlicht hat

Was hat es mit dem Bandnamen auf sich?

„Der Name kann auf zwei Weisen verstanden werden. Als ich die Band gegründet habe, wollte ich die musikalischen Präferenzen zu Hip Hop, Grindcore, Hardcore, alles, was ich in meiner Jugend gehört habe – das sind alles Musikstile, die sozialkritisch, gesellschaftskritisch sind. Die Päpste sind nicht nur die der Kirche, es gibt ja auch Wirtschaftspäpste, also in deren Namen so wahnsinnig viel schlimmes getan wird. Killing Popes, ein anderer Name, um sich über Hierarchie hinwegzusetzen. Man kann das aber auch so verstehen: in der Musik, wenn einer was ganz besonders toll gespielt hat, ist das ‚killing‘. Und dann meint das meine Band, die Päpste, die alle killing sind.“

Kann Musik gesellschaftskritisch sein? Und wenn ja, wie?

„Ursprünglich hatte ich vor mit einem Sänger und mit Texten zu arbeiten, das hat aber meine Kompetenz überstiegen. Dann habe ich über die Titel versucht das zu äußern und auch über die Musik. Die Titel sind dunkle Erfahrungen, was man im Leben so mitbekommt. Nicht anklagend, sondern eher allgemein gehaltenes ‚hey Leute, passt auf, lehnt euch auf gegen Hierarchie und Bevormundung’. Und diese Art von Anarchie oder Reflektiertsein hört man auch in der Musik, glaube ich. Es ist keine Musik, die nur virtuos sein möchte. Über die verschiedenen Musikstile und darüber, wie die Musik gestaltet ist, glaube ich, dass man einen anarchistischen Charakter raushören kann.Bandfoto Oli Steidle & the killing Popes

Warum tretet ihr in Berlin mit dem Sänger Andreas Schaerer auf?

„Die Band hat ja schon einige line-ups durchlaufen. Andi war z.B. bei einem Festival in Bozen mit dabei. Andi ist, weil wir keine Texte haben, einfach ein weiteres Instrument, der seine Stimme farblich, rhythmisch nutzt. Es gibt zwei, drei Stücke, da passt das wahnsinnig gut. Als komplettes Bandmitglied ist das so gut wie unmöglich, weil er seine eigenen Projekte hat, aber hin und wieder gibt es die Möglichkeit, dass wir zusammen spielen und dann machen wir das auch.“

Warum erscheint Euer Debüt-Album „Ego Pills“ erst jetzt?

„Es gibt die Band jetzt ungefähr vier Jahre. Petter [Eldh] und ich haben die Band gegründet, wir haben auch die meisten Stücke zusammen geschrieben, zwei Stücke auf der CD habe ich selber geschrieben. Wir waren am Rumprobieren mit dem line-up und hatten zuerst die Idee: wir sind ein Duo und holen uns für die Konzerte immer ein anderes line-up. Das haben wir ungefähr eineinhalb Jahre gemacht, was in einem unglaublichen Organisationschaos geendet ist. Die Musik ist unglaublich komplex, man kann sich nicht einfach zu einer Probe treffen und das ganze schnell einstudieren.

Sich mit dem Material auseinander setzen

Irgendwann habe ich zu Petter gesagt: lass uns einfach ein festes line-up haben, dann kann sich ein Bandsound entwickeln, in den Improvisationen lernt man sich kennen usw. Der andere Punkt war, dass Petter irgendwann ausgestiegen ist aus der Band, weil ihm der ganze Prozess zu lange gedauert hat. Dann musste ich ein neues line-up suchen, da gab es dann auch wieder ein, zwei Umbesetzungen, Kit [Downes] z.B. war eine Weile dabei, das war für mich dann aber zu viel Keyboard-Action. Dan [Nicholls] ist für mich jetzt der passendere Keyboarder für die Band. Dann waren Aufnahmen geplant, die sich dann wegen des Studios wieder verschoben haben. Also es war echt ne schwere Geburt.Cover Debütalbum Oli Steidle & the killing Popes

Es sind bereits neue Stücke da für die nächste Platte. Ich bin froh, dass ich die letzten Jahre mit diesem Release jetzt abschließen kann.“

Du bist gedanklich schon weiter als dieses Album.

„Ja. Ich bin schon stolz auf diese Platte. Aber ich hab fünf, sechs verschiedene Besetzungen durch. Für die ist es immer was neues, eine Herausforderung, aber ich bin froh, wenn das jetzt mal abgeschlossen ist, auch wenn die Stücke der jetzigen Platte natürlich weiter gespielt werden.“

Wie viel von der Musik ist notiert, wie viel improvisiert?

