Katalysator für neue musikalische Erfahrungswelten

Das Jazzfest Berlin 2019 startet mit "Sonic Genome", dem Großprojekt von Anthony Braxton, bei dem 60 Musiker*innen, darunter viele aus Berlin beteiligt sind. Eine von ihnen ist die Sängerin Cymin Samawatie, mit der JAZZAffine am Rande der Proben für das Projekt gesprochen hat

JAZZAffine: Cymin, wie stehst Du zu dem Projekt? Was waren Deine Erwartungen? Wie haben sich diese bewahrheitet, wie nicht?

Cymin Samawatie: Als Nadin [Deventer, die künstlerische Leiterin des Jazzfests Berlin, Anm. d. Red.] mich anrief und mir von dem Projekt erzählte, war ich total begeistert. Ich wusste: Mit solch virtuosen und vielfältigen Musikerinnen und Musikern wird das ein großartiges Projekt. Ich war neugierig, erfreut und fühlte mich auch ein wenig geehrt, mit meinem Trickster Orchestra dabei sein zu dürfen. Schließlich sind mit den anderen beteiligten Ensembles hier wirklich herausragende Musikerinnen und Musiker der Echtzeitmusik und der zeitgenössischen Musik dabei.

Ich gebe zu, dass mein Einblick in Anthony Braxtons Arbeit vorher noch nicht so tief war. Ich kannte natürlich seine Musik, hatte mich aber mit ihr noch nicht eingehend beschäftigt. Nachdem ich mich dann mit seinen Konzepten und Ansätzen etwas beschäftigt hatte, war mein erster Gedanke: Das könnte eine ziemliche Herausforderung werden. Als dann die Noten da waren, hat sich dieser Gedanke auch bestätigt. Ich tauchte in die Materie ein und konnte mich während des Prozesses nicht so recht entscheiden, ob mich diese Musiksprache erreichen würde. Doch all das veränderte sich dann, wie es oft passiert, nach dem ersten realen gemeinsamen Spielen!

Musik ist dazu da, um sie live zu erleben!

Die erste Probe hat mich vollkommen in den Stoff und die Idee des Projekts hineingezogen. Musik ist dazu da, um sie live zu erleben! Manche bekommen bereits den Zugang über die Aufnahmen, aber ich brauche die Musikerinnen und Musiker, ihre Bewegung, die Klänge, ihre Ideen und die Interkation um mich herum, um Musik zum Leben zu erwecken. Ich finde es übrigens auch fabelhaft, dass wir bei diesem Projekt mit verschiedenen Orchesterszenen zusammenarbeiten. Genau diese Räume dazwischen, jenseits von Begrenzungen durch Genres und Konventionen, die Suche nach neuen gemeinsamen Sprachen und die innovative Kraft der Improvisation darin interessieren mich und das ist auch die Grundidee unseres Trickster Orchestra. Anthony Braxtons Musik und Konzepte eignen sich dafür hervorragend. Sein Genom oszilliert zwischen komplex notierten Passagen und weiten, freien Momenten.

Ich habe im Reden über Sonic Genome den Eindruck bekommen, dass es Anthony Braxton um eine Art von Überforderung der Musiker*innen geht – 200 Seiten Noten, eine sehr spezifische Notation, in die man sich erstmal reinfinden muss, der nicht sehr langer Vorlauf vor dem Projekt – wie ist das für Dich? Es fielen in diesem Zusammenhang auch Stichworte wie Angst, aber auch Freiheit, wie geht das zusammen?

Überforderung würde ich es nicht nennen, Herausforderung finde ich ein besseres Wort, weil man wirklich aus seiner Comfortzone geholt wird und sich für einen neuen Ansatz öffnen muss. Aber es stimmt: Es gibt Kompositionen von Anthony Braxton, die nicht spielbar sind. An dieser Stelle wird es total spannend, wie die Musikerinnen und Musiker damit umgehen. Manchmal ist die notierte Musik so komplex geschrieben, dass sie dazu verleitet, sich eben gerade nicht auf die Noten zu konzentrieren, sondern sich auf ein Gefühl einzulassen – Komplexität führt in die Emotion. Es geht bei alldem ganz zentral und fast fundamental um die Kraft der Musik selbst und die Freude am Moment des gemeinsamen Musizierens. Die perfekte Umsetzung dieser Noten in diesem Moment würde allerdings sicherlich diese Idee, die dahinter steckt, zerstören. Außerdem geht es um den Spirit gemeinsam Risiken einzugehen – was macht eine so begründete musikalische Praxis mit der Musik?