„Generell ist für Jazzverhältnisse wahnsinnig viel ausgeschrieben, das geht so weit, dass teilweise sogar Schlagzeug-Grooves notiert sind, wo ist die Bassdrum, wo ist die Snare, wo ist die Hi-Hat. Demzufolge ist das Arrangement und wie es komponiert ist, ziemlich stringent und ziemlich festgelegt. Es sind aber auch Teile dabei, wo improvisiert wird. Wenn man sich eine Weile mit der Musik beschäftigt, dann findet man heraus, dass man sich natürlich auch von dem geschriebenen Material lösen kann.

Grindcore, Hip Hop, Hardcore – Kind seiner Zeit

Die Freiheit liegt dann eher in der Interpretation, weil die einzelnen Teile auch dehnbar sind. Wenn jeder die Grooves, die gegeneinander und miteinander laufen, verstanden hat und fühlen kann, dann geht die Interpretation los. Das dauert eine Weile, man muss das Ganze erst einmal in die Finger bekommen. Es braucht den Willen und die Disziplin sich mit dem Material auseinander zu setzen wie es geschrieben ist, um anschließend etwas Eigenes daraus zu machen. Da hilft es eigentlich nur Konzerte zu spielen, um ausprobieren zu können. Also Komposition, Improvisation und Interpretation halten sich in etwa die Waage. Vor allem das line-up, die Musiker, die ich mir da jetzt ausgesucht habe, bringen durch ihre Persönlichkeit die bestmögliche Farbe und Atmosphäre in die Musik.“

Du hast selbst schon verschiedene Musikeinflüsse genannt, Dein Pressetext ist voller Genrebezeichnungen (Hardcore, Grindcore, Hip Hop usw.) – was bedeuten Dir diese Einordnungen?

„Ich unterscheide eher zwischen komponierter und improvisierter Musik. Auch in Bezug auf andere Projekte – ich mache das, worauf ich Bock habe und weil ich denke, dass ich mich da ausdrücken kann, weil mich das herausfordert. Stilistisch gesehen ist das Pluralismus – das bin ich. Andere Kollegen spielen nur Bebop oder nur Free Jazz, aber das bin ich nicht. Bei den Killing Popes war es so, dass ich irgendwann Lust hatte, auf eine Band, die von den Grooves her konzipiert ist.

Aber ich tue mich schwer zu sagen Killing Popes ist genremäßig das und das. Die ganze Musik, mit der ich aufgewachsen bin, ob das jetzt Hardcore oder Hip Hop oder so was ist – ich bin Kind dieser Zeit und ich will auch mit dieser Musik etwas machen. Schlussendlich wirkt das auch auf jeden individuell und im besten Fall hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf. Wie man das dann benennt … die meisten Musiker können damit eher nichts anfangen. Warum soll man das in eine Schublade stecken?

Höchstmaß an Eigenverantwortung, Minimum an institutioneller Überwachung

Ich habe in den letzten zwanzig Jahren in 30, 40 verschiedenen Bands gespielt. Die Killing Popes sind auf jeden Fall mein Baby und für mich persönlich meine derzeitige Hauptband, um die ich mich ganzheitlich kümmere. Ich bin für die Musik verantwortlich, für die Organisation usw. Und dadurch, dass es schon sehr anders ist, als was ich sonst mache, kann einen das eventuell vor den Kopf stoßen. Aber ich finde es gerade interessant, dass man diese Musik von einem Jazzmusiker eher nicht erwarten würde.“

Du sprichst immer wieder von Anarchie im Zusammenhang mit Deiner Musik. Was meinst Du damit?

„Das, was Leute bei Musik im Zusammenhang mit Anarchie als erstes denken ist wahrscheinlich: da sind ein paar Typen und die hauen auf die Kacke. Damit fühle ich mich eher nicht verbunden.

Im Duden, wenn man unter Anarchie nachschaut, gibt es zwei Erklärungen, die völlig konträr zueinander sind. Die eine sagt, das Gesetz des Stärkeren gilt, und die andere hat mit einem Höchstmaß an Eigenverantwortung und einem Minimum an institutioneller Überwachung zu tun. Man begreift, dass man in einer Gesellschaft ist, in einem sozialen Umfeld, was bedeutet, das man umsichtig sein muss und reflektiert, man erkennt, dass es lauter Individuen um einen herum gibt, die man respektieren muss, dann hat man Anarchie. Das ist ein Sichtweise, die mir sehr gut gefällt.

Mit unserer Musik kann man das ein bisschen in Verbindung bringen, dass wir Risiken eingehen, uns Freiheiten nehmen. Das heißt, dass Dinge nicht funktionieren dürfen. Das ist erlaubt und gewollt in dieser Musik, weil jeder in der Band umsichtig und bedacht drauf ist, gleichzeitig möglichst frei und verantwortungsvoll zu sein. Trotz der Komplexität der Musik, wird sie meiner Meinung nach erst durch diesen Prozess lebendig.“

Das Album „Ego Pills“ von Oli Steidle & the killing Popes ist erschienen beim Label Shhpuma Records powered by Cleanfeed.

Über Bettina Bohle 151 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene
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