Aus der eigenen Comfortzone geholt

Ich beobachte gerne, wie alle Beteiligten damit ganz individuell umgehen und genieße die unterschiedlichen Begabungen, die so in verschiedenen Momenten aufblühen können. Genau dadurch entsteht die große Kraft dieser Musik. Es gibt Momente, in denen unglaublich viel Freiheit existiert – mehr, als ich vorher erwartet hatte. Mal gibt es graphische Notation, mal unspielbare Noten, dann überrascht ein harmonischer Orchestermoment. Ich brauche das ehrlich gesagt alles, diese ganze Bandbreite von Klang und Musik, das volle Spektrum aus Utopie, Schönheit, Groove. Es ist ein in Worten unbeschreibliches Erlebnis, wenn es 60 Musikerinnen und Musikern gelingt gemeinsam zu grooven!

Das in Bezug auf das Projekt beschworene Gemeinschaftsgefühl, den „sense of community“, empfindest Du das auch?

Ja, das passiert vor allem in den kleineren Gruppen – ich mag diese Nähe sehr gern. Da ergibt sich sehr organisch, fast suchend eine intensive Intimität. Ich glaube, dass wir solche Begegnungsräume und auch Konzepte, in denen eine solch tiefe musikalische Nähe entsteht, brauchen, um die unterschiedlichen Berliner Szenen und Ensembles so zusammenzubringen, dass eine kreative, nach vorn gerichtete Auseinandersetzung geschieht. Daraus können Impulse für neue Musiksprachen entstehen. Das Projekt ist ein Katalysator für neue musikalische Erfahrungswelten. Ich werde sicherlich einige Ansätze auch in meiner eigenen Arbeit übernehmen und ich denke, so entspricht es auch dem Grundgedanken des Genoms, der Zelle, von Anthony Braxton. Deswegen ist die Musik von Anthony Braxton und die Art und Weise, wie die Musikerinnen und Musiker damit umgehen, eine große Inspiration für mich.

Du hast gesagt, dass Du es gut findest, dass jetzt so viel Berliner Szene beim Berliner Jazzfest stattfindet – könntest Du dazu noch etwas mehr sagen?

Ich bin sehr dankbar, dass beim Jazzfest inzwischen die internationale und die lokale Berliner Szene in eine gute Balance gebracht werden.

Hier geschieht etwas Einzigartiges

Es geht sogar darüber hinaus, denn Nadin Deventer schafft mit Projekten wie dem Sonic Genome ja sogar Möglichkeiten, dass beide Ebenen nicht nur präsent sind, sondern sich musikalisch produktiv auseinandersetzen. Ich schätze diese neue Balance, die mit Richard Williams begann, sehr, denn sie zeigt, dass in allen Metropolen der Welt Jazzmusik auf höchstem Niveau existiert – und das gilt natürlich auch für Berlin. Gerade Berlin ist eine Stadt, die durch ihre Geschichte im späteren 20. Jahrhundert ausgesprochen reich an Künstlerinnen, Künstlern und deren Ideen ist. Ich stelle das oft fest: Hier geschieht etwas Einzigartiges in der Mischung verschiedener Traditionen und Sprachen, in der Offenheit, die eigene Herkunft und das eigene kulturelle Wissen zeitgenössisch neu zu verhandeln. Der experimentelle Raum, der aus dieser menschlichen und kulturellen Diversität hier entsteht, ist ganz anders als zum Beispiel in New York oder London. Die künstlerische Vielschichtigkeit, die wir hier erleben, sprengt immer wieder ideenreich und virtuos Grenzen – man muss sich nur auf die Komplexität und das künstlerische Niveau außereuropäischer Traditionen einlassen, ihnen einen kulturellen Wert auf Augenhöhe zusprechen. Berlins öffentliche Kultur fördert zudem einen ganz besonderen kollektiven Geist. Berlin hat in diesem Sinne seinen eigenen Stil, seinen eigenen Groove. Ein so großes Festival wie das Jazzfest kann diese vielen verschiedenen Farben, gerade auch die lokalen, deswegen auch selbstbewusst zeigen.

Das Interview führte Bettina Bohle. Es wurde zur besseren Lesbarkeit überarbeitet.

Über Bettina Bohle 152 Artikel
Studium der Musikwissenschaft, Gräzistik, Philosophie in Glasgow, Greifswald, Padua, London Promotion in Antiker Philosophie an der FU Berlin kulturpolitisch aktiv in der IG Jazz Berlin und der Koalition der Freien Szene

